Franziska Wilhelm – Meine Mutter schwebt im Weltall und Großmutter zieht Furchen (Buch)

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Franziska Wilhelm - Meine Mutter schwebt im Weltall... (Buch) Cover © Klett-CottaIm ostdeutschen Örtchen Strottenheim tut sich nicht allzu viel. Mehr als ödes Dorfleben ereignet sich hier nicht. Allerdings ist Strottenheim gewissermaßen das Mekka der Selbstmörder, denn an der Bahnstrecke, die dort vorbei führt, hat man auf der Anhöhe einerseits einen klaren Blick auf den Strottenheimer See, andererseits kann man sich hervorragend hinter den aufragenden Mirabellenbüschen verstecken, bevor man den entscheidenden Schritt unternimmt und sich vor den Zug wirft.

Da auch Suizidgefährdete durstig sind, nehmen sie vor ihrer finalen Tat noch einmal Kurs auf die nahegelegene Sportplatzkneipe der Familie Enders, um dort ihr Lebewohlbier zu trinken. Die reife, aber äußerst attraktive Mutter Rosana verbringt die meiste Zeit hinter dem Tresen und weiß ihren Charme überzeugend einzusetzen – und so geschieht es nicht selten, dass auch schon das kleinste Lächeln den ein oder anderen Lebensmüden von seinem Vorhaben abhält. Für jeden Kandidaten, der letztendlich doch nicht mehr den Bahngleis aufgesucht hat, ritzt sie mit dem Zitronenmesser eine Kerbe in den Tresen. Und der Tresen hat bereits so einige Kerben.

Tochter Milla nervt der Alltagstrott dennoch ungemein, und am liebsten würde sie sich ihren nur wenige Jahre älteren Onkel Jano schnappen und mit ihm das Weite suchen – bloß weg hier, raus in die Welt, Dinge erleben. Das Verhältnis zwischen Jano und Milla ist jedoch eng – dem Geschmack der dominanten Großmutter Lucia nach viel zu eng. Eines Abends werden Milla und Jano in einer eindeutigen Situation erwischt, und nur kurze Zeit darauf ist Jano spurlos verschwunden. Es ist ausgerechnet ein lebensmüder, tief im Schlamassel steckender Paketfahrer, mit dem Milla Freundschaft knüpft – gemeinsam machen sich die beiden in seinem Bulli auf den Weg, um Jano zu suchen…

Franziska Wilhelm kreiert in diesem literarischen Roadmovie auf eine angenehm unplakative Art und Weise beinahe plastische Eindrücke und hat hierbei charakterstarke Protagonisten erschaffen, an die man sich ob der Nähe, Wärme und Echtheit, die in den geschriebenen Zeilen mitschwingt, sehr schnell gewöhnt – man hat innerhalb weniger Kapitel bewegte Bilder vor Augen, die obendrein reichhaltige Details bieten.

Obwohl die Geschichte eine Schwere in sich birgt, die sich zuweilen doch deutlich vernehmbar auf des Lesers Schultern legen kann, ziehen sich immer wieder hauchfeine Fasern eines ganz eigenwilligen, gelegentlich galgigen Humors durch die meist kurzen Kapitel der rund 200 Seiten und lockern „Meine Mutter schwebt im Weltall…“ nicht unwesentlich auf.

Erfrischend ist die Herangehensweise der Autorin in Sachen Miteinander. Besonders positiv sticht hier beispielsweise heraus, wie sie die unterschiedlichsten Formen zwischenmenschlicher Beziehungen miteinander verschmelzen oder aber miteinander kollidieren lässt. Als stiller Beobachter wohnt man dem zuerst öden Leben aus der Sicht Millas bei, um bald darauf als unsichtbarer Fahrgast im Bulli mitzufahren – und bekommt mit zunehmender Dauer auch einen immer besseren Blick in den Kopf der Protagonistin. Dass man sich als Leser so mit einbezogen fühlt, mag auch daran liegen, dass Franziska Wilhelm in sehr klaren und vor allem präzise beschreibenden Worten schreibt, ohne literarische Schnörkel und Ausschmuckungen, allerdings auch ohne wichtige kleinste Kleinigkeiten außen vor zu lassen.

Neben einem halben Teelöffel Lektoratsschnitzerchen, die nicht weh tun, wirken lediglich die etwas längeren Erzählungen von Person zu Person  ein wenig zu berichtsähnlich – da hätte beispielsweise etwas Umgangssprache vielleicht ganz gut getan, denn es wird kaum jemanden geben, der seinen Mitmenschen in solcher Form Dinge aus dem Leben und Gedanken mitteilt. Doch beide Kritikpunkte sind lediglich dünne Härchen in der ansonsten sehr schmackhaften Suppe.

„Meine Mutter schwebt im Weltall…“ beschreibt auf wunderbar unkitschige, unschwülstige Art die Suche nach Leben, nach Liebe, nach Glück sowie das „coming of age“ – und was den Verlauf der Dinge in dieser Geschichte betrifft, darf man mehr als einmal überrascht sein, mit welcher Bravour die Schriftstellerin über das Minenfeld der Klischees und Stereotypen zu gehen weiß.

Schätzt man Werke wie Andi Rogenhagens „Heldensommer“, Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ oder Benedict Wells‘ „Fast genial“, ist der Griff zu Wilhelms Debütroman im Grunde nicht zu vermeiden.

Cover © Klett-Cotta

  • Autor: Franziska Wilhelm
  • Titel:
    Meine Mutter schwebt im Weltall
    und Großmutter zieht Furchen
  • Verlag: Klett-Cotta
  • Erschienen: 24.01.2014
  • Einband: Gebunden mit Schutzumschlag
  • Seiten: 208
  • ISBN: 978-3-608-93992-7
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag

Wertung: 12/15 dpt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Über den Autor

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Chris‘ Nerd-Schreibtisch

Gebürtiger Mannheimer. Jahrgang 1974. Lebt seit 2001 mit Frau und zwei Töchtern südwestlich von Kassel. Besessen von Büchern, Serien, Hörbüchern, Kaffee und Königsberger Klopsen. Schätzt tiefgründige Gespräche und meidet belanglosen Smalltalk. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.

 

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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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