Terry Pratchett & Stephen Baxter – Die Lange Erde (Buch)

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Pratchett/Baxter - Die Lange Erde Cover © Manhattan/Goldmann»Könn’se mal wechseln?« erhält in diesem ganz dem Konzept der Parallelwelten gewidmeten Werk eine völlig neue Bedeutung. Denn der eingangs dieses Romans (im Jahr 2015) entdeckte „Wechsler“ (»ein kleiner angekokelter Plastikkasten, ein paar angelötete Drähte, ein Schalter, eine Kartoffel«) sowie natürlich der Bauplan dazu (für Experimentierfreudige wird dieses »technologische Mandala« mitgeliefert! Vgl. S. 7, S. 184) ermöglicht »mit einem kleinen Schritt« in die „Lange Erde“ hinauszutreten: eine unendliche Abfolge von parallelen Welten, der unseren mehr oder weniger ähnlich und von Menschen unbewohnt. Schon bald setzt auf der alten Erde ein wilder Goldrausch ein. Denn die Lange Erde birgt unendliche Möglichkeiten – und unendliche Gefahren …« Danke, lieber Klappentext. Und sie birgt enormes erzählerisches Potential, denn »irgendwo in der Langen Erde findet man so gut wie alles, was man sich nur vorstellen mag« (S. 300); es ergibt sich ein »Baum der Möglichkeiten« (S. 253).

Der vielversprechende Romanstoff geht auf eine 2012 veröffentlichte, aber bereits in den Achtzigern geschriebene Kurzgeschichte zurück, die Pratchett aufgrund des riesigen Erfolgs seiner Scheibenwelt-Romane zunächst beiseitelegte. Der Anstoß zur Wiederaufnahme und Ausarbeitung mit dem Autor Stephen Baxter zu einer eigenen Romanreihe geschah übrigens auf einer Scheibenwelt-Convention in Madison, Wisconsin – ein Umstand, der dadurch gewürdigt wird, dass die Haupthandlung von „Die Lange Erde“ eben hier angesiedelt ist. Jedenfalls was die geographischen Koordinaten angeht, denn wie angedeutet geht es im Roman ja um das Vordringen in parallele Welten, die (möglicherweise) noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Wem das nach Star Trek und Star Wars riecht, der wird begeistert feststellen, dass tatsächlich zahlreiche Anspielungen und Zitate auf die Kult-Serie und -Filme in das attraktive Sci-Fi-Garn verwoben wurden. Auch etliche Pratchett-„Steckenpferde“ dürfen ihre Köpfe recken, beispielsweise fiese Elben und noch fiesere Einhörner (S. 330).

Ausgangspunkt des Plots ist wie gesagt 2015 ff., eine Zeit, zu der die »Datum-Erde« mit zehn Milliarden Menschen erbärmlich überfüllt ist (S. 273). Während die Menschheit bis auf einige Wechsel-Verweigerer (»Phobiker«) in einer Art Goldrausch anhebt, die am nächsten liegenden Parallelwelten zu erobern und zu besiedeln – dabei liegt die Kluft zwischen den Welten bei ca. 50 Jahren (S. 143) – , versucht der Protagonist Joshua Valienté (einer der wenigen, die ohne technische Hilfe wechseln können) auch die schwerer erreichbaren „Außengebiete“ zu erforschen. Ihm haben die Autoren mit Lobsang eine faszinierende Gestalt an die Seite gestellt: Der tibetische Motorradmechaniker (sic) ist per Seelenwanderung als Supercomputer reinkarniert, der den Turing-Test bestanden hat.

Bei allem Futurismus wird die Geschichte derb realistisch und mit grimmigem Humor erzählt. Beispielsweise ist der Preis für den Sprung in parallele Welten die »Wechselkrankheit“: heftige Übelkeit mit Übergeben. Und auch in der Zukunft gibt es immer noch Software-Entwickler und die IBM (S. 138).

Den Rest solltet ihr Euch selbst zu Gemüte führen, indem ihr flugs auf die „Lange Erde“ wechselt. Dies ist ab Mitte November auch via preiswertem Taschenbuch möglich, für das hoffentlich ein paar der kleineren Edititionsfehlerchen (z. B. »ein blutige Angelegenheit«, S. 157) beseitigt wurden.

Cover © Manhattan/Goldmann

Wertung: 11/15 dpt


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Klaus‘ Nerd-Schreibtisch

Wer bist Du und was machst Du hier überhaupt?
Bin der, der hier hockt und sich grad schwer tut, zu erklären, was er hier überhaupt macht. ;-)

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Das anzugeben, fällt erheblich leichter: Symptome der Booknerdismus-Deformation hatten sich früh gezeigt (in zartestem Alter den – erheblichen! – Buchbestand der Eltern einmal quergelesen).

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von Klaus Reckert Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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