Adrian McKinty – Die Sirenen von Belfast (Buch)

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Adrian McKinty - Die Sirenen von Belfast (Cover © Suhrkamp)Detective Inspector Sean Duffy, ‚der katholische Bulle‘, ist zurück und muss sich mit einer zerstückelten Leiche in einem Koffer abplagen. Ein amerikanischer Tourist, entsorgt wie Fleischabfall. Spuren sind kaum vorhanden und so stochert Duffy mit seinem Partner DC McCrabban im Indizien-Nebel. Trifft dabei auf eine schöne Witwe und ihren ungeselligen Schwager, den Großgrundbesitzer Harry McAlpine. Der nicht nur gute Kontakte zu hohen Regierungskreisen sondern auch zu John DeLorean besitzt, der in der Nähe Belfasts eine Autofabrik eröffnet hat.  Der zweite Amerikaner in einem krisengeschüttelten Gebiet.
Duffy wird stutzig und sucht nach Verbindungen zwischen dem verstorbenen Ex-Finanzbeamten O’Rourke und dem Wirtschaftsmogul DeLorean. Auch auf die Gefahr hin, dass nicht nur seine Karriere gefährdet ist.

Der Bürgerkriegs-Zustand in Nordirland gehört im zweiten Teil der Duffy-Reihe noch mehr zum Alltag als beim Vorgänger. Zerbombte Polizeireviere, militärische Kontrollen, schwerer Beschuss, mögliche Sprengstoffattentate – Sean Duffy und seine Kollegen nehmen das hin wie eine schwere Krankheit, von der man nicht weiß, wann sie auskuriert ist. Mit dem Falkland-Krieg steht die nächste Ausnahmesituation an. Abzug von Soldaten aus dem einen Krisengebiet in ein anderes, die Gefahr einer erneuten Eskalation des irischen Konflikts steigt.

Vor diesem Hintergrund wird Duffy mit der Globalisierung des Verbrechens konfrontiert. Amerikanische Interessen, Belange und die Möglichkeit, Geld zu verdienen, lassen sich von solchen Kleinigkeiten wie Kriegswirren nicht irritieren. Der augenscheinliche Mord an dem pensionierten Agenten des amerikanischen Finanzministeriums wird eine zähe Angelegenheit für DI Duffy und seinen Partner Crabbie. Sie finden zwar Spuren, doch die amerikanischen Behörden boykottieren die Ermittlungsarbeit mehr als sie zu unterstützen. Im Innern wird derweilen die IRA gerne als Sündenbock vorgeschoben, wenn es um ungeklärte Todesfälle geht.

McKinty zeichnet Sean Duffy als Hardboiled-Detektiv alter Schule, der der Suche nach Wahrheit und vor allem Gerechtigkeit verpflichtet ist, und damit im Zentrum eines Krisenherdes, der sich zudem stetig erweitert, fast zwangsläufig untergehen muss. Dabei skizziert der Autor seinen Protagonisten erfreulicherweise als leistungsfähigen Polizisten, der nicht bis zur Selbstaufgabe mit Problemen und Neurosen  beladen ist. An ihm bricht sich die Außenwelt, setzt ihm zu, angefangen beim Umzug seiner Freundin nach Schottland, der für Duffy zwar betrüblich, ansonsten aber erfrischend unkompliziert verläuft, bis zum hinterhältigen Mordversuch, den der Bulle in Amerika nur mit viel Glück überlebt. Noch bricht ihn dies nicht, doch es wird zum Ende hin wieder erschreckend düster.

Bis dahin durften wir Duffy bei einer frustrierenden Ermittlung begleiten, bei seinem verzweifelten Versuch Kriminalfälle erfolgreich zu lösen, an deren Auflösung kaum jemand interessiert ist. Duffy erträgt dies mit schwarzem Humor und kenntnisreichen, ganz eigenen Rückzügen in die musikalische Popkultur. Alkohol, der so vielen anderen Kollegen in ähnlicher Situation Trost spendet(e), ist nur selten mit von der Partie.

Geschickt verquickt McKinty, nicht ganz so komplex wie Kollege David Peace, Zeitgeschehen und real existierende Personen mit einer fiktiven Handlung, ohne das Erste oberlehrerhaft zu betonen und das Zweite lapidar schleifen zu lassen.  „Die Sirenen von Belfast“ besitzt nicht ganz die dramatische Wucht des Vorgängers, ist aber eine würdige Fortsetzung, die mit Spannung und einer großen Unbekannten im Hintergrund offen lässt, wohin es den aufrechten Duffy wohl treiben wird. Der dritte Teil ist hiermit vorbestellt.

P.S.: „The Age of Plastic“ von den Buggles ist hörenswerter als Duffy/McKinty es erscheinen lassen. Vielleicht ein bisschen zu viel Kalkül und Meta-Pop. Aber wie dieses Visage-Ding besaß das Album mit „Video Killed The Radio Star“ den richtigen Song zur richtigen Zeit (und mit „Elstree“ ein weiteres feines Söngelchen an Bord). Der Hit von Visage würde im Übrigen sehr gut zu Sean Duffy und den „Sirenen von Belfast“ passen: „Fade To Grey“…

Cover © Suhrkamp Verlag

  • Autor: Adrian McKinty
  • Titel: Die Sirenen von Belfast
  • Teil/Band der Reihe: Teil 2 der Duffy-Reihe
  • Originaltitel: I Hear The Sirens In The Street
  • Übersetzer: Peter Torberg
  • Verlag: Suhrkamp
  • Erschienen: 19.05.2014
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 387
  • ISBN: 978-3-518-46520-2
  • Sprache: Englisch
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite zum Buch
    Website des Autors

Wertung: 12/15 dpt

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Über den Autor

Jochen König

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Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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