Roman Ehrlich – Das kalte Jahr (Buch)

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Roman Ehrlich - Das kalte Jahr (Buch)»Die Ereignisse aus einer länger zurückliegenden Vergangenheit, vor allem solche aus einer Zeit, in der über dem Ort einmal die Sonne stand, Blätter an den Bäumen hingen und Besucher auf den Freisitzmöbeln an der Strandpromenade Fischgerichte verzehrten, scheinen ihnen allen längst verschwommen und unklar geworden zu sein. Keiner, so kommt es mir in diesen Tagen oft vor, traut sich mehr so recht, über diese Zeit zu sprechen. Aus Angst, er könnte sich da etwas zusammenfantasiert haben, wonach ihn die restlichen Ortsbewohner für endgültig verrückt geworden erklären müssten.«

Der Himmel scheint marmoriert und grau, die Sonne hat sich lange nicht mehr aus den steinernen Wolkenformationen herausgeschoben. Es schneit, seit Monaten schon, und das Land liegt unter einer blütenweißen Decke eisigen Schnees. Ein namenloser Protagonist macht sich zu Fuß auf den Weg an die Küste, zum Haus seiner Eltern, auf ehemaligem Militärgelände. Er hält es zuhause nicht mehr aus, eine gewisse „Innenraummüdigkeit“ befällt ihn, und so wandert er entlang an Autobahnen, an zerfurchten und verschneiten Feldern, vorbei an leerstehenden Möbelhäusern und anderen architektonischen Zivilisationsrelikten bis zu seinem Elternhaus. Wo er allerdings statt seiner Eltern einen Jungen namens Richard vorfindet.

Was mit seinen Eltern geschehen ist, erfährt er nicht, doch vor lauter Erschöpfung tritt er ein, wird eingelassen von einem Fremden, der sich das Haus angeeignet hat wie ein Krebs am Strand beiläufig in eine Muschel schlüpft, die er vorfindet. Richard ist wortkarg, und ihm gewisse Fragen zu stellen, bedeutete unweigerlich, ihn zu verjagen wie ein scheues Reh. Keine Fragen über die Eltern des erzählenden Protagonisten, keine Frage über etwaige Schulbesuche oder die Eltern des Jungen. Der hat sich derweil im alten Kinderzimmer des Erzählers eingerichtet und arbeitet dort an seltsamen Werkstücken, gehämmerten und geleimten Formationen aus Holz, Nägeln und allerlei anderen Materialien.

„Das kalte Jahr“ ist Roman Ehrlichs Debütroman. Der 1983 in Aichach geborene Autor studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, war Stipendiat der Wiener Werkstatttage des Burgtheaters, nominiert für den open mike und las just in diesem Jahr in Klagenfurt beim Ingeborg-Bachmann-Preis. Was sich zunächst beinahe wie eine klassische Dystopie liest, wie der Entwurf einer eisigen Welt ohne Menschen, entpuppt sich als viel mehr. Als beinahe märchenhafte Allegorie auf Einsamkeit und Isolation in einer, nicht nur sprichwörtlich, sondern tatsächlich erkalteten Umwelt. Selbst kleine Ahnungen von Wärme und Mitmenschlichkeit werden heruntergebrochen auf etwas technisch Steriles. So nimmt der Protagonist eine Arbeit bei dem Fernsehtechniker Letterau an und wird damit betraut, den Bewohnern des Ortes Videokassetten mit dem Wichtigsten aus Film und Fernsehen zu bespielen. Da aufgrund der Wetterverhältnisse kaum jemand noch einen funktionstüchtigen Anschluss besitzt, bilden diese Videokassetten menschlichen Lebens und Miteinanders Letteraus einzige Einnahmequelle.

Das Leben in Eis und Schnee bietet wenig Möglichkeit zu Betätigung oder Unternehmung. Die übliche Hektik des Alltags ist völlig zum Erliegen gekommen, das gesellschaftliche Leben gewissermaßen auf Eis gelegt. In dieser den Umständen geschuldeten Vereinzelung beginnt der Protagonist, Richard historisch verbürgte Geschichten zu erzählen. Keine jedoch, die erfreuen. Es sind Geschichten von Naturkatastrophen, von Vulkanausbrüchen, von persönlichen Schicksalen, von Louis Lingg und den Anarchisten Chicagos, die 1887 gehängt wurden. Von einem Schiffsunglück und einer Familientragödie. Das Unglück als verbindender Faktor zwischen den Welten, zwischen dem Gestern und dem Jetzt.

Roman Ehrlichs Sprache ist poetisch, jedoch nicht auf eine verschnörkelte, sondern eine der Geschichte angepasste Weise. Kühl, aber doch filigran und voll Schönheit. Dieses Debüt zwischen Märchenhaftigkeit und trostloser Zukunftsvision verdient eine breite Leserschaft und womöglich sogar einen Diskurs über eben diese Kälte, die am Ende nur durch ein loderndes Feuer aufgebrochen werden kann.

Cover © Dumont Buchverlag

 

  • Autor: Roman Ehrlich
  • Titel: Das kalte Jahr
  • Verlag: Dumont Buchverlag
  • Erschienen: 09.07.2013
  • Einband: Gebunden mit Schutzumschlag
  • Seiten: 240
  • ISBN: 978-3-8321-9725-4
  • Sonstige Informationen:
    Erwerbsmöglichkeit

 

Wertung: 14/15 dpt

 

 
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Über den Autor

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Ehemalige Redakteurin (verließ uns 2014 wieder, um sich wieder voll ihrem Blog „Literaturen“ zu widmen)

Was gibt es so über mich zu erzählen, was in einen möglichst prägnanten und hübschen Fließtext passt? Ich bin 23 Jahre und bin mittlerweile ausgebildete Buchhändlerin. Ein antiquierter Beruf, mögen manche vielleicht denken, andere meinen, man säße als Buchhändler den ganzen Tag in dunklen Kammern zwischen staubigen Büchern und lese – die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen.

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[…] Sophie Weigand mit seinem Debütroman „Das kalte Jahr“ schwer zu begeistern wusste, ist eine zwiespältige Angelegenheit, mit Tendenz zur […]

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Roman Ehrlich – Das kalte Jahr (Buch)

von Sophie Weigand Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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