Nils Mohl – Mogel (Buch)

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Nils Mohl - Mogel (Cover © Rowohlt)Der dazwischengemogelte, zweieinhalbte Teil der „Liebe-Glaube-Hoffnung“-Trilogie aus der Feder des Hamburger Autors Nils Mohl spielt im selben Jenfelder Kosmos, wie es auch schon bei „Es war einmal Indianerland“ und „Stadtrandritter“ der Fall ist. Hinsichtlich der Figuren sowieso – wir treffen auf alte Bekannte wie Silvester, Emmemm, Brand III, Domino, Kitty oder Bozorg -, hinsichtlich des Settings vielleicht nicht ganz so, denn die Familie des fünfzehnjährigen Protagonisten Miguel dos Santos ist in die benachbarte, etwas „bessere“ Wohngegend, in eine Reihenhaussiedlung, gezogen. Außerdem fällt auf, dass „Mogel“ auch zeitlich anders gelagert ist, da eine der genannten Figuren im zuvor erschienenen „Stadtrandritter“ gar nicht mehr lebt.

Miguel, der gerne auch mal flunkert, besonders dann, wenn er mit seinen Eltern spricht, ist laut seiner Mutter »zu gut für diese Welt“, doch er selbst ist gar nicht dieser Meinung, denn er ist nicht gerade der Musterknabe, für den sie ihn hält – er findet durchaus, dass er ein wenig seltsam ist, denn  »…ich mache mir beim Fernsehen Notizen. Lese sogar freiwillig Bücher. Ich merke mir Worte wie Petit Four«. Ehrlich ist er ja auch nicht gerade. Traumsohn zu sein geht doch anders. Oder?

Zudem ist er sich sicher ein kleiner kranker Spanner zu sein. Einer, der hoffnungslos in eine Mitschülerin in der Stufe über ihm, nämlich Candy, verschossen ist. Er empfindet sie als äußerst „erektionswürdig“. Am liebsten möchte er sich „aus versehen“ in der Sammelumkleide des örtlichen Schwimmbads in einem der Schränke einschließen lassen, nur um sie in voller Pracht zu sehen, dieses unglaubliche Geschöpf mit dem Honighaar und diesem einzigartigen Teint, dieses Geschöpf, das sich wohl nie für ihn interessieren wird. Was würde er alles geben, um sie wenigstens mal heimlich beim Umziehen zu beobachten…

Anhand der Tatsache, dass die dos Santos‘ nun in ein „feineres“ Wohngebiet gezogen sind, ist Spott, unüberlesbar in latentem Neid fußend, vorprogrammiert – meist bekommt Miguel einen dämlichen Spruch reingedrückt. Doch das hält ihn und seine nach wie vor besten Freunde keineswegs davon ab, trotzdem viel Zeit miteinander zu verbringen, und so treffen sie sich auch an besagtem Tag im Partykeller – dass er und seine Familie so etwas wie einen Partykeller jemals haben würden, ist schon eine Sensation! – zu einer Runde Bierpong. Seine Kumpels, das sind Silvester, der eher mundfaule und umso tippfreudigere Dimi sowie der hünenhafte, respekteinflößende, etwas einfach gestrickte Flo. Und als die Partie mehr oder minder in einer Katastrophe endet, kommt den Jungs eine völlig bekloppte Idee: Einer aus diesem Quartett soll sich für den restlichen Tag, bis in die Nacht hinein, als Mädchen verkleiden. Schnell steht fest, wer: Miguel.

Nachdem er mit etwas Hilfe von Silvesters Schwester Kitty und deren Freundin Domino schick zur jungen Frau herausgeputzt wird, wird beschlossen, dass „Miguela“ in Begleitung mit seinen Kumpels in die Stadtranddisco ChackaBum! aufsucht, wo einfach mal etwas gefeiert, vor allem aber mal geschaut werden soll, wie es so ist, als Mädchen unterwegs zu sein. Ein paar Regeln, sofern sie in die Zappelbude reingelassen werden sollten, werden vorab aufgestellt. Erstens: Um Miguel nicht zu verraten, halten sich die drei Jungs zwar in der Nähe auf, bleiben aber der Unauffälligkeit möglichst auf Abstand. Zweitens: Gerät er dennoch in eine brenzlige Lage, zeigen die Freunde, wie viel Loyalität in ihnen steckt. Und drittens: Sobald ein Kerl Miguela küsst, ist sofort Schluss.

Der erste Schock ist groß und ereignet sich bereits vor der Disco, als Miguel in der nahegelegenen Tankstelle auf Candy und deren Freund trifft. Erkannt wird Miguel von ihr nicht. Die hammerharte Überraschung ereilt ihn allerdings erst direkt in der Disco, als sie zuerst auf Candys Freund treffen, später dann auf Candy selbst. Schon wieder. Im Laufe des Abends freunden sich Miguela und Candy an. Womit Miguela nicht rechnet: Deren Freund, eigentlich Beinahe-Ex, bringt die beiden in eine unangenehme Lage, und die Sache droht heftigst zu entgleisen.

Auch in „Mogel“, mit rund zweihundert Seiten der schlankste Teil der erweiterten Trilogie, weiß Mohl einmal mehr, trotz des gleichen „Bücheruniversums“, in dem es spielt, eine individuelle Atmosphäre zu erzeugen. War „Stadtrandritter“ ein Buch der Kämpfe in seinen unterschiedlichsten Arten und „Es war einmal Indianerland“ in psychologischer Hinsicht intensiv, ist „Mogel“ ein Buch, in dem Sehnsüchte und Abenteuer eine sonderbare Allianz schmieden und selbst den Protagonisten in der Art, wie alles geschieht, überrumpeln. Obendrein ist dieses Werk von den dreien das mit dem wohl jugendlichsten Flair. Da ist ein Junge auf dem Weg zum Mann, und da geschieht ohnehin schon so viel mit ihm – und dann überschlagen sich an diesem einen Tag die Ereignisse in unerwarteten Dimensionen. Außerdem wohnt dieser Geschichte wiederum trotz der in ihrem Verlauf aufkommenden Gefahr beinahe eine latente Schelmenhaftigkeit inne – gerade bei den Dialogen, die die Charaktere manchmal miteinander führen, erwischt man sich immer wieder beim Grinsen, ebenso bei den Äußerungen und Gedanken, die Miguel von sich gibt. 

Miguel selbst, wenn er dem Leser seine Gedanken offenlegt, ist zwar ein durchaus spinnerter Bursche mit allerlei Flausen im Kopf, einigen Marotten und einer latenten Besessenheit von seinem Traummädchen, das er offenbar nie haben kann – doch ebenso ist er durch seine ehrlich-unehrliche Art, seine immer wieder hervorschimmernde Feinfühligkeit und seine hohe Sensibilität schlichtweg liebenswert. Und die Hormone, die ihm da einen Streich spielen, lassen ihn niemals als kleinen Perversling erscheinen, sondern als einen ganz normalen Heranwachsenden, bei dem es halt in Herz und Hose kribbelt, wenn SIE ihm die Sinne durch ihre pure Anwesenheit (und sei es manchmal einfach schon der Gedanke an sie) raubt. Miguel, der gegenüber dem Leser immer Miguel selbst ist, selbst wenn er Miguela ist und/oder mogelt, ist eine erfrischend unperfekte Persönlichkeit, und letztendlich ist er normaler, als er selbst denken mag.

Dieser von Discokugeln gezierte Schmöker ist trotz der typischen, wenn auch deutlich geringer dosierten Zeitsprünge – es beginnt mittendrin, spult zurück, spultwieder vor – der wohl linearste dieses Zweieinhalberpacks. Das mag wohl hauptsächlich daran liegen, dass „Mogel“ extrem auf seine Hauptfigur zugeschnitten ist. Zwar schwirren reichlich Figuren über die Buchseiten, doch man hat stets das Gefühl, man sei die kleinste Matrjoschka-Puppe im Gefüge und könne durch sie die Außenwelt warhnehmen. Als dieses kleinste Element schlüpft man (im Sinne der Rolle) in die nächstgrößere Puppe Miguel, der wiederum in die Figur beziehungsweise Rolle der Miguela schlüpft.

Wie auch bei seinen anderen Büchern, wenn Jugendliche eine Rolle ihn ihnen spielen, weiß Nils Mohl den jungen Menschen eine glaubwürdige, niemals aufgesetzt wirkende Sprache in den Mund zu legen – es sieht ganz danach aus, als habe Mohl einen wirklich sehr, sehr guten Draht zu jugendlichen Menschen. Denn zu häufig erlebt man bei der Lektüre von jugendorientierter Literatur, wie erwachsene Schriftsteller/innen ihren jugendlichen Figuren einen entweder völlig veralteten oder aber absolut unrealistischen Umgangston miteinander verpassen, weil sie sich von ihrer Jugend mit ihrem Erwachsengewordensein entfernt haben. Und dadurch auch von der Jugend an sich.

Was die in einem flüssig lesbaren und einfachen Stil gehaltene Erzählung an sich betrifft, so ist diese einmal mehr beeindruckend intensiv. Die detailreiche Bildhaftigkeit geizt nicht mit Eindrücken, und so erscheinen Charaktere und Umgebung im Kopf des Lesers nahezu plastisch. Doch die Eindrücke gehen gar darüber hinaus, denn manchmal könnte man bei der Lektüre meinen, man rieche, schmecke und fühle wie Miguel. Man zieht selbst gedanklich den Kopf ein, wenn Flo seine Kräfte mal wieder nicht unter Kontrolle hat. Das Herz- und Nervenflattern, das Miguel befällt, wenn Candy ihm nahekommt, ereilt einen beinahe selbst – ebenso erinnert man sich an das sonderbare Gefühl, wie es bei einem selbst war, als „sie“/“er“ (je nach Geschlecht oder Neigung) dieses sonderbare, noch kaum zu deutende Gefühl der Sprachlosigkeit, Erregung, Verzauberung und Überwältigung hervorrief, das man so noch nicht kannte. Die Sinne des Protagonisten übertragen sich sozusagen auf den Beobachter der Geschichte – und das ist eine Gabe, die nur wenige Autoren in diesem Maß besitzen. Schon gar nicht in Kombination mit einer beeindruckenden Lesernähe, wie es hier der Fall ist.

„Mogel“ ist der bislang krönende und mit Überraschungen gespickte zweikommafünfte Teil einer bislang packenden, dem Mainstream den „Aye-Aye-Finger“ zeigenden Trilogie und zeigt sich, die Gesetze einer „echten“ Trilogie brechend, auch hinsichtlich Kategorisierung wunderbar zickig. Und fast stellt sich ein wenig Enttäuschung ein, wenn man sich dessen gewahr wird, dass eine Trilogie nur aus drei Teilen besteht… man mag beinahe hoffen, dass Mohl nach dem noch ausstehenden dritten Teil den „vierten Teil der Trilogie“ irgendwann doch noch nachschiebt. Wen scheren da starre Definitionen?

Cover © rororo/rotfuchs/rowohlt

  • Autor: Nils Mohl
  • Titel: Mogel
  • Teil/Band der Reihe:
    Teil 2,5 der Liebe-Glaube-Hoffnung-Trilogie
  • Verlag: rororo/rotfuchs
  • Erschienen: 01.10.2014
  • Einband: Taschenbuch, Broschur
  • Seiten: 206
  • ISBN: 978-3-499-21537-7
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag

Wertung: 14/15 dpt

 

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Über den Autor

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Chris‘ Nerd-Schreibtisch

Gebürtiger Mannheimer. Jahrgang 1974. Lebt seit 2001 mit Frau und zwei Töchtern südwestlich von Kassel. Besessen von Büchern, Serien, Hörbüchern, Kaffee und Königsberger Klopsen. Schätzt tiefgründige Gespräche und meidet belanglosen Smalltalk. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.

 

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