Anouk Markovits – Ich bin verboten (Buch)

0
0
0

Anouk Markovits - Ich bin verboten (Buch) Cover © Knaus VerlagAbgeschottet von der säkularen Welt, von Menschen außerhalb ihrer jüdischen Gemeinde, leben ultra-orthodoxe Juden in vielen Metropolen der Welt. Besonders natürlich in Israel, dem Stadtviertel Mea Shearim, aber auch in New York oder Frankreich leben viele strenggläubige Juden, die ihr Leben einzig und allein der Religion und der Befolgung ihrer Gebote und Gesetze widmen. Anouk Markovits taucht mit ihrem autobiographisch geprägten Roman tief in eine chassidische Familie und deren Traditionen ein. Traditionen, die manch einem Sicherheit und Halt bieten, aber anderen wie ein unerträglich enges Korsett erscheinen.

„Ich bin verboten“ erzählt jüdische Geschichte über mehrere Generationen hinweg. Die junge Mila, deren Eltern bei einem Pogrom der Eisernen Garde 1944 in Ungarn getötet wurden, wird von der ultra-orthodoxen Familie Stern adoptiert. Neben ihr auch der Waise Josef Liechtenstein, dessen Eltern unter gleichen Umständen den Tod fanden. Zunächst in Hermannstadt (Sibiu) lebend, entschließen die Sterns aufgrund der herrschenden politischen Lage, nach Paris zu ziehen. Josef schickt man zum Thora-Studium nach Amerika, Mila tritt den Weg nach Frankreich an. Dort beginnt für sie ein Leben in engen Grenzen. Der Kontakt zu Nichtjuden ist streng untersagt, eine feste Kleiderordnung schreibt strikt vor, in welchen Gewändern man auf die Straße gehen darf. Als Mila mit ihrer älteren „Schwester“ Atara am Sabbat mit dem Fahrrad unterwegs ist, schlägt Rebbe Zalman Stern mit dem Gürtel auf seine kleine Tochter ein. Wer den Sabbat entweiht, muss mit drakonischen Strafen rechnen.

Während Mila sich in das Weltkonstrukt der Ultraorthodoxen fügt, keimt in Atara der Wunsch nach Freiheit. Anouk Markovits sagte in einem Interview, in Atara stecke doch am meisten von ihr selbst. So habe sie sich selbst immer geweigert, zu glauben, dass Juden anders, dass sie die besseren Menschen seien. Die Bestätigung ihres Gefühls fand sie, wie Atara in ihrem Roman, in Büchern. Säkuläre Bücher, verbotene Bücher, die Zalman Stern im Roman zerreißt, wann immer er sie findet. Doch letztlich kann auch er die Entwicklung seiner Tochter nicht mehr aufhalten. Atara entschließt sich, die jüdische Gemeinde zu verlassen und damit, gewissermaßen, ihr Todesurteil zu unterschreiben. Wer sich dem Weltlichen, dem Verdorbenen zuwendet, wird für tot erklärt, ausgelöscht.

Als Mila siebzehn Jahre alt ist, wird sie verheiratet. Arrangierte Ehen sind im ultra-orthodoxen Judentum gängige Praxis, auch Anouk Markovits sollte, kurz bevor sie flüchtete und ihre Familie zurückließ, mit einem Juden verheiratet werden. Eine chassidische Frau soll, so schreiben es die Gebote vor, viele Kinder zeugen, während ihr Mann sich religiösen Studien zuwendet. Doch Mila wird, zum Leidwesen ihrer Eltern und der ganzen Gemeinde, nach der Hochzeit mit Josef Liechtenstein einfach nicht schwanger. Zehn Jahre vergehen, in denen sie furchtbar leidet und sich einer wirkungslosen Hormontherapie unterzieht, weil sie die religiösen Gebote nicht erfüllen kann. Die Untersuchung von Josefs Zeugungsfähigkeit lehnen die Ultra-Orthodoxen strikt ab. Ein umsonst vergossener Samen wäre Mord an möglichem Leben. Mila trifft darauf eine folgenschwere Entscheidung,die die Familie und ihren Glauben über Generationen auf eine harte Probe stellen wird.

Anouk Markovits‘ Roman ist, hat man sich bisher nicht eingehend mit ultra-orthodoxem Judentum beschäftigt, wie eine Reise in eine völlig andere Welt. Dogmatismus und Fundamentalismus regeln das alltägliche Zusammenleben, außer dem engen Kreis der eigenen Gemeinde existieren nur Sünde und Unzucht. Markovits weiß, wovon sie spricht., ist sie doch selbst in einer chassidischen Familie aufgewachsen. Diese Authentizität spürt man bei der Lektüre ungeheuer deutlich, während man von einem solchen Leben gleichsam fasziniert und abgestoßen ist. Es ist ein Parallelleben, eine Parallelwelt, die das Recht auf Selbstbestimmung zugunsten religiöser Vorschriften dauerhaft auslöscht. Und so lesen wir hier nicht nur einen Roman, sondern auch den Erfahrungsbericht einer Frau, die heute ihr Leben autonom bestreitet. Hochinteressant, spannend und ungewöhnlich sind dieses Buch und sein Einblick in ein Leben, das sich die meisten von uns nicht einmal entfernt vorstellen können.

 Cover © Knaus Verlag

  • Autor: Anouk Markovits
  • Titel: Ich bin verboten
  • Originaltitel: I am forbidden
  • Verlag: Knaus Verlag
  • Erschienen: 09/13
  • Einband: Gebunden
  • Seiten: 288 Seiten
  • ISBN: 978-3813504972
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag

Wertung: 14/15 dpt

0
0

Über den Autor

0
0

Ehemalige Redakteurin (verließ uns 2014 wieder, um sich wieder voll ihrem Blog „Literaturen“ zu widmen)

Was gibt es so über mich zu erzählen, was in einen möglichst prägnanten und hübschen Fließtext passt? Ich bin 23 Jahre und bin mittlerweile ausgebildete Buchhändlerin. Ein antiquierter Beruf, mögen manche vielleicht denken, andere meinen, man säße als Buchhändler den ganzen Tag in dunklen Kammern zwischen staubigen Büchern und lese – die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen.

∇ mehr über Sophie Weigand
0
0

Schreibe einen Kommentar

Kommentiere als Erste(r)!

Benachrichtigung, wenn:
avatar
wpDiscuz

Anouk Markovits – Ich bin verboten (Buch)…

von Sophie Weigand Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
0