Anthony Burgess – Clockwork Orange (Buch)

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Anthony Burgess-Clockwork  Orange»“Clockwork Orange“ gibt es auch als Buch?« wird mancher fragen, der von der gleichnamigen Stanley-Kubrick-Verfilmung schon einmal gehört oder sie gar gesehen hat. Zumindest in Deutschland noch populärer ist der Rock-Song „Hier kommt Alex“ von der Punk-Band „Die Toten Hosen“ aus dem Album „Ein kleines bisschen Horrorschau“. Wie viele der Fans, die noch auf der erst kürzlich beendeten Tour der Düsseldorfer begeistert den Song mitgesungen haben, mögen wissen, warum das Stück mit Beethoven-Klängen beginnt und ob der Titel des Konzeptalbums aus dem Jahr 1988 noch etwas anderes beschreibt als die getextete Gewalttätigkeit? Nicht nur für diese Fans lohnt die Lektüre des Dystopie-Klassikers „Clockwork Orange“ von Anthony Burgess, in der neuen Übersetzung von Ulrich Blumenbach.

Der Roman selbst ist eher eine Novelle und mit 230 Seiten recht kurz geraten. Der Story folgt in der hier besprochenen neuen Auflage des Klett-Cotta Verlags ein Nasdat-Glossar. Es übersetzt die dem Russischen entnommenen Begriffe der Protagonisten und ist besonders zu Anfang der Lektüre für deren Verständnis essentiell.  Danach folgen einige kommentierende, erklärende und ergänzende Texte zum Roman. Einige stammen von Anthony Burgess selbst, ein Nachwort von Andrew Biswell (dem Autor der Burgess-Biographie „The Real Life of Anthony Burgess“) und Anmerkungen zur restaurierten Fassung beziehungsweise der erneuten Übersetzung von Ulrich Blumenbach finden man unter anderem ebenso. Doch worum geht es in „Clockwork Orange“ eigentlich?

Die Story ist in drei Teile gegliedert und ausschließlich als Ich-Erzählung angelegt. Im ersten Teil lernen wir den Protagonisten Alex und seine Gang, sie nennen sich „Droogs“, und ihr nächtliches Treiben kennen. Die Geschichte beginnt abends in einer Bar, in der sich die Jugendlichen mit Drogen versetzte Milch genehmigen. Anschließend ziehen sie durch die Straßen, rauben Läden aus, schlagen ältere Menschen nur so zum Spaß zusammen, vergewaltigen Frauen. Tagsüber schwänzt Alex die Schule. In einem Schallplattenladen (Plattenbutik), wo Alex eine neu eingespielte Version von Beethovens „Neunter Sinfonie“ kauft, lernt er zwei zehnjährige Mädchen kennen und man ahnt schnell, worauf diese Begegnung hinauslaufen wird. In einer der folgenden Nächte geht etwas schief: Der Überfall einer „Katzendame“ endet für Alex im Gewahrsam der „Millicents“ (Polizisten), seine „Droogs“ geben Fersengeld.

Der zweite Teil beschreibt Alex‘ Zeit im Knast und seine „Heilung“ von der Obsession zur Gewalt. Von der zelebrierten Brutalität der Jugendlichen wechselt die Geschichte nun zur pseudotherapeutischen Nötigung durch die Staatsmacht, die nicht weniger grausam daherkommt. Deren nicht nur für Alex weitreichende Folgen schildert der Autor im abschließenden dritten Teil.

»Ein theologisches Drama« [S. 179 – Programmtext, 2004]       

Viel ist über dieses Buch schon diskutiert und geschrieben worden. Es zählt sicherlich zu den Klassikern der dystopischen Literatur, in einer Reihe mit Orwells “1984“ und Huxleys „Schöne neue Welt“. Eine Anlehnung an Orwells Werk ist nicht nur der ähnliche Handlungszeitpunkt – „Clockwork Orange“ spielt 1983 -, sondern auch die Konstruktion einer Kunstsprache, der „Nasdat“-Jugendslang. Dieser wird allerdings klar dem direkten Umfeld des Protagonisten zugeordnet, anders als „Neusprech“, welches in „1984“ zur allgemein gebräuchlichen Sprache wird. Nasdat zu verstehen ist schwieriger als Orwells Neusprech, denn Orwells begriffliche Schöpfungen konnten mit übersetzt werden und erklären sich selbst, die russischen Nasdat-Begriffe blieben dagegen erhalten. Aber keine Angst, der Leser wird konditioniert. Anfangs schaut er noch recht häufig im Glossar nach der Übersetzung, doch schnell merkt er sich die Bedeutung von »tolschocken« und »Rott«. Dass es sich bei „Clockwork Orange“ um einen futuristischen Gesellschaftsentwurf handelt, tritt erst einmal in den Hintergrund. Den ersten Teil dominieren die „Droogs“, man könnte sie auch Halbstarke, Gang oder Hooligans nennen, in einer Welt, die der der Unterschicht in den 60ern zumindest äußerlich ähnelt. Und Alex, der aggressive Provokateur und Schläger, zudem ein Führer und  Liebhaber klassischer Musik, steht im Mittelpunkt des gewalttätigen Geschehens. Ein Kotzbrocken, aber eben kein dumpfer  Einfaltspinsel. Einer, mit dem wir im zweiten Teil der Geschichte, als ihm die staatlich verordnete Brechung des Willens angetan wird, sogar Mitleid haben können. In ein moralisches Dilemma kommt der Leser spätestens dann, wenn am Ende die Opfer zum Zug kommen und Vergeltung üben.

Die totalitäre Gesellschaft ist weniger Thema, als vielmehr Mittel zum Zweck für Burgess humanistische Aussage: Das der Mensch ohne seinen freien Willen die Menschlichkeit verliert, zur Maschine in Fleischhülle wird, zur Orange mit Uhrwerk.

Ein Kult-Buch liefert seine Interpretation gleich mit

Ein Drittel des Buchs umfasst das Begleitmaterial zum Werk. Vor allem die Passagen, in denen sich Burgess erklärte, enthüllen mancherlei Überaschendes. Betroffen lesen wir, dass Burgess‘ Ehefrau selbst Opfer eines brutalen Übergriffs wurde und warum der Autor sich selbst als Schriftsteller F. Alexander auftreten ließ. Man erfährt, dass der Titel dem Cockney-Slang entnommen wurde und was er bedeutet. Burgess lobte explizit Kubricks Verfilmung seiner Erzählung, im Nachwort erfahren wir jedoch, warum der Autor dennoch mit dem Regisseur aneinandergeriet. Mehrfach verwahrte sich der Autor davor, in „Clockwork Orange“ Gewalt verherrlicht zu haben. Burgess erläuterte ausführlich die moralische, pädagogische und theologische Verortung des Stoffs, und im Nachwort ordnete der Biographist Biswell das Werk literarisch ein. Kurzum, man erfährt viel Interessantes und Wissenswertes über Autor und Werk. Zwei bis drei dieser Artikel hätte man sich allerdings schenken können, zum Beispiel wiederholt Burgess‘ „Letztes Wort über Gewalt“ zuvor Geschriebenes. Ob sein literaturwissenschaftlicher Exkurs „Zeigt klaffend Purpurgold“ von mehr als zehn Prozent der Leser überhaupt verstanden wird, wage ich zu bezweifeln, und seine Rezension zu Maynhard Solomons „Beethoven“ wird auch nur eine sehr begrenzte Zielgruppe ansprechen.

Äußerst erhellend sind allerdings die Anmerkungen des Übersetzers Ulrich Blumenbach. Er erläutert, wie und warum sich seine Version von der seiner Vorgänger Walter Brumm und Wolfgang Krege unterscheidet. Im Netz liest man zu den beiden vorigen Übersetzungen ähnlich kontroverse Diskussionen wie zu Kreges Neuübersetzung von Tolkiens „Der Herr der Ringe“ aus dem Jahr 2000. Im Vergleich zu Walter Brumms Version, erscheint mir diejenige Blumenbachs einerseits moderner formuliert zu sein, andererseits mehr der Nasdat Sprache übernommen zu haben. Was sich stellenweise etwas sperriger liest, aber besser zur „Message“ passt. Wie das barbarische Geschehen stößt auch die Sprache den Leser zunächst zurück, doch beunruhigend schnell gewöhnt man sich an das eine und das andere.

Worüber man ebenfalls vom Autor selbst aufgeklärt wird, ist, dass es zwei Enden für das Buch gab, eines des US-Verlegers und eines für den Rest der Welt. Die US-Version endete, zumindest in der Urfassung, nach 20 Kapiteln, die anderen Ausgaben hatten ein Kapitel mehr. Dem US-Verleger war Burgess‘ letztes Kapitel zu „britisch“, und er glaubte, es passe nicht zur Aussage der Geschichte. Ich möchte hier nicht das Ende verraten, aber dennoch kundtun, dass ich dieses 21. Kapitel für äußerst wichtig halte und für mich das Buch ohne nicht vollständig wäre. Denn es geht in „Clockwork Orange“ auch um das Erwachsenwerden. Der Autor demonstriert, dass eben auch die Entscheidungen, die wir treffen, reifen und nicht in Stein gemeißelt sind. Was die Essenz des freien Willens darstellt.

Cover © Klett-Cotta

  • Autor: Anthony Burgess
  • Titel: Clockwork Orange
  • Originaltitel: A Clockwork Orange
  • Übersetzer: Ulrich Blumenbach
  • Verlag: Klett-Cotta
  • Erschienen: September 2013
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 345
  • ISBN: 978-3608939903
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag

Wertung: 12/15 dpt


Über den Autor

Eva Bergschneider


Evas Nerd-Schreibtisch

Ich bin gebürtige Ostwestfälin und seit über 20 Jahren Wahlkölnerin. Verdiene mein täglich Brot im Labor eines Biotechnologie-Unternehmens, bin verheiratet und Mutter einer erwachsenen Tochter. Mich begeistern Kino, Musik, Sport und Internet, vor allem aber BÜCHER. Ich lese viele Phantastik- und Kriminalromane, halte aber eigentlich nicht viel von Genre-Einteilungen und bin in Bezug auf Literatur offen für (fast) alles. 

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von Eva Bergschneider Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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