Eva Müller – Gott hat hohe Nebenkosten (Hörbuch, gelesen von Sofia Brandt)

0
0
0

Eva Müller - Gott hat hohe Nebenkosten (Hörbuch)Es sorgte in der Presse für nicht wenig Aufruhr: Die äußerst beliebte und engagierte Erzieherin Bernadette Knecht leitete fast eine Dekade lang einen katholischen Kindergarten in Rauschendorf bei Bonn und wurde nicht zuletzt aufgrund ihrer Kompetenz in den höchsten Tönen gelobt. Doch sie hätte ihr Privatleben besser verschweigen sollen, denn die Tatsache, dass ihre Ehe in die Brüche ging und sie nach einiger Zeit mit einem anderen Mann liiert war, stieß in der Kirche auf Unverständnis, denn sie habe damit gegen die moralischen Grundsätze der katholischen Kirche verstoßen. Sie wurde unmittelbar entlassen. Die Eltern der Kinder sind fassungslos und entrüstet. Spontan und sukzessiv immer besser organisiert verkünden sie ihren Unmut über diese Entscheidung und setzen sich für Bernadette Knecht ein – denn sie möchten, dass ihre Kinder weiterhin von Frau Knecht erzogen werden.

Während sich aus den anfänglichen Beschwerden nachgerade Strategien entwickeln, stoßen die Eltern auf ungeheuerliche Fakten. Fakten wie jene, dass zahlreiche kirchliche Einrichtungen nur zu einem verschwindend geringen, einstelligen Prozentsatz von der Kirche selbst finanziert werden und stattdessen der Staat als Geldgeber fungiert. Ein großer Teil jener Institutionen wird unglaublicherweise gar komplett vom Staat finanziert. Jeder Bundesbürger bezahlt demnach, ganz gleich, ob er Kirchenmitglied ist, kirchliche Einrichtungen aus seiner Tasche. Die Crux dabei: Zu melden, was in jenen Einrichtungen geschieht, hat weder der Bürger noch der Staat etwas – das bleibt einzig und allein den jeweiligen Kirchen vorbehalten.

Die christlichen Kirchen nehmen, obwohl die Zahl der Kirchenaustritte kontinuierlich steigt, immer mehr Einfluss auf all diese refinanzierten Institutionen, und dies hat mittlerweile ein Maß erreicht, das für Menschen mit gesundem Verstand und einem Mindestmaß an Toleranz nicht mehr nachvollziehbar und hinnehmbar ist. Denn während wir zum Zeitpunkt des Ereignisses und der Entstehung des Buches das Jahr 2012 schreiben, agieren und fällen die Kirchen Entscheidungen nach obsoleten Mustern und Werten, die selbst im 20. Jahrhundert unter einer meterdicken Staubschicht begraben und mit der Moderne kaum noch vereinbar waren.

Die Journalistin und Autorin Eva Müller geht mit der Kirche berechtigt hart ins Gericht und betreibt hierbei saubere Recherche. Interviews mit und Erzählungen von Involvierten Personen sowie zitierter Schriftverkehr flankieren die fundierten kritischen Worte, und wenn man sich so die Ausführungen und Enthüllungen über diverse Ärgernisse und Undinge zu Gemüte führt und diese diversen Reaktionen seitens der Kirche gegenüber stellt, wird deutlich, wie eingefahren gerade die katholische, aber auch die als deutlich moderner geltende evangelische Kirche reagiert und argumentiert.

Bestandteil des Buches ist auch, wie beleuchtet wird, dass die christlichen Kirchen hierzulande teilweise eine beinahe glaubensfaschistische Einstellung an den Tag legen und zahlreichen qualifizierten Arbeitnehmern, die die falsche oder keine Konfession vorweisen können oder wollen, die Chance auf die Ausübung ihres Berufs bereits im Vorfeld verwehren oder nicht getaufte Kinder zu religionsgeprägter Erziehung genötigt werden. Es muss kaum angemerkt werden, dass auch potentielle Arbeitnehmer sowie Kinder mit Migrationshintergrund vor einem ernsthaften Problem stehen, denn sie haben entweder erst gar keine Chance, einen Fuß in die Tür zu bekommen, oder aber wird ihnen oktroyiert, zum „richtigen“ Glauben zu konvertieren. Mit Toleranz oder Respekt hat das wahrlich wenig zu tun.

Eva Müller greift diese und noch weitere Themen auf komplexe und ausführliche Weise auf, wobei sie es geschickt vermeidet, einen reißerischen Stil zu pflegen und blind auf die Kirche einzuprügeln. Stattdessen werden sachlich und präzise mit Zahlen und Fakten die Missstände dargelegt, es werden gar Vorschläge angebracht, wie Staat und Kirche unabhängig voneinander funktionieren könnten – Beispiele, dass Kirche und Staat in jeweiliger Autarkie ausführbar sind, gibt es letztendlich zuhauf.

„Gott hat hohe Nebenkosten“ ist ein Zündfunke, der den Nachdenkmotor in Gang setzt – neue Aspekte und zuvor unbekannte Informationen regen zum Überdenken und Anzweifeln an, die Diskrepanz zwischen „Gottes oberen Etagen des Bodenpersonals“ und der regulären Arbeitswelt wird deutlich skizziert. Darf das kirchliche Arbeitsrecht über dem bundesgesetzlichen Arbeitsrecht stehen? Ebenso wird schonungslos die Inakzeptabilität des Umstandes, dass die Kirche tief in das Privatleben einzelner Menschen eingreift, dokumentiert, und so entstehen auch Nebenkosten jenseits des finanziellen Kontexts.

Sofia Brandt, Schauspielerin und Ehefrau des ebenfalls im Schauspielgeschäft tätigen Willy Brandt-Sohnes Matthias Brandt, trägt „Gott hat hohe Nebenkosten“ zwar anfangs etwas gewöhnungsbedürftig vor, doch die eindringliche Stimme der Sprecherin spiegelt in unverzerrter Form die Empörung und Aufregung wider, die seitens der Autorin und all den Beteiligten in oftmals hohen Wellen durch das Erzählte schwappen. Der Zuhörer wird auf diese Weise mitgerissen, sein Kreislauf wird in Schwung gebracht, und seine Augen werden ein Stück weit geöffnet.

Dieses Hörwerk, welches via Kiepenheuer & Witsch auch als Buch veröffentlicht wurde, ist demnach nicht nur für überzeugte Agnostiker, Atheisten und Kirchengegner wertvolle (Audio-)Lektüre, sondern auch für Kirchengeschädigte, -opfer, und ja, auch  für Kirchenmitglieder, -personal und -obrigkeiten.

 Cover © ROOF Music/tacheles!

 

  • Autor: Eva Müller
  • Titel: Gott hat hohe Nebenkosten: Wer wirklich für die Kirchen zahlt
  • Verlag: ROOF Music/tacheles!
  • Erschienen: 03/2013
  • Sprecher: Sofia Brandt
  • Spielzeit: 260 Minuten, mp3-Download
  • ISBN: 978-3-86484-037-1
  • Sonstige Informationen:
    Produktbeschreibung und Download @ roofmusic.de

 

Wertung: 12/15 dpt

0
0

Über den Autor

0
0

Chris‘ Nerd-Schreibtisch

Gebürtiger Mannheimer. Jahrgang 1974. Lebt seit 2001 mit Frau und zwei Töchtern südwestlich von Kassel. Besessen von Büchern, Serien, Hörbüchern, Kaffee und Königsberger Klopsen. Schätzt tiefgründige Gespräche und meidet belanglosen Smalltalk. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.

 

∇ mehr über Chris Popp/Kontakt
0
0

Schreibe einen Kommentar

Kommentiere als Erste(r)!

Benachrichtigung, wenn:
avatar

wpDiscuz