Lesson Of The Evil (Spielfilm, DVD/Blu-Ray)

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Lesson-of-the evil-cover_Über siebzig Film- und Fernsehproduktionen hat Takashi Miike seit 1991 abgedreht, darunter Kinderfilme, Arthouse, Gangster- und Horrorfilme, mit „Sukiyaki Western Django“ einen Western (inklusive ausgeprägtem Quentin Tarantino-Cameo). Oft gewalthaltiges, äußerst blutiges Kino, krawallig, bunt, experimentell, häufig kunstfertig, manchmal auch hingeschludert. Miikes Werk besitzt viele Facetten, zwei allerdings nicht: Aalglatten Mainstream und Langeweile.  
Während es „Die Gejagten“ („Wara no tate“) dieses Jahr sogar – zumindest kurz – hierzulande ins Kino schaffte,

bleibt dem Vorgänger „Lesson of the Evil“ diese Form der Auswertung versagt. Man ist fast geneigt, in Anbetracht der hiesigen Kinolandschaft, zu unken: Aus gutem Grunde. Dankenswerterweise hat sich Rapid Eye Movies des Films angenommen und zwei Jahre nach seiner Herstellung ungeschnitten (und synchronisiert, sogar ziemlich ordentlich) veröffentlicht.

Dabei gehört „Lesson of the Evil“ nicht einmal zu den graphisch drastischsten Filmen Miikes (remember „Ichi the Killer“), aber die Unerbittlichkeit mit der getötet wird, sorgt für verstörende Wirkung, auch wenn schwarzer Humor die Gewaltakte mitunter mitten im Absurden Theater ansiedelt: Die Jahrmarktsdekoration einer Schulparty, der Killer, der zu einer fröhlichen Big-Band-Version „Mack the Knife“ („Die Moritat von Mackie Messer“ ist DAS Leitmotiv des Films) seinem blutigen Handwerk stoisch und effizient nachgeht.  

lesson-of-the-evil_screenshot-7Zu Beginn zeigen sich Miike und seine Crew noch sehr zurückhaltend. Ruhige, teilweise nahezu statische Bilder erzählen vom Schulalltag in Japan. Es geht um die Mobbingvorwürfe eines so besorgten wie cholerischen Vaters, das Mogeln mittels Handys während Prüfungen, um kleine Streitigkeiten und alltägliche Unterrichtsituationen. Im Mittelpunkt steht der junge, engagierte, dynamische und allseits beliebte Lehrer Seiji Hasumi. Er sorgt für Problemlösungen, selbst in schwierigen Fällen wie dem sexuellen Missbrauch einer Schülerin durch einen anderen Lehrer, ist er Ansprechpartner. Seine Methoden der Konfliktbewältigung erscheinen erst reichlich unorthodox, dann seltsam und schließlich von strikter Konsequenz. Hasumi hat große Pläne für seine Schule. Für jeden Ort, an dem er sich befindet. Und bald wird klar, dass niemand ihn stoppen wird, sie umzusetzen.

Vor dieser halben Stunde aus dem laufenden Schulbetrieb spielt ein kurzer Prolog. Ein verzweifelter Vater warnt seine Frau vor dem mitleidlosen und anscheinend mörderischen Wesen des eigenen Kindes. Die Mutter wiegelt ab: „Er ist doch erst vierzehn!“. Im Gegenschnitt: Der nackte Killer zieht seine Schuhe an, nimmt sich ein Messer. Das Gesicht im Schatten stammt bestimmt aus der Ahnengalerie. Er geht durch den Flur. Steigt eine Treppe hoch. Öffnet die Tür zum Schlafzimmer der Eltern… Prolog Ende.

Lange Zeit hält sich Miike nicht mit Rätselraten auf, um wen es sich bei dem Elternmörder handeln könnte. Obwohl er ein paar mögliche Verdächtige auffährt, Lehrer wie Schüler. „Lesson of the Evil“ ist kein Whodunnit, sondern erzählt von der Präsenz des reinen Bösen in der Welt, verborgen hinter Masken aus Charme und Leutseligkeit. Nur manchmal durch kleine, unpassende Gesten entlarvt es sich. Erinnert der Protagonist zu Beginn an Tom Ripley, den amoralischen Helden Patricia Highsmiths, mutiert er im zweiten Teil zum Schlächter, der innige Zwiesprache mit seiner sehenden Mordwaffe hält (mit schönen Grüßen von und an David Cronenberg).

Nicht nur die Doors und Cronenberg werden zitiert, auch die nordische Mythologie; insbesondere Odins Raben Hugin (Gedanke) und Munin (Erinnerung) bekommen einprägsame Auftritte, die deutsche Romantik/Klassik findet in Gestalt des „Werther-Effekts“ (jene Selbstmordserie unter jungen Männern nach der Lektüre von Goethes „Die Leiden des jungen Werther“) Einzug , ebenso effizient wie plakativ, die schon erwähnte Moritat Bertolt Brechts in verschiedenen Variationen. Miike spielt etwas unausgegoren mit diesen Verweisen wie seine Hauptfigur mit den Menschen seiner Umgebung spielt. Er schiebt sie herum wie Schachfiguren. Wenn es an der Zeit ist, kein Nutzen mehr vorhanden scheint, werden sie blutig vom Brett geschlagen.  

Fast zwangsläufig läuft dieses Schachspiel aus dem Ruder, und der Film entwickelt sich im Schlussdrittel zum pausenlosen Gemetzel. Es gibt keine siegreichen Helden, die Schule wird endgültig zum Schlachthaus. Das ist keine ernsthafte Thematisierung eines schulischen Amoklaufs, keine Auseinandersetzung mit juvenilen Gewaltfantasien, sondern der Feldzug eines mitleidlosen Einzelnen gegen eine panische Gruppe. Der Ausgang dürfte klar sein, auch wenn der Film die eine oder andere Überraschung bereithält.

lesson-of-the-evil_screenshot-8Gerade der langgezogene finale Showdown, der mehr ein Shotdown ist, dürfte dafür gesorgt haben, dass „Lesson of the Evil“ keine Kinoauswertung erhalten hat. Fast grenzt es an ein Wunder, dass der Film es überhaupt (ungeschnitten) auf DVD und Blu-Ray gebracht hat. Natürlich werden unweigerlich Erinnerungen an „Battle Royal“ wach, doch sind die satirischen Spitzen in Miikes Werk wesentlich finsterer, gesellschaftspolitische Intentionen kaum vorhanden und Kämpfe finden auch nicht statt. Es wird blutspritzend und zum Ende hin mit Ausdauer mitleidlos gemordet.

Das ist mit einer kaltschnäuzigen Brillanz inszeniert, die den Zuschauer erschlagen zurücklässt. Ein wahnwitziger Alptraum, die so makabre wie finster konsequente Umsetzung des Titels. „A Lesson Of Evil“ ist genau das; eine Doppelstunde Unterricht des Bösen. Doppeldeutig interpretiert in einer der besten Szenen des Films; einem halluzinatorischen Flashback der Hauptfigur, während dem es völlig over the top und gleichzeitig treffend heißt: „Diese Welt gehört den ambitionierten und geldgierigen Verbrechern, nicht den psychopathischen Killern!“ Wen wundert es, dass diese Aussage von einem Amerikaner getroffen wird.
„Lesson of the Evil“ zeigt eindringlich, dass die Zeit der mörderischen Soziopathen noch nicht vorbei ist. Folgerichtig endet der Film mit den drohenden Worten: „To be continued…“.

Lesson-of-the-Evil-2012-Movie-Image„Lesson of the Evil“ ist Terrorkino par excellence. Erst schleichend, dann mit brachialer Gewalt wird eine Orgie der Destruktion gefeiert, die keine Gefangenen macht. Marginal abgemildert durch formale Eleganz und sarkastischen Witz fasziniert der Film und hinterlässt gleichzeitig ein mulmiges Gefühl, weil er den Zuschauer zum Komplizen macht. Lektion gelernt.

Takashi Miikes Film basiert auf dem Roman „Aku no Kyōten“ (wir verlassen uns mal ungeprüft auf die Wikipedia-Übertragung der japanischen Schriftzeichen) des japanischen Schriftstellers Yusuke Kishi. Man muss allerdings der japanischen Sprache mächtig sein, um nachzulesen, inwieweit sich Buch und Film ähneln beziehungsweise unterscheiden. Es existiert leider keine Übersetzung. Zumindest nicht ins Englische und Deutsche. Bedauerlich.

Cover und Szenenfotos © Rapid Eye Movies

 

  • Titel: Lesson Of The Evil
  • Originaltitel: Originaltitel des Films (bei nichtdeutschen Prod.)
  • Produktionsland und -jahr: Japan 2012
  • Genre:
    Horror, Thriller, Schwarze Komödie, Exploitation
  • Erschienen: 13.06.2014
  • Label: Rapid Eye Movies
  • Spielzeit:
    124 Minuten auf DVD
    129
    Minuten Blu-Ray
  • Darsteller:
    Hideaki Ito
    Kento Hayashi
    Takayuki Yamada
  • Regie: Takashi Miike
  • Drehbuch: Yûsuke Kishi (nach seinem Roman)
  • Kamera: Nobuyasu Kita
  • Schnitt: Kenji Yamashita
  • Musik: Kôji Endô
  • Extras:
    Making-of & Kinotrailer
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    2,35:1 (16:9)
    Sprachen/Ton
    :
    D DD 5.1, Jap. DD 5.1
    Untertitel:
    D
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    1080/24p (2,35:1)
    Sprachen/Ton
    :
    DTS HD Master Audio D 5.1 und Jap. 5.1
    Untertitel:
    D
  • FSK: 18
  • Sonstige Informationen:
    Homepage zum Film

Wertung: 11/15 dpt

 

 

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Über den Autor

Jochen König

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Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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