Ramez Naam – Nexus (Buch)

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Ramez Naam - Nexus Cover ©Heyne VerlagGeiler Tech-Nerd-Shit philosophiert sich in grottiger Sprache zum Äußersten eines annehmbaren Thrillers  – Ramez Naam ist Wissenschaftler, hat am Internet Explorer mitgearbeitet (es ist hart, ihm das nicht mit Punktabzügen zu vergüten) und war  Chef einer Nano-Technologie-Schmiede, bevor er wieder bei Microsoft einstieg. Seit 2012 ist der gebürtige Ägypter Urheber eines fiktionalen Werks namens „Nexus: Mankind gets an upgrade“, das seit Juli 2014 bei Heyne in Übersetzung zu haben ist, aber einfach nur „Nexus“ heißt. Irgendwie fehlt dabei das schmissig-trashige. Bevor wer googelt: Die Fortsetzung ist bereits in den USA erschienen. Ein Sequel mit dem Titel „Crux: Upgrade in Progress“.

„Nexus“ ist wieder so ein Buch, das ohne viel Federlesen verfilmt werden kann. Paramount sicherte sich bereits die Rechte für  den Stoff, der 2040 einsetzt und Post- und Transhumanismus durch Enhancements thematisiert: Der junger Wissenschaftler Kade Lane hat zusammen mit Freunden die verbotene Nano-Droge Nexus auf eine Art weiterentwickelt, die uns befremdlich bekannt vorkommt. Nanoteile setzten sich im Hirn fest und machen es möglich, sich mit anderen Menschen zu vernetzen. Ohne Internet und Facebook ist es so möglich, sein aktuelles Befinden mit anderen zu teilen. Man trifft sich auf Nexus-Partys und surft durch das Seelenleben der Partymeute, teilt Erinnerungen und dazugehörige Empfindungen mit dem Tanzparnter usw.

Eine Technik, die Jonathan Franzen und Lessing überflüssig machen würde. NSA grüßt kurz auch durch die Dachluke. Doch Naam schlachtet die Möglichkeit seiner Version der „Macht“ weder literarisch noch politisch aus. Nexus-Konsumenten sind Buddhisten 2.0, die durch ihr geteiltes Seelenleben Buddhas Lehre des Interseins erkennen und realisieren: Jeder ist in jedem enthalten und das Leid  des Individuums kommt daher, dass das ‚Ich‘ ein ungesundes Konzept ist. Für die Egos unter Euch besteht kein Grund zur Sorge: Nietzsche wird in Nexus auch noch herbeizitiert.

Dem ganz gut durchdachte Kade – er ist ein nicht zu komplexer Charakter mit ordentlich Libido und nettem Gewissen – ist es gelungen, auf diese Nexus-Nano-Teile ein Betriebssystem aufzuspielen, das sowohl mentale als auch körperliche Prozesse steuern kann. Kade hat ein perfektes Gedächtnis. Seine Intelligenz ist ‚erweiterbar‘. Außerdem kann er sich selbst kontrollieren und programmieren. Er kann aber auch andere Personen, denen Nexus verabreicht wurde, in jeder Hinsicht manipulieren. Dadurch verstößt er gegen mehrere Gesetze, die zum Schutz vor bewusstseinskontrollierenden Techniken und vor transhumanenen Bedrohungen erlassen wurden.

Kade wird unter Androhung eines Gerichtsprozesses selbst zum Spielball einer Behörde, die die aktuelle Entwicklungsstufe des Menschen vor post- und transhumanen Wesen wie Kade schützen will. Er soll für die Behörde als Lockvogel und Ermittler gegen seinesgleichen arbeiten. Und natürlich sind deren Agenten ebenfalls total aufgepimpte Superwesen mit taktischen Kontaktlinsen und carbonverstärkten Schienbeinen. Trotz der ganzen coolen Techniken, Skills und Gadgets gelingt es Naam hauptsachlich durch das Schicksal seiner Nebencharaktere, eine diskursive Balance zum geil inszenierten Supermenschen zu halten.

Die Storyentwicklung ist ungleichmäßig. Zudem gibt es stark schwankende Kapitellängen. Manche Kapitel liegen weit über Durchschnitt, was komplett auf Dialoge zurückzuführen ist, die fast schon ausnüchternde Argumentationen hin- und herschieben. Kade will natürlich alles richtig machen. Die blöden, lahmen nicht-optimierten Menschen nicht unterdrücken, aber auch einen Freiraum für die krassen Brains und Science-Gods schaffen. Actionszenen oder auch Kades Interaktionen mit seinem Stirnlappen-Betriebssystem werden seitenweise ausgewälzt und haben nicht selten Bedienungsanleitungscharme.

Naam ist Wissenschafter. Der Mann kann eher Sachbuch. Mit Nexus gelingt ihm jedoch ein wirklich lesenswerter SciFi-Thriller, der es aber mit unglaublich steifer Sprache und mangels erzählerischer Raffinessen nicht schafft, sich literarisch von der techno-nerd-emphasierten Version eines einfallslosen Bachelor-Thesenpapiers zum Thema „Angewandte Ethik“ abzuheben. Die Nietzsche-Anspielungen in Nexus sind die immergleichen erwartbaren Phrasen, die beim Thema durchgenudelt werden und sie liegen peinlich exakt neben den für Naam wirklich relevanten Stellen zum Thema Individuum und Entwicklung. Eine literarische Auslotung der menschlichen Seite vom Übermenschen findet nicht statt. Die „X-Men“-Geschichten sowie die Videospiel-Reihe „Deus-Ex“ behandeln denselben Diskurs gleich gut bis besser.  Upgrade in Progress…

Cover © Heyne

  • Autor: Ramez Naam
  • Titel: Nexus
  • Originaltitel: Nexus, Mankind gets an upgrade
  • Übersetzer: Bernhard Kempen
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 07/2014
  • Einband: Taschenbuch, Broschur
  • Seiten: 624
  • ISBN: 978-3-453-31560-0
  • Sonstige Informationen:
     
    Erwerbsmöglichkeit

Wertung: 12/15 dpt


Über den Autor

Christian Bischopink


Christians Nerd-Schreibtisch

Aktuelle und ewige Lieblingszitate:

»I’ve seen things you people wouldn’t believe. Attack ships on fire off the shoulder of Orion. I watched C-beams glitter in the dark near the Tannhauser Gate. All those moments will be lost in time like tears in rain. Time to die.«
(Roy Batty, „Blade Runner“)

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Ramez Naam – Nexus (Buch)

von Christian Bischopink Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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