Mama (Spielfilm, DVD/Blu-Ray)

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Mama (Film) Cover © Universal Pictures Home EntertainmentAls die Finanzkrise 2008 ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht, dreht Geschäftsmann Jeffrey (Nikolaj Coster-Waldau) vollends durch. Neben seinen Geschäftspartnern muss auch seine Ehefrau für die finanzielle Misere mit ihrem Leben bezahlen, indem er auch sie tötet. Immer noch völlig neben der Spur, schnappt er sich seine beiden Töchter, die einjährige Lilly und die zwei Jahre ältere Victoria, packt sie ins Auto und rast wie von Sinnen in die Ferne. Durch die widrigen Wetterbedingungen, womöglich auch durch Selbstmordabsichten, kommt das Fahrzeug von der Fahrbahn ab, und so stürzen die drei hangabwärts in den Wald.

Wie durch ein Wunder überleben der Vater und die Töchter. Nach ein wenig Umherirren im Wald stoßen sie auf eine abgelegene Waldhütte und finden dort erst einmal Unterschlupf. Jeffrey scheint unglücklich mit dem Ausgang des Unfalls und will zuerst die beiden Mädchen und anschließend sich selbst töten. Doch als er ansetzt, Victorias Leben auszulöschen, erscheint eine unwirkliche Gestalt, rettet das Leben der Mädchen und rollt ihnen eine Kirsche zu, bevor sie wieder verschwindet. Fortan sind die beiden Kinder auf sich alleine gestellt und kämpfen ihren Überlebenskampf. Der Wald und die Hütte werden zum Zuhause für die beiden, und die Gestalt, die immer wieder auftaucht und die sie bald „Mama“ nennen werden, bietet ihnen offenbar für die nächsten Jahre Schutz und begleitet sie durchs Leben.

Ein jeder glaubt, dass Jeffrey und seine Mädchen tot sind, doch Jeffreys Zwillingsbruder Lucas (ebenfalls von Coster-Waldau gespielt) glaubt fest daran, dass zumindest die Kleinen noch leben, und tatsächlich findet er fünf Jahre später seine Nichten, welche sich durch das Waldleben in sehr verwildertem Zustand befinden. Daran lässt sich schnell etwas ändern, doch in den vergangenen Jahren haben sich Victoria (Morgan McGarry, später Megan Charpentier) und Lilly (Maja und Sierra Dawe, später Isabelle Nélisse) in ihrem Wesen sehr geändert und legen stellenweise äußerst rätselhaftes und beängstigendes Verhalten an den Tag.

Mama (Film) Szenenbild 1  © Universal Pictures Home EntertainmentLucas und seine Freundin Annabel behalten die Mädchen nach anfänglicher Skepsis dennoch bei sich, konsultieren jedoch zugleich Dr. Gerald Dreyfuss (Daniel Kash), den Leiter einer Wohlfahrtsklinik, damit der das Verhalten der Kinder analysieren kann. Er beobachtet hierbei, wie sie kontinuierlich Bilder an die Wand malen, mit einer Figur namens „Mama“ – eben jener Gestalt – sprechen, welche für sie einen Bestandteil ihres Lebens darstellt. Das Miteinander erweist sich nicht gerade als einfach, da die Mädchen durch ihr isoliertes Leben ihren ganz eigenen Rhythmus und ihre ganz eigenen Rituale verfolgen.

So anstrengend und ungewöhnlich die Situation auch ist, so finden Annabel und Lucas trotzalledem Zeit für sich – doch als die beiden sich ihre Zuneigung etwas intensiver zeigen wollten, meint Annabel eine sonderbare Gestalt gesehen zu haben. Lucas eilt zur Hilfe herbei, doch er wird von dieser Figur, die sich sichtbar als „Mama“ entpuppt, überwältigt, schwer verletzt und muss ins Krankenhaus eingeliefert werden, wo er einige Zeit lang im Koma liegt. So muss sich Annabel fortan erst einmal alleine um die zwei Mädchen kümmern, was Jane, die Großtante der beiden Kinder, gar nicht gern sieht. Sie glaubt, die Kleinen wären bei Annabel nicht gut aufgehoben, und einmal mehr muss Dr. Dreyfuss die junge Ersatzmutter davor schützen, dass Jane ihr Victoria und Lilly wegnimmt. Der Kontakt zu „Mama“ scheint ein großes Hindernis bei der Vertrauensgewinnung zwischen Mädchen und Annabel zu sein, und bald wird die toughe Musikerin von Albträumen geplagt, die hinsichtlich der für sie neuen Situation einiges an Sinn ergeben…

Nachdem die vom argentinischen Regisseur, Schauspieler und Drehbuchautor Andrés Muschietti erschaffene Originalvorlage „Mamá“, ein kaum mehr als drei Minuten dauernder Kurzfilm, für euphorische Reaktionen sorgte, sah sich Mexikaner Guillermo del Toro („Blade II“, „Hellboy“, „Pans Labyrinth“, „Das Waisenhaus“ und viele mehr) regelrecht dazu verpflichtet, gemeinsam mit Andrés und Barbara Muschietti sowie J. Miles Dale und Neil Cross eine große, opulente Kinoversion zu drehen.

Mit einer optisch ungewöhnlichen Jessica Chastain sowie Nikolaj Coster-Waldau sowie Daniel Kash hat man ein exzellentes internationales Schauspieleraufgebot zusammenstellen können, doch besonderes Augenmerk sollte hierbei natürlich den Kindern Lilly und Victoria gelten, die sowohl von den  genannten Kleinstkindern brillant und später grandios von den ebenfalls erwähnten, etwas älteren Mädchen dargestellt werden. Und auch für die mysteriöse Figur „Mama“ hat man mit  Javier Botet („REC“-Reihe, „Beneath Still Waters“) die perfekte Besetzung gefunden, denn der das Marfan-Syndrom mit sich tragende spanische Schauspieler, der seine dadurch entstandenen körperlichen Besonderheiten (zum Beispiel Spinnenfingrigkeit und eine extreme Flexibilität der Gelenke) zu seinem künstlerischen Vorteil nutzt, konnte seine Fähigkeiten hier perfekt ausleben.

Mama (Film) Szenenbild 2  © Universal Pictures Home EntertainmentPerfektioniert wird die Mama-Gestalt durch faszinierende CGIs, die das Ganze noch unwirklicher erscheinen lassen. Auch die sonstigen Effekte (Wände, Falter…) wirken extrem aufwändig und „teuer“ und machen zu keiner Zeit einen trashigen oder billigen Eindruck. Zusammen mit gut in Szene gesetzten Bildern und cleveren akustischen Effekten entsteht so ein Film von hoher atmosphärischer Dichte. Im Grunde kann man „Mama“ als eine Verschmelzung klassischer Horror-Schocker (was die Grundstimmung betrifft) mit moderner Filmkunst (was die Visualisierungen betrifft) bezeichnen, zumal auf blutige Szenarien verzichtet wird und es eher die geschickt platzierten Schock- und Schreckensmomente sowie die lauernden ungewissen Jetztgleichirgendwanns sind, die einen gruseln lassen.

Doch wenngleich der Film ganze fünfzehn Millionen US-Dollar geschluckt hat, gibt es so einige qualitative Unwuchten zu bemängeln, zum Beispiel hätte man wohl, wenngleich es durchaus sehr berührend und ergreifend ist,  kaum ein kitschigeres Finale auffahren können als das zu sehende. Insgesamt wirkt „Mama“ an einigen Stellen zudem etwas zu konstruiert – hin und wieder manifestiert sich der Gedanke, dass offenbar doch sehr angestrengt versucht wurde, aus einem Dreiminüter ein rund eineinhalbstündiges Werk zu zaubern. Viel zu vieles erscheint an den Haaren herbeigezogen, zu gewollt um den Kern herumgeschrieben – stattdessen verlieren sich die Macher in oftmals pseudometaphorischen Szenen in Bildform, praktisch visuellen Eindrücken, die eine Aussage in sich bergen sollen. Der Fehler dabei: Man stellt den künstlerischen Anspruch zu häufig über den eigentlichen Inhalt, sodass man sich als Zuschauer am Ende des Films denkt: »Mensch, optisch war das ja atemberaubend! Was für tolle Bilder!«, aber gleichermaßen auch »Und nun? Was wollte man uns nun damit sagen?«

Viele Fragen bleiben offen, vor allem auch deshalb, weil manche Ursprünge – was weshalb wie ist und geworden war – stellenweise nur angerissen werden. Sicherlich kommen viele Künstler bewusst mit dem Argument des Interpretationsfreiraumes, sodass es dem Zuschauer überlassen sei, was er aus diesen „bits and pieces“ herauszudeuten vermag, und oftmals ergibt dies auch Sinn, doch bei „Mama“ beschleicht einen des Öfteren das Gefühl, dass hier schlichtweg Löcher belassen und mit Füllmaterial aufgefüllt wurden.

Was tut man nun als Zuschauer? Pseudointellektualisiert man das Ganze und misst einzelnen Bildern und Szenen eine bestimmte Bedeutung bei, findet man sich damit ab, dass „Mama“ ein eher undurchsichtiger Gruselschocker ist, der durch seine Komponenten Optik, Atmosphäre und Akustik, die durchaus rund zusammengefügt wurden, popcorn- und sofakompatibel für einen unterhaltsamen Abend sorgen uns man sich hinterher sagt: »Voll die abgefahrenen Bilder!«, oder sieht man es nüchtern irgendwo dazwischen und bleibt mit einem Gefühl der Unzufriedenheit zurück?

Der Rezensent nimmt Tor 3.

Cover, Packshots und Szenenfotos © Universal Pictures Home Entertainment

 

  • Titel: Mama
  • Originaltitel: Mama
  • Produktionsland und -jahr: Spanien/Kanada, 2013
  • Genre:
    Horror
  • Erschienen: 29.08.2013
  • Label: Universal Pictures Home Entertainment
  • Spielzeit:
    96 Minuten auf 1 DVD
    100
    Minuten auf 1 Blu-Ray
  • Darsteller:
    Jessica Chastain
    Nikolaj Coster-Waldau
    Megan Charpentier
    Isabelle Nélisse
    Daniel Kash
    Javier Botet
  • Regie: Andrés Muschietti
  • Drehbuch:
    Andrés Muschietti
    Barbara Muschietti
    Neil Cross
  • Produktion:
    J. Miles Dale
    Barbara Muschietti
    Guillermo del Toro
  • Musik: Fernando Velázquez
  • Kamera: Antonio Riestra
  • Schnitt: Michelle Conroi
  • Extras:
    • Originalkurzfilm mit Einführung von
      Guillermo del Toro (mit und ohne
      Kommentar von Regisseur/Co-Autor
      Andy Muschietti und Produzentin/Co-
      Autorin Barbara Muschietti)
    • Unveröffentlichte Szenen (mit und
      ohne  Kommentar von Regisseur/Co-
      Autor Andy Muschietti und Produzen-
      tin/Co-Autorin Barbara Muschietti):
      • Schatz, ich bin Zuhause
      • Nicht von Tieren aufgezogen
      • Puppenteile
      • Gespräche mit der Wand
      • Lilly im Garten
      • Eine Entdeckung im Schrank
    • Die Geburt von Mama
    • Matriarchate Geheimnisse:
      Die visuellen Effekte von Mama
    • Filmkommentar mit Regisseur/Co-
      Autor Andy Muschietti und Produ-
      zentin/Co-Autorin Barbara Muschietti
  • Technische Details (DVD)
    Video: 1.85:1 Anamorph Widescreen
    Audio:
    Deutsch
    Englisch
    Russisch
    Türkisch
    (
    5.1 DD)
    Untertitel:
    Deutsch
    Englisch
    Bulgarisch
    Estnisch
    Griechisch
    Litauisch
    Lettisch
    Rumänisch
    Russisch
    Türkisch
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video: 1.85:1 Anamorph Widescreen in HD
    Audio:
    Deutsch (DTS Digital Surround 5.1)
    Englisch (DTS HD MA 5.1)
    Französisch (DTS Digital Surround; auch folgende Sprachen)
    Hindi
    Italienisch
    Spanisch
    Untertitel:
    Deutsch
    Englisch
    Arabisch
    Dänisch
    Finnisch
    Französisch
    Hindi
    Isländisch
    Italienisch
    Niederländisch
    Norwegisch
    Polnisch
    Schwedisch
    Spanisch
    FSK:
    16
  • Sonstige Informationen:
    Vorlage ist der Kurzfilm Mamá von Andés Muschietti (Video)
    Filminfo, Trailer und Erwerbsmöglichkeiten

 

Wertung: 9/15 dpt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Über den Autor

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Chris‘ Nerd-Schreibtisch

Gebürtiger Mannheimer. Jahrgang 1974. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Besessen von Büchern, Serien, Hörbüchern, Computerkram, Kaffee und Königsberger Klopsen. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.

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Mama (Spielfilm, DVD/Blu-Ray)

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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