Sergio Corbucci Western-Edition (Spielfilme, 3DVD)

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Sergio-Corbucci-Western-Edition_dvd_coverAuch wenn der Begriff in den letzten Jahrzehnten inflationär benutzt wurde, zwei der drei Filme der vorliegenden „Sergio Corbucci Western-Edition“ trifft er völlig zu Recht: Kult.

Da ist zum einen  der ikonographische „Django“, neben „Für eine Handvoll Dollar“ einer der stilprägenden Initiatoren für eine Flut von Italo-Western. Die er gar derart beeinflusste, dass – zumindest in Deutschland –  ein „Django“ in Titel aufgenommen wurde, in denen ursprünglich niemand dieses Namens mitspielte. Es reichte, wenn der Hauptdarsteller halbwegs der Physiognomie Franco Neros entsprach, sprich unrasiert, ungewaschen und meist schweigsam durch verrottende Kleinstädte und karge Landschaften, zwischen Cortina d’Ampezzo und der südspanischen Tabernas-Wüste, schlich und schneller schießen konnte als Lucky Lukes Schatten.

Django wurde zum Synonym für einen wortkargen Einzelgänger, dem  besser niemand in die Quere kam; selbst für Leute, die keinen einzigen Italo-Western kannten, galt lange „Django zahlt heute nicht!“ als Einleitung eines Witzes, der mit einer Monatskarte für öffentliche Verkehrsmittel endete.

Corbucci Edition - Django - Szenenbild © STUDIOCANALJetzt ist er wieder da, zieht seinen Sarg durch tiefen Morast, tötet jeden, der ihm Gram zugefügt hat (und das sind einige), hilft manchmal Bedürftigen – wenn es ihm nützlich erscheint – und kümmert sich nicht weiter darum, welche Auswirkungen seine blutigen Taten auf die mehr oder weniger unbeteiligte Bevölkerung haben. Getreu seinem Credo »Es gibt bloß eins, was wichtig ist: dass man sterben muss« – Django ist ein gläubiger Erfüllungsgehilfe.

Gibt es in „Django“ , wenn schon keine Erlösung, wenigstens die Vollendung der Rache, bleibt dies der Hauptfigur des zweiten Kultfilms, „Il Grande Silenzio“ (in der deutschen Version ‚Silence‘ genannt) versagt. Der hierzulande mit dem schmissigen Titel versehene „Leichen pflastern seinen Weg“ ist Sergio Corbuccis eindrücklichstes, trotz „Django“ und „Il Mercenario“, durchdachtestes und bemerkenswertestes Werk. Die finstere Essenz des Italo-Westerns (neben Giulio Questis genialem „Töte Django“), gerade weil er mit dessen Regeln bricht beziehunggsweise auf geschickte Weise mit ihnen spielt. Statt in flirrender Wüstenhitze (oder im Schlammbad) spielt der Film in der schneebedeckten Landschaft Utahs (zu finden in Südtirol, den Abruzzen und Cortina) und zeigt seine Probanden dort als dunkle (mal schwarze, mal blutrote) Fremdkörper, eingefroren und hoffnungslos verloren. Waren die Protagonisten früherer Western schweigsam, so lässt Corbucci seine Hauptfigur, perfekt zwischen verlorener Unschuld und Gnadenlosigkeit verkörpert von Jean Louis-Trintignant, komplett verstummen. Anekdotisch geschuldet der Tatsache, dass Trintignant zur Zeit der Dreharbeiten  kein Englisch konnte, aber natürlich Teil eines ausgefeilten Konzepts.

Corbucci Edition - Leichen pflastern seinen Weg Szenenbild © STUDIOCANALWaren Kopfgeldjäger bei Sergio Leone noch die ambivalenten Sympathieträger, so sind sie bei Corbucci skrupelloser Abschaum, der im Auftrag des Kapitals und der Gesetzgeber jene armen Teufel jagt, die durch Repressalien und Armut zu Gesetzeslosen wurden. Obwohl es „tot oder lebendig“  heißt, gibt es für den mitleidlosen Loco und seine Kumpanen nur eine Option. Die in einer Massenhinrichtung gefesselter und unbewaffneter Gefangener gipfelt, die Loco lapidar mit den Worten abtut, dass man sich keine Gedanken machen müsse, man sei ja auf der Seite des Gesetzes.

Klaus Kinski spielt Loco unmanieriert, mit sichtlicher Lust und einer Präzision, die atemberaubend ist. Hält die Kamera seinen Blick fest, passiert mehr als im Finale eines landläufigen Blockbusters. Kinski und Trintignant ergänzen sich optimal, unterstützt von frostigen Landschaftsaufnahmen, der elegischen, bisweilen genial konterkarierenden Musik Ennio Morricones sowie einem spielfreudigen Ensemble, an dessen Spitze Frank Wolff als liberaler Sheriff steht.

Hier werden keine Gefangenen gemacht, der Bratensaft läuft in Sturzbächen übers Kinn und das Blut tropft zähflüssig in den fleckigen Schnee. Corbuccis Film bezieht Position, gegen soziale Missstände, Machtwillkür, einen Kapitalismus, der nur Geld- und Machtgeilheit kennt. Auf der anderen Seite Ausgebeutete, denen eine Chance auf ein friedvolles Auskommen am Rande des Existenzminimums verwehrt bleibt. Obwohl es sogar Solidarität und Hilfsbereitschaft gibt.

Zwar erzielt ‚Silence‘ kleine Etappensiege, doch hat er am Ende keine Chance gegen die Perfidie eines eingespielten, selbstgerechten Systems. Vor allem das unversöhnliche, konsequente Finale macht aus „Leichen pflastern seinen Weg“ einen so schwer erträglichen wie lohnenswerten und herausragenden Film. Der auch heute noch (ähnlich wie „Django“) seine niederschmetternde, beeindruckende Wirkung nicht verfehlen dürfte.

Die vorliegende DVD enthält das, lange als Gerücht gehandelte, alternative glückliche Ende. Leider nur in der tonlosen Version, obwohl mittlerweile eine Variante mit italienischer Tonspur existiert, die man anderweitig findet, wenn man sie denn zielgerichtet sucht. Was Corbucci von diesem Ende hält, zeigt sich als Trintignant den Verband von seiner verbrannten Hand entfernt, und den von einer metallenen Manschette geschützten Mittelfinger sekundenlang ausgereckt in die Kamera hält. Selbst in den düstersten Sequenzen besitzt Corbucci einen passend schwarzen Sinn für Humor.

Der dritte Film im Paket, „Fahrt zur Hölle ihr Halunken“, fällt im Vergleich dazu mächtig ab, ist aber, obwohl er sich zeitweise zäh dahinzieht, immer noch eine interessante Angelegenheit. Ein klassischer Krimi im Westerngewand, in dem Corbucci wieder Sinn für schrägen Humor beweist, ist die Hauptrolle doch mit dem blondgelockten, ziemlich schmächtig wirkenden Johnny Hallyday besetzt, dessen mexikanischer Freund/Feind passender von Mario Adorf gegeben wird. Hallyday macht seine Sache nicht übel, doch bis zu seiner famosen Darstellung des an Alzheimer leidenCorbucci Edition - Fahrt zur Hölle - Szenenbild © STUDIOCANALden Killers in Johnnie Tos „Vengeance“ ist es noch ein weiter Weg.

Auf der Suche nach den Lynchmördern seines Bruders, der fälschlicherweise eines Diebstahls angeklagt wurde, findet „Der Spezialist“ (so der übersetzte Originaltitel) Hallyday – zeitweise mit Hilfe des um seine Legende bedachten Banditenführers El Diablo (Mario Adorf), der ständig einen jugendlichen Chronisten seine von ihm selbst kommentierten Taten ausschmücken und niederschreiben lässt – nicht nur das geraubte Geld und was es damit auf sich hat, sondern erzwingt auch die Entlarvung des Drahtziehers.

Das mexikanische Grenzgebiet befindet sich mal wieder um Cortina d’Ampezzo herum, die Handlung tritt mitunter fotogen auf der Stelle und läuft ansonsten ab wie erwartet. Erst zum Ende wird’s plakativ politisch und nahezu surrealistisch, wenn die Stadthonoratioren nackt durch den Straßenstaub kriechen müssen, gezwungen von einem Quartett Junghippies,  die direkt aus William Goldings „Herr der Fliegen“ als begleitender und wenig sympathischer Chor in den Italo-Western einfallen. Zum Showdown gibt es eine weitere absurde Duell-Variante; die ohne Kugeln in der Revolvertrommel. Kein erlösender Knall, sondern feiges Gewimmer. Eigenwillig, aber eher kauziger Gag als stimmiger Abschluss.

Technisch sind die Filme im vorliegenden Triptychon so roh und unbehauen wie ihr Inhalt, am besten schneidet „Fahrt zur Hölle ihr Halunken“ ab, der relativ einheitlich und halbwegs scharf geraten ist. „Django“ besitzt einige Bildaussetzer und altersbedingte Wischeffekte, bei einfacher Netzsuche findet man bildstärkere Versionen. „Leichen pflastern seinen Weg“ schwächelt beim Vor- und Abspann massiv, passt formal in seiner groben Körnigkeit aber zum inhaltlichen Alptraum. Eine sachte Nachbearbeitung wäre zwar schön gewesen, doch Corbuccis Ästhetik der Enge und Suche nach Nähe unterscheidet sich gewaltig von Sergio Leones weitläufiger und genau kalkulierter Inszenierung des Raums. „Django“ kommt nahezu komplett ohne Totale aus, die Kamera ist dicht an den Figuren dran, bei Schlägereien gibt es direkt auf die Fresse. So ist das unbearbeitete Material fast schon ein Kommentar zum Film selbst. Und ob es mit digitalem Transfer besser aussieht, wird bei der Neuauflage von Leones „Zwei glorreiche Halunken“ demnächst feststellbar sein.

Die Filme sind ungeschnitten, was bei „Fahrt zur Hölle ihr Halunken“ zu einem verwirrenden Mix führt, heißt Hallydays Figur in den später eingefügten, unsynchronisierten (französischen!) Passagen, mit fest installierten Untertiteln, korrekt ‚Hud‘, während er in der betont und unpassend auf Humorigkeit angelegten deutschen Synchronfassung ‚Brad‘ genannt wird. Vom überbordenden Irrsinn der Infantilisierungen Rainer Brandts ist man weit entfernt, was die intendierte Witzigkeit umso schaler erscheinen lässt.

Das Bonusmaterial ist überschaubar, die Discs enthalten ein paar Trailer zu den jeweiligen Filmen und einer Handvoll anderer Western; auf „Django“ findet sich ein amüsantes Interview aus dem Jahre 2002 mit den gut aufgelegten Franco Nero und Ruggero Deodato. Der ungemein witzige Deodato war Corbuccis Assistent und drehte 1980 mit „Cannibal Holocaust“ einen exploitativen Kannibalen-/Mondofilm-Klassiker. „Leichen pflastern seinen Weg“ präsentiert – wie erwähnt – das lautlose alternative Ende und „Fahrt zur Hölle ihr Halunken“ eine Mario-Adorf-Biographie und eine Bildergallerie. Nothing to write home about.

Wer die Filme noch nicht in seinem Besitz hat, sollte zum gebotenen Preis unbedingt zuschlagen. Zwei der Werke sind zum Niederknien (und Staub von den blutigen  Stiefeln fressen), der Dritte im Bunde ist ein wenig mehr als ein brauchbarer Lückenfüller. Mit „Il Mercenario“ wäre das Trio perfekt gewesen, so ist es immer noch höchst ansehnlich.

Cover & Szenenfotos © STUDIOCANAL

  • Titel: Sergio Corbucci Western-Edition
  • Enthaltene Filme:
    Django
    Leichen pflastern seinen Weg
    Fahrt zur Hölle ihr Halunken
  • Originaltitel: Django, Il grande silenzio, Gli specialisti
  • Produktionsland und -jahr: Italien 1966-69
  • Genre:
    Italo-Western
  • Erschienen: 05.06.2014
  • Label: STUDIOCANAL
  • Spielzeit:
    287 Minuten auf 3 DVDs
  • Darsteller:
    Franco Nero
    Jean-Louis Trintignant
    Klaus Kinski
    Frank Wolff
    Johnny Hallyday
    Mario Adorf
  • Regie: Sergio Corbucci
  • Drehbuch:
    José Gutiérrez Maesso
    Piero Vivarelli
    Sergio Corbucci

    Bruno Corbucci
    Mario Amendola
    Vittoriano Petrilli
    Sabatino Ciuffini
  • Kamera:
    Enzo Barboni

    Silvano Ippoliti
    Dario di Palma
  • Schnitt:
    Nino Baragli
    Sergio Montanari

    Amedeo Salfa
    Elsa Armani
  • Musik:
    Luis Enríquez Bacalov
    Ennio Morricone

    Angelo Francesco Lavagnino
  • Extras:
    Dokumentation „Django the One and Only“,
    Alternatives Ende, Biografie Mario Adorf,
    Filmografien, Fotogalerie, Trailer, Wendecover
  • Technische Details (DVD)
    Video: 
    Django – 1,66:1 (16:9 anamorph), Halunken2,35:1 (anamorph), Leichen1,66:1 (Letterbox)
    Sprachen/Ton
    :
    D, F, IT, (Mono DD)
    Untertitel:
    D
  • FSK: 18
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite mit genauen Infos, Stabangaben, Bildern u.a.

Wertung: 11/15 dpt


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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