Franz Dobler – The Boy Named Sue (Buch)

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Franz Dobler - The Boy Named Sue (Buch) Cover © Edition Tiamat»Ich gehe im Winter ja nie in die Disco.« Zitat: Franz Dobler. Ausgesprochen gestern abend auf einer Lesung in Augsburg. Zusammenhang: nicht mehr vorhanden. Egal. Witzig!

Das Buch „The Boy Named Sue“ enthält etliche „Memoiren eines zerstreuten Musikliebhabers“, erschienen zwischen 1978 und 2013 in Zeitungen, Zeitschriften, Büchern und einem Blog. Es handelt sich um eine nicht besonders streng chronologisch gereihte und auch keineswegs lückenlose Zusammenstellung, eingerahmt von zwei exklusiven Texten: „Flussaufwärts“ und „Flussabwärts“. Meistens geht’s um Country. Aber nicht immer.

Eine unumstößliche Regel lautet:

»Mit dem Alter fängt man an, sich für Countrymusik zu interessieren.«

Deshalb, nur zu: greife nach dem Werk. Es macht nichts, wenn Du bisher dachtest, Countrymusik juckt Dich nicht. Zwischendurch wirst Du womöglich aufblicken, leicht versunken gegen den nächstbesten Gegenstand glotzen und feststellen: All diese alten Männer und Frauen mit ihren Gitarren, sie geben Dir ein gutes Gefühl; die noch lebenden, die bereits verstorbenen – jedem Menschlein ist etwas Zeit gegeben, und wenn Du Glück hast, spürst Du, dass Dir selbst noch eine Handvoll, vielleicht eine gute Handvoll bleiben wird. Um das Buch zu Ende zu lesen. Um Deinen Lebensabend damit zu verbringen, auf einer Veranda vom Schaukelstuhl aus die Platten umzudrehen. Um Großartiges oder Bedeutungsloses zu vollbringen – oder einfach nur noch ein paar gute Momente zu erleben. Vielleicht ist Deine Veranda ein 1-Zimmer-Apartment am Rande der Innenstadt. Vielleicht bist Du schon angekommen. Vielleicht ist das okay für Dich.

„Okay“ ist es – und das wird es immer bleiben – den Sue genannten Jungen in Buchtiteln und musikalischen Interpretationen unterzubringen. An diesem Werk besonders erfreulich zu betrachten dank der Kombination mit dem wunderbaren Titelbild: Eine Fotografie der französischen Sängerin Hermine Demoriane in schwarzweißem Pünktchenkleid und ellenbogenlangen Handschuhen, damit beschäftigt, Vinylsingles wohlbedacht in eine Spülmaschine einzusortieren (Cover ihres Minialbums „The World On My Plates“. Größtenteils ohrenschmeichelnde Klaviermusik, gute Songs, unfassbar grausamer Gesang – ohne Vergleich, Mann! Aber: starkes Cover!).

Beinahe-Titel des Buchs: „Auf der Suche nach dem druckfreien Raum“ – zitiert aus einem fast komplett enthaltenen (und kommentierten) Presseanschreiben der schrecklichen Gruppe 2raumwohnung. Allerdings funktioniert manchmal ein Scherz in einer Fußnote glatt noch besser als auf dem Titel. Drum: Schon echt gut so, mit Sue und Hermine.

Franz Doblers Musikkolumnen sind schöne Würdigungen, und ab und an auch angebrachte Attacken. Über Musik schreiben ist nämlich gar nicht wie zur Architektur tanzen, sondern eine feine Kunst.

Cover © Edition Tiamat

Wertung: 12/15 dpt

 

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Über den Autor

Roland van Oystern

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Rolands Nerd-Schreibtisch

Manchmal mag der Mensch gern was aufschreiben, und wenn es bloß ein paar Zeilen über etwas sind, das vor ihm ein anderer aufgeschrieben hat. Mal besteht mein Antrieb diesbezüglich darin, wirklich etwas loswerden zu wollen. Mal ist es schlicht so, dass ich mir zu künden vorgenommen habe. Mag es – gleich wie – im besten Fall zum Nutzen eines Dritten oder gar Vierten geschehen. Geben und nehmen und geben.

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