Heinz Strunk – Junge rettet Freund aus Teich (Hörbuch, Autorenlesung)

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Heinz Strunk - Junge rettet Freund aus Teich (Hörbuch)

Roman numero fünf ist mit weitem Abstand das bislang autobiographischste der gesamten Werke Heinz Strunks, und das aus einem völlig logischen Grund, denn in „Junge rettet Freund aus Teich“ erzählt der junge Mathias Halfpape vom Schulkindesalter an bis hin zum vierzehnten Lebensjahr aus seinem Leben – der Mensch, der hinter dem Künstlernamen Heinz Strunk steckt.

Im Jahr 1966 ist Mathias gerade einmal sechs Jahre alt und ist völlig aufgeregt, denn er kommt demnächst in die Schule. Er durchlebt seine jungen Jahre noch einigermaßen unbeschwert und erklärt sich das Leben, so wie es ist, anhand seiner eigenen Logik. Zusammen mit Mutter, Opa und Oma erlebt er eine zwar eigenartige Kindheit, doch letztendlich fühlt er sich noch recht wohl in seiner Haut. Zu viele Gedanken macht sich klein Halfpape noch nicht, aber er beginnt anhand seiner bereits früh erlangten Beobachtungsgabe durchaus schon, dass Mama manchmal etwas merkwürdig ist, die Nachbarn teilweise ganz schön herumnerven können und auch die Großeltern so ihre Marotten haben.

Während des zweiten Teils, der im zehnjährigen Alter weiterspielt, kristallisiert sich allmählich heraus, dass mit Mutter etwas nicht in Ordnung zu sein scheint, und gerade in den Situationen, in denen sie sich eigentlich mit Mathias freuen sollte – beispielsweise, als er die Sommerferien bei Oma Emmi auf dem Land verbringt und er mit den anderen Kindern, die so ganz anders aufwachsen, Unmengen an Spaß hat -, begegnet sie seiner Glücklichkeit eher mit Missgunst. Oft fragt er sich: Was hat sie denn eigentlich immer? Auch schulisch entwickelt sich das bunte Treiben eher zu einem tristen Grau im unteren Notenbereich, da er im Gymnasium immer weniger mitkommt und manche Dinge einfach nicht mehr versteht. Stück für Stück ziehen Wolken der Bedrücktheit und der Zweifel, der Verzweiflung und Hilflosigkeit auf, die Unbeschwertheit der Tage im einstelligen Alter löst sich allmählich in nichts auf.

1974, als Mathias vierzehn Jahre alt ist, wird es auch nicht besser, denn seine Mutter sorgt dafür, dass Opa „endlich“ in ein Heim kommt. Oma hingegen soll alleine zurechtkommen. Beides sind Entscheidungen, die in Mathias‘ Kopf nicht funktionieren und akzeptiert werden wollen – doch was soll er schon großartig tun? Sich wohl mit dem Schicksal abfinden, dass alles so ist, wie es ist – und auch damit zu leben lernen, dass Mutters Entwicklung eher den Bach runter gehen wird. So muss Mathias unter der regelrecht obsessiven Kontrollwut seiner Erzeugerin leiden, und am Ende sieht es wohl ganz danach aus, als ob er selbst das Ruder in die Hand nehmen muss, damit ein Klarkommen auf dieser Welt möglich ist.

In jener Zeit entdeckt Mathias auch seine Sexualität, erlebt die ersten richtig üblen Enttäuschen hinsichtlich Freundschaften oder solch schwebenden Zuständen, die er als Freundschaft interpretiert, und durch all die Lasten, die auf seinen Schultern liegen, wird er regelrecht genötigt, schneller erwachsen zu werden als es eigentlich für einen Teenager vorgesehen ist.

Mehr noch als im Buch fällt auf, dass Strunk die Erzählstile den jeweiligen Lebensphasen angepasst hat. So liest er das erste Drittel ähnlich aufgeregt wie ein sechsjähriger Knirps, der ganz schön viel loszuwerden hat, wobei der Autor auch kindestypische Aussprache- und Grammatikfehler („der Einzigste“) in den Text einfließen lässt, als sei es das Natürlichste und Normalste überhaupt. Mit zehn wird der quietschfidele Junge so langsam ruhiger, und als Strunk dann in seine Rolle als Vierzehnjähriger schlüpft, bemerkt man bereits deutlich, dass das junge Leben für ihn eher einem Hindernislauf mit vielen Rückschlägen und Enttäuschungen gleichkam: Freunde entwickelten sich negativ, das familiäre Nest löste sich mehr und mehr auf. und Mathias musste sich fragen: Was soll das alles eigentlich?

Wie immer macht der Norddeutsche kein Geheimnis um seine Herkunft und liest sein Werk in seinem unverwechselbaren, einzigartigen Stil: Flapsig, typisch hamburgerisch gefärbt, mit dem anfangs gewöhnungsbedürftigen aber schnell liebgewonnenen Lispeln. Auch legt er all den Charakteren einmal mehr eine jeweils eigene Stimmlage in den Mund, Geschrienes wird geschrien, Gestammel wird gestammelt – Faktoren, die das Ganze sehr lebendig werden lassen. Und – das macht seine Art des Vorlesens erst so sympathisch und echt – wieder einmal werden kleine Verhaspler und Fehler einfach auf Konserve belassen, teilweise verkichert, gerne auch kommentiert, gesungene Stellen werden herrlich schief dargeboten und ebenfalls mit diversen Reaktionen quittiert – und sowohl das offensichtliche Schmunzeln, das ihn beim Lesen übermannt als auch die Traurigkeit, die er stellenweise wiederfühlt, überträgt sich dadurch buchstäblich auf den Hörer. Der kann sich seinerseits ernstgenommen fühlen, vor allem auch, weil man das Gefühl hat, dass Heinzer sein „Gegenüber“ das Erlebte hautnah miterleben lässt.

Melancholie und Tristesse geht Hand in Hand mit Unterhaltsamem und Unfug, und das ist eine Melange, die der Autor seit jeher meisterhaft zu kreieren vermag. Auch ist sein individueller Schreibstil ein Qualitätsmerkmal jenseits der Norm, denn hier geht es nicht darum, einen überbewerteten Literaturpreis zu erlangen, in dem es meistens nur darum geht, mit teils ungeschriebenen literarischen Gesetzen konform zu gehen, sondern um Echtheit und Ehrlichkeit. Ein Strunk-Hörbuch zu hören, das ist nicht nur das Vorlesenbekommen eines Buches – nein, es ist ein Erlebnis, in das man regelrecht involviert wird.

 Cover © ROOF Music/tacheles!

  • Autor: Heinz Strunk
  • Titel: Junge rettet Freund aus Teich
  • Verlag: ROOF Music/tacheles!
  • Erschienen: 03/2013
  • Sprecher: Heinz Strunk
  • Spielzeit: 331 Minuten auf 4 CDs
  • ISBN: 978-3-86484-026-5
  • Sonstige Informationen:
    Ungekürzte Autorenlesung

Wertung: 12/15 dpt

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Über den Autor

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Chris‘ Nerd-Schreibtisch

Gebürtiger Mannheimer. Jahrgang 1974. Lebt seit 2001 mit Frau und zwei Töchtern südwestlich von Kassel. Besessen von Büchern, Serien, Hörbüchern, Kaffee und Königsberger Klopsen. Schätzt tiefgründige Gespräche und meidet belanglosen Smalltalk. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.

 

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1 Kommentar zu "Heinz Strunk – Junge rettet Freund aus Teich (Hörbuch, Autorenlesung)"

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Tommy
Besucher
3 Jahre 5 Monate her

Ich mag ja diese traurige Stimmung in Heinz Texten. Vermischt mich diesen teils indlichen Auszügen ein wirklich gelungenes Buch. Wer noch ein Buch für die kurze Weile sucht ist hier sicherlich bedient. Soweit ich weiß gibt es auch schon eine Hörbuchfassung bei audible.de

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