Isabella Archan – Helene geht baden (Buch)

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Archan_Helene_650pxMan darf sich vom harmlosen Titel nicht täuschen lassen. „Helene geht baden“ ist kein flauschig-frivoler Rätselkrimi für die Wanne. Ganz unpassend ist der Titel nicht, handelt es sich doch um eine Art Mantra, das Helene Pintao seit Kindertagen begleitet. Abschluss und Krönung eines Tages, der Rückzug in die Wohlfühlzone, etwas, dass sich die junge Frau erst wieder seit dem Bezug der neuen Wohnung leisten kann. Dort gerät sie ins Visier des Rentners Fritz Kalb und seines Fernrohrs, und des von den Medien so apostrophierten ‚Messermannes‘, der sie daheim überfällt, foltert und schwer verletzt. Dass Helene überhaupt mit dem Leben davonkommt, hat sie dem Voyeur von Gegenüber zu verdanken.  

Obwohl sie bereits das zweite Opfer des Mannes ist, der sich an den jeweiligen Tatorten ziemlich offensiv verhält, tappt die Polizei im Dunkeln. Teils aus Unvermögen, teils dem Umstand geschuldet, dass es zu viele Spuren gibt, die im Nichts verlaufen. Das Team um Willa Stark, der jungen Polizisten mit den österreichischen Wurzeln, steht nicht nur unter medialem Druck. Den Willa forciert, indem sie Helene Pintao ihre Telefonnummer gibt.  Die Anrufe werden Legion, da Helene ihren Peiniger an einer Vielzahl von Orten zu erkennen glaubt. Wir Vielbelesenen ahnen natürlich, worauf es hinausläuft: Auf ein weiteres Opfer oder den entscheidenden Anruf. Oder beides.

Der Roman beginnt mit der Erzählung einer Toten, die auf ihre Leiche herabblickt, in Einzelheiten schildert wie sie in diesen bedauernswerten Zustand versetzt wurde und was nach dem Auffinden mit ihr geschieht. Isabella Archan betreibt hier – und in einer späteren Passage – ein eigenwilliges Spiel mit Erzählperspektiven, keine esoterische Nabelschau. Sie nähert sich ihren Figuren von oben, hält damit bereits zu Beginn Abstand zum im Gedärm wühlenden Serienkiller-Thriller, führt mit weitem Blick neben- und Hauptfiguren ein, bevor sie auf gleicher Höhe mit Ermittlern und Opfern ihre Geschichte weitertreibt.

Die Perspektive des Opfers nimmt breiten Raum ein. Archan widmet sich ausführlich der Psyche der misshandelten Helene, schildert ihre Versuche zurück in ein geregeltes Leben zu finden und was passiert, wenn das Opfer nahezu zwangsläufig auf den Täter stößt.  Unterstützung findet sie beim ’niveauvollen‘ Spanner Fritz Kalb, während die Polizistin Willa zunehmend genervt erscheint.

Kein Wunder, ist doch die Arbeit weit weg von Graz, wo man Willa Stark wegen ihrer erfolgreichen Initiative bei der Fahndung nach einem Serienkiller zur tapferen Solistin, quasi dem Österreicher  Clarice Starling-Pendant aufbauschte. Nicht vorteilhaft, wenn man auf Teamarbeit angewiesen ist.
In Köln wird diese zur Plackerei, denn Erfolge bleiben aus. Archan zeigt Polizeiarbeit fernab von Hightech-Shows und meisterlichen deduktiven Schlussfolgerungen. Ihre Polizisten sind mehr oder minder hart arbeitende Beamte, manche schluderig, manche engagiert, die von Zeugen, Indizien und Fehlverhalten der Täter abhängig sind, um zum Ermittlungsziel zu gelangen. Am Ende wird das jeweilige Ergebnis verbucht und weitergemacht.  

Über weite Strecken versteht „Helene geht baden“ spannend und intensiv, die komplexe Struktur der Täter-Opfer-Verbindung zu erfassen. Allzu Gefühlsseliges wird vermieden, die Achterbahnfahrt zwischen Ohnmacht und Zorn, zwischen Verlust und der Sehnsucht aktiv zu werden, beschreibt Isabella Archan so packend wie nachvollziehbar. Ein wenig blass ist die Begründung, warum Willa Stark solche Angst hat, selbst zum potenziellen Gewalttäter zu tangieren. Der Totschlag im Affekt, den ihr Lieblingsonkel begangen hat, eignet sich an und für sich kaum als traumatische Initialzündung.  Andererseits ist die irrationale Angst Willas zutiefst menschlich, da von der Angst vor eigener Schwäche geprägt.  Insofern passt es wieder.

„Helene geht baden“ ist ein lesenswerter Psycho-Thriller, der ohne verlogene Exzesse auskommt. Es gibt keinen mental derangierten, aber geistig überlegenen Killer, keine Ermittler mit außerordentlichen Fähigkeiten und keine willfährigen Opfer als Schlachtvieh. Stattdessen lotet der Roman komplexe Beziehungsgeflechte aus, nur selten plakativ, meist mit der bitteren Erkenntnis garniert, dass Menschen sich über ihre Schwächen definieren (lassen). Erlaubt der Seele einen erzählerischen Ausflug und bleibt trotzdem erdverbunden und alltagstauglich.

Die größte Schwäche der Autorin ist ihre Verliebtheit in ’sprechende‘ Namen. Staatsanwalt Theo Prunk, Polizist Frank Zauber (alles andere als magisch), am Leben verzagender Rentner Fritz Kalb und ganz übel, die zweite Hauptfigur Willa Stark. Gern hätte man von einer Frau mit starkem Willen gesprochen, das legt der Text selbst nahe. Leider traut die Autorin ihren Worten und Lesern nicht recht über den Weg und liefert die Interpretation gleich mit. Tut nicht Not, ist aber ein lässliches Manko, das im Folgewerk leicht ausgebügelt werden kann. Außer bei der möglichen Serienfigur Willa Stark.  Vielleicht eine Heirat mit Namenswechsel? Und wenn es eine Las-Vegas-Story mit kurzer Laufzeit wäre.

Wir warten es gelassen ab und freuen uns auf ein Wiedersehen. Wie auch immer.
Cover © Conte Verlag

 

Wertung: 11/15 dpt

 

 

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Über den Autor

Jochen König

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Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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