Banana Yoshimoto – Der See (Buch)

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Banana Yoshimoto - Der See (Buch, Cover © Diogenes Verlag)Der achtundzwanzigste Roman der japanischen Autorin – in der Originalsprache erschien er bereits 2005 – schlägt, so viel vorweg, ruhige, wenn nicht gar leise Töne an und dürfte damit zu den eher untypischen Büchern Banana Yoshimotos zählen. In „Der See“ bekommen wir eine einfühlsam erzählte Geschichte zweier junger Menschen erzählt, irgendwo in Tokio, irgendwo zwischen Liebesgeschichte, Einander- und Selbstfindung.

Die Kunststudentin Chihiro, eine sehr körperlich denkende Frau, die eher aus dem Bauch heraus handelt, hat sich von ihrem sexbesessenen Freund getrennt, da sie sich letzten Endes doch eher nach Liebe und dem Ernstgenommenwerden sehnt, zumal ihr, die den fleischlichen Freuden nicht gerade abgeneigt ist, die Triebhaftigkeit jenes Mannes schlichtweg zu viel war – und er ihr als Mensch immer fremder wurde. Sie ist Kind einer zwar glücklichen, gesetzlich aber nie akzeptierten Liaison eines reichen Geschäftsmannes und einer Bardame und hat in ihrem Leben schon einiges erlebt.

Ihr schräg gegenüber wohnt der introvertierte Medizinstudent Nakajima, eine hagere Gestalt. Tag für Tag steht er an seinem Fenster, und Chihiro ist fasziniert von diesem jungen Mann, von seiner fast körperlosen Silhouette. Einige Zeit beobachten sich die beiden, ganz ohne voyeuristische Gedanken, und auf eine magische Weise fühlen sie sich einander hingezogen. Eines Tages trefen sie sich zufällig auf der Straße, und mit der Zeit bleibt Nakajima immer häufiger bei ihr. Sie genießen ihre Nähe, doch Chihiro merkt – körperlich -, dass der junge Mann sich in seiner Haut nicht wohlfühlt. Dass irgend etwas in seiner Vergangenheit passiert sein muss, was ihn blockiert. Irgend etwas Grausames. Zwar öffnet Nakajima sich Stück für Stück, ängstlich und zaghaft, doch erst, als er sie darum bittet, sie zu zwei Freunden an einen einsamen See zu begleiten und sie zu seiner Überraschung einwilligt, ist er bereit, sich der Suche nach den Ursprüngen seiner Ängste sowie seiner unschönen Vergangenheit zu stellen. Doch Nakajima öffnet auch in Chihiro Türen, von denen sie nie geglaubt hätte, dass diese überhaupt existierten.

In einer 221-seitigen, kapitellosen Erzählung in der ersten Person, verpackt in ein kleines handliches Büchlein in türkisblauem Leineneinband und Schutzumschlag, erhält der Leser einen intensiven Einblick in die Gedankenwelt Chihiros und kann auf wunderbare Weise nicht nur nachempfinden, was in ihr selbst vorgeht, sondern auch, was bestimmte Einflüsse wie eben Nakajima in ihr bewegen. Obwohl der Roman sehr ruhig ist, ist er extrem emotional und lässt den Leser sehr nahe an sich heran – selbst das exotisch anmutende Drumherum wie etwa die japanische Kultur und die japanischen Speisen (zuckersüß: Die Speisenbeschreibungen der Übersetzerin als Fußnoten) wirkt unglaublich nahe, so als sei man selbst ein Teil der Geschichte. Als sei man selbst ein guter Freund einer der beiden Protagonisten.

„Der See“ birgt neben der starken Betonung auf Gefühle eine schlichte Schönheit – oder eine schöne Schlichtheit – in sich, die auf unerklärliche Weise zu verzaubern weiß.

Cover © Diogenes

  • Autor: Banana Yoshimoto
  • Titel: Der See
  • Originaltitel: Mizuumi (erschienen 2005)
  • Übersetzer: Thomas Eggenberg
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 26.02.2014
  • Einband: Hardcover, Leinen; mit Schutzumschlag
  • Seiten: 224
  • ISBN: 978-3-257-06897-9
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite bei Diogenes

Wertung: 14/15 dpt

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Über den Autor

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Chris‘ Nerd-Schreibtisch

Gebürtiger Mannheimer. Jahrgang 1974. Lebt seit 2001 mit Frau und zwei Töchtern südwestlich von Kassel. Besessen von Büchern, Serien, Hörbüchern, Kaffee und Königsberger Klopsen. Schätzt tiefgründige Gespräche und meidet belanglosen Smalltalk. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.

 

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3 Kommentare zu "Banana Yoshimoto – Der See (Buch)"

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7 Monate 9 Tage her

[…] Banana Yoshimoto – Der SeeEine Liebesgeschichte der besonderen Art, die ihren ganz eigenen, urbanen und fernöstlichen Zauber besitzt. […]

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