Gary Shteyngart – Super Sad True Love Story (Buch)

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Gary Shteyngart - Super Sad True Love Story (Buch)Willkommen in Nerdistan – das war der erste Gedanke, der durch des Rezensenten Cerebrum schwirrte, nachdem selbiger sich durch die ersten fünfzig Seiten dieses Romans gepflügt hat. Der Eindruck manifestiert sich mit zunehmender Lesedauer, denn das Szenario, in das uns der in Leningrad geborene Sohn jüdisch-russischer Eltern, welche mit ihm an seinem siebten Lebensjahr in die Vereinigten Staaten von Amerika ausgewandert waren, hineinwirft, hat nicht mehr viel mit Menschlichkeit zu tun. „Super Sad True Love Story“ spielt in nicht allzu ferner Zukunft in einem dystopischen New York: Amerika ist bei den Chinesen hoch verschuldet, der US-Dollar ist an den Yuan Renminbi gekoppelt, und das digitale Zeitalter hat die Gesellschaft praktisch vollständig in der Hand.

Einige Staaten sind bereits Eigentum diverser Konzerne und Verschmelzungen ebensolcher, die ihrerseits durch ihren Monopolismus totale Macht ausspielen, auf den Straßen ist teilweise die Hölle los, doch die eigentliche Katastrophe spiegelt sich in der Entwicklung der Konsumgesellschaft wider. Smartphones sind mittlerweile obsolet, Facebook-Likes sind ein Relikt aus der Steinzeit. Stattdessen trägt jeder ein Gerät mich sich, das sich „Äppärät“ nennt und sämtliche persönlichen Daten ihrer Besitzer – auch Käufe und generelles Kaufverhalten, sexuelle und ethnische Vorlieben, sexuelle Neigung, politische und religiöse Gesinnung, Stammbaum oder Gesundheitszustand – aufzeichnen und für alle anderen in hundertprozentiger Transparenz offen legen. Die Bonität eines Menschen wird obendrein ermittelt, indem er an in regelmäßigen Abständen aufgestellten Masten vorbeigeht, an welchen die Allgemeinheit den dort aufleuchtenden Wert problemlos ablesen kann. Auf den Äppäräten kann auch ein jeder seine eigenen Rankings und die der anderen in Echtzeit abrufen, wobei Attraktivität, Nachhalt¥gkeit, Charakter und sogar der – ja, so steht’s im Buch! – Fickfaktor berücksichtigt werden. Ebenso kann auf diesem Post-Post-Smartphone-Gerät abgelesen werden, was der andere gerade für jemanden empfindet oder über ihn denkt.

Gelesen wird im Grunde nur noch auf diesen Äppäräten, meist, um flüchtige Informationen via Nachrichten- und Privat-Streams zu extrahieren – auch der kommunikative Austausch findet fast ausschließlich über dieses Gerät via GlobalTeens-Network statt. Mittlerweile bewegen sich die USA in Höchstgeschwindigkeit auf den Analphabetismus zu, die Oberflächlichkeit hat die Oberhand erlangt, und der Mensch besteht nur noch aus Zahlen und Faktoren, anhand derer er bewertet wird. Sind die Bewertungen niedrig, wird derjenige auch als minderqualitativer Mensch angesehen, gerne auch öffentlich bloßgestellt – diametral machen gute Zahlen einen guten Menschen aus. Liebe hat in diesem elektronischen Kosmos keinen Stellenwert mehr, stattdessen ist die einzige Zuneigungsform, die die nachrückenden Generationen einander zu signalisieren in der Lage sind, kalter Sex. Zu bitterironisch, dass die Shops, in denen man Kleidung erwerben kann, Namen wie JuicyPussy und Ass Luxury tragen und sogenannte Onionskin-Jeans in Mode sind, die nichts weiter sind als eine durchsichtige Körperbedeckung nabelabwärts, welche restlos alles offenbart und entsprechende Instinkte beim Gegenpart wecken soll.

Nun fährt „Super Sad True Love Story“ zweigleisig, was bedeutet, dass die beiden Protagonisten dieses schrägen Romans abwechselnd je eine Art Kapitel zugeteilt bekommen.

Lenny Abramov, wie sein Erschaffer Shteyngart das eheliche Produkt jüdisch-russischer Erzeuger, die mit ihm gen USA ausgewandert sind, wurde bereits an den gesellschaftlichen Rand gespült, weil er als Enddreißiger zur älteren Generation zählt und hinsichtlich Attraktivität und Fickfaktor eher die unteren Ränge bedient – käsige Haut, haarige Brust, lichte Stellen am Kopf, etwas Bauch. Lediglich Charakter und Nachhalt¥gkeit sind akzeptabel. Doch auch er ist auf der Suche nach Akzeptanz, nach Liebe – und vor allem nach Menschlichkeit, fernab des digitalen Wahnsinns. Die Gefühle und seine Erfahrungen mit der Frau, die er abgöttisch liebt, schildert er höchst emotional in seinem Tagebuch, wobei er kein Detail auslässt, seine Depressionen, Wünsche, Sehnsüchte, Gelüste und Lüste, seine philosophischen Gedanken niederschreibt – so, als ob all das, was sich in Lennys Kopf abspielt, heraus muss, bevor sein Leib zerbirst. Doch auch seiner Angebeteten gegenüber macht er keinen Hehl aus den Empfindungen für sie und lässt hierbei seinen Tränen gerne auch mal freien Lauf.

Die zierliche, hübsche, koreanischstämmige Eunice Park, Lennys Objekt der Begierde und aus seiner subjektiven Sicht die absolute Liebe seines Lebens, ist deutlich jünger als er und hoffnungslos in den Klauen der Technik gefangen. Sie entpuppt sich als schwieriger Mensch, denn sie ist nie mit sich zufrieden, leugnet sich oftmals selbst, ist sehr unstet in ihrem Wesen und legt oftmals eine harsche Natur an den Tag. Ebenso fehlt ihr fast vollständig die Fähigkeit, anderen Menschen im „real life“ Gefühle zu zeigen. Dennoch befinden sich jene Attribute, die bei Lenny im roten Bereich angesiedelt sind, bei Eunice in tiefgrünen Regionen – sie könnte jeden haben, den sie wollte. Doch irgendwie scheint sie an dem unattraktiven, alten Kerl zu hängen, zumal ihr Helfersyndrom häufig anschlägt, denn er ist offensichtlich kaum überlebensfähig, kleidet sich aus ihrer Sicht unmöglich, weiß nicht so recht, wie man sich selbst und seine eigenen vier Wände richtig pflegt. Doch ist es nun Liebe, die sie für ihn empfindet? Oder ist es Mitleid? Oder gar beides?

Im Gegensatz zu Lennys Tagebucheinträgen bestehen Eunice‘ Kapitel ausschließlich aus GlobalTeens-Nachrichtenaustausch, wahlweise in Form ähnlich des Mailverkehrs oder ähnlich des Instant-Messaging-Chats. Ihre Gefühle, ihre Bedenken, ihre Wünsche, ihre Selbstzweifel und ihre Wut, all die Regungen, die sich aus ihrem Innenleben einen Weg nach außen bahnen, vertraut sie überwiegend ihrer besten Freundin und ihrer Schwester an, doch auch mit einer ganzen Menge anderer Personen kommuniziert und diskutiert sie und stößt ihre einzelnen Gesprächspartner wiederholt vor den Kopf. Nun versuchen sich Eunice und Lenny irgendwie zu arrangieren, wobei sich Lenny selbstverständlich nichts sehnlicher wünscht als mit dieser für ihn perfekten Frau alt zu werden – und Eunice menschliche Züge entlockt, die sie selbst verwirren und oftmals auch entsetzt realisieren muss. Sie befindet sich in permanentem innerem Zwiespalt und kann sich selbst nicht beantworten, ob sie und Lenny nun zusammengehören oder nicht.

Auf weit mehr als vierhundert Seiten wird der Leser Zeuge emotionalen Chaos‘ zweier Menschen, die ihrer puren Existenz als lebende Organismen inmitten all dieser Bits und Bytes, all der Einsen und Nullen, all der Netzwerkerei und Streamerei in unterschiedlichem Maße gewahr werden und jeder für sich erneut lernen muss, mit dieser Tatsache umzugehen oder sie generell zu akzeptieren. „Super Sad True Love Story“ ist die Sorte Roman, die sich fast ausschließlich in den Köpfen der Hauptfiguren abspielen – die Gehirne rattern unaufhörlich, und die Wortgewalt, mit der die Worte aus den zweien heraussprudeln, hat beinahe eine erschlagende Wirkung. Man unterschätzt dieses Buch schnell, weil es gerade in Taschenbuchform durch seine eher kleine Größe und durchschnittliche Dicke eher wie ein Wochenendschmöker anmutet. Doch was zwischen den beiden Buchdeckeln steckt, besitzt gut und gerne die Substanz eines 1200-Seiten-Werkes, sodass man unüblich häufig eine kurze Lesepause einlegen muss, um all die gerade erhaltenen Informationen, die beinahe füllstoffrei aus jeder Zeile springen, verarbeiten zu können. Hinzu kommt, dass die Story im krassen Kontrast zur medialen Schnelllebigkeit sehr ausführlich und langsam erzählt wird.

Der Weg bis zum Ende dieses real-surreal-skurrilen, ja „skur(r)ealen“ Romans erweist sich demnach als sehr kräftezehrend, beanspruchend und scheinbar endlos lang, aber es lohnt sich als Beobachter, den Pfad mitzuschreiten, um am Ende eine Antwort auf alles zu erhalten. In der Presse wird der Roman häufig als eine Mixtur aus „1984“ und Woody-Allen-Werken beschrieben, was durchaus nachvollziehbar ist, doch das würde „Super Sad True Love Story“ in ein Raster pressen, das dem Druckerzeugnis nicht gerecht würde. Ab und zu meint der Verfasser dieser Zeilen an manchen Stellen Parallelen zur „Daemon/Darknet“-Dilogie auszumachen, lediglich ohne Blut und all die kriegerischen Elemente, doch auch jene, die Andreas Eschbachs „Out“-Trilogie zu schätzen wissen, werden hier ein paar Gemeinsamkeiten finden. Obendrein läge die Vermutung nicht fern, dass auch in Gary Shteyngarts Bücherregal „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace zu finden sein könnte. Doch letztendlich sind all diese Verlgeiche nichts weiter als hilflose Spekulationen und der Versuch der Herstellung von Querverweisen

Shteyngart hat mit diesem Epos ein „Was könnte in wenigen Jahrzehnten Realität sein?“-Szenario eine gleichermaßen verrückte und schräge wie auch ernste, nicht sehr abwegige, morbide und erschreckend echte, beinahe warnende Zukunftsvision erschaffen, die den Leser bis ins Knochenmark zu erschüttern vermag.

 Cover © rororo

 

 

Wertung: 14/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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