Hide And Seek (Spielfilm, DVD/Blu-Ray)

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Hide-And-Seek_Blu-ray_coverIn dem rabiaten Slasher „Dream Home“ metzelt eine junge Frau die gesamte Nachbarschaft ihrer Traumwohnung brutal nieder, um den Verkaufspreis der Immobilie ihren finanziellen Mitteln anzupassen. Der asiatische Wohnungsmarkt scheint ein Minenfeld zu sein.
Der koreanische Thriller „Hide And Seek“ bewegt sich in ähnlichen Gefilden. Nur sind hier die Wohnungsinhaber selbst in tödlicher Gefahr. Selbst in einem heruntergekommenen Wohnkomplex, wo eine junge Frau vor ihrer PC-Kamera getötet wird. Erschlagen von einer unheimlichen Gestalt in schwarzer Motorradkluft. In Verdacht steht ihr Nachbar, der ehemalige Häftling Sung-cheol,  der direkt nach der Tat verschwunden ist.  Sein Stiefbruder, der reiche Geschäftsmann Sung-choo macht sich auf die Suche. Doch statt seines Bruders findet er seltsame Zeichen neben den Wohnungstüren, begegnet einer verschreckten Mutter mit unheimlicher, einäugiger kleiner Tochter und sieht sich und seine Familie selbst bald im Fokus des unheimlichen Killers.

Nicht grundlos verdächtigt der nach außen hin ruhige und korrekte, doch an schweren Zwangsneurosen leidende Sung-Choo seinen jahrelang verschwiegenen Bruder, Stalker und (mehrfacher?) Mörder zu sein.  Fassbar wird Sung-cheol indes nicht, und als sich weitere Merkwürdigkeiten häufen und die Situation immer bedrohlicher wird, scheinen auch ganz andere Zusammenhänge möglich…

Hide and seek -wohnblock„Hide & Seek“ besticht durch seine Hochglanzoptik, durch Settings, die die trostlose Atmosphäre existenzieller Verlorenheit perfekt einfangen, egal ob es sich um die High-Tech-Festungen der Upper Class oder verwahrloste Wohnblöcke handelt.  Zwischen diesen beiden Extremen pendelt der Film spannend hin und her, hinterlässt beiläufig einen gesellschaftskritischen Kommentar, der von einer gewaltigen, kaum zu schließenden Kluft zwischen den Bevölkerungsschichten erzählt, die doch den gleichen Traum hegen: Sich und ihren Lieben ein sicheres Heim zu bieten. Koste es, was es wolle.

Sung-choo ist (unverdienter) Nutznießer dieses Systems, ein (un)glücklicher reicher Erbe, der sich mit Frau und zwei Kindern Luxus und Auslandsaufenthalte leisten kann, während sein Bruder als verurteilter Straftäter durchs Raster fällt und beinahe keinen Spuren hinterlässt. Bis zu seinem Verschwinden, welches Sung-choo aus Scham und schlechtem Gewissen zum Detektiv in eigener Sache werden lässt. Was seine Familie in tödliche Gefahr bringt. Nicht förderlich für eine Beziehung, die durch das Verheimlichen des schwarzen Familienschafs und der daraus resultierenden psychosozialen Konsequenzen auf dem Prüfstand steht.  

HIDE AND SEEK_Full (53)Kommunikation – wenn sie denn überhaupt stattfindet – scheitert fast komplett. „Hide And Seek“ zeigt Gänge, Tiefgaragen, ganze Wohneinheiten oft menschenleer. Wenn Anwohner sich begegnen, werden meist nur rudimentäre Informationen ausgetauscht, konstruktive Dialoge finden selbst zwischen Ehepartnern selten statt. So wird jedermann austauschbar in einer aseptischen Welt, was die Arbeit für Okkupanten des eigenen Lebensraums ziemlich einfach macht, vorausgesetzt der konsequente Wille zur Schaffung eines Eigenheims ist vorhanden.

„Hide And Seek“ funktioniert als bildtechnisch gelungene Studie über zwischenmenschliche Leerstellen ziemlich gut, die Inszenierung ist von Anfang an auf Unbehagen und erst sachte, dann vehemente Spannungssteigerung hin ausgerichtet und besitzt tatsächlich einen überraschenden Plotwist, der die Schraube Richtung Wahnsinn gewaltig anzieht. Doch dann verließen sie ihn.

HIDE AND SEEK_Full (120)Funktioniert das Spiel mit Ungewissheit und einem Protagonisten, der peu a peu den Boden unter den Füßen verliert und immer verletzlicher wird, zunächst sehr gut, verkommt der Film im weiteren Verlauf zur wilden und blutigen Hatz, ohne in derbe Gore-Regionen vorzustoßen, bei der sich Täter wie Opfer als wahre Stehaufmännchen erweisen.  Was nur möglich wird, weil der Killer von seinen naiven Opfern freundliche Handreichungen zum Weitermachen bekommt, sprich die gehetzten Seelchen verhalten sich strunzdumm. Schieben wir es auf die Aufregung und beim leidenden Familienvater auf seine psychischen und physischen Verletzungen, die im Laufe der Filmhandlung keineswegs verheilen.

Der finale Endkampf läuft dann völlig aus dem Ruder und wird zu einem Zerstörungsspektakel, dass mit etwas mehr Witz einen netten  Tom und Jerry-Clip ergeben würde.
Leider boykottiert dieses überbordende Hauen und Stechen ohne großartige Konsequenzen die vorangegangenen enorm spannenden Sequenzen. Zudem sind die bestenfalls solide agierenden Schauspieler kaum in der Lage, sämtliche Unglaubwürdigkeiten vergessen zu machen.

Ganz schlimm chargieren die Darsteller der Kinder von Min-ji und Sung-choo. Daumendrücken für den Killer ist gewiss. Besser zieht sich die HIDE AND SEEK_Full (32)kleine, sinistere Augenklappenträgerin  Kim Ji-yeong aus der Affäre, die zudem als rahmende Erzählerin fungiert. Man sollte den jungen Schauspielern aber keine Vorwürfe machen, Regisseur Huh Jung bekennt im „Behind The Scenes“-Feature (bis auf Kleinigkeiten am Rande ein selbstbelobigendes Nichts. Gilt mehr noch für das längere „Making Of“) freimütig, dass er keinen Draht zu (den) Kindern hatte. Das merkt man leider deutlich.  Seltsamerweise weist gerade die Schauspielerführung und nicht die erlesene Kinematographie darauf hin, dass es sich bei „Hide And Seek“ eigentlich um einen Low-Budget-Film handelt, der das Glück hatte, in Südkorea enorm erfolgreich in den Kinos zu laufen.

So bleibt ein in Ansätzen gelungener, über weite Strecken spannender Thriller, quasi das Gesellenstück eines vor allem visuell talentierten Regisseurs, der sein angedeutetes Potenzial zugunsten  abgeschmackter Handlungsschablonen bei Weitem nicht abruft.  

Dass der Film auf einer wahren Begebenheit (oder mehreren) beruht, ist eine jener Spinnen aus der Yucca-Palme, die im Kino – oder auf DVD/Blu-Ray – ein neues Zuhause suchen.

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Cover und Szenenfotos © Edel:Motion

  • Titel: Hide And Seek
  • Originaltitel: Soombakkokjil
  • Produktionsland und -jahr: Südkorea, 2013
  • Genre:
    Thriller, Mystery,  Horror, Drama
  • Erschienen: 26.09.2014
  • Label: Edel:Motion
  • Spielzeit:
    104 Minuten auf DVD
    104 Minuten auf Blu-Ray
  • Darsteller:
    Son Hyun-joo
    Moon Jung-hee
    Jeon Mi-seon
  • Regie: Huh Jung
  • Drehbuch: Huh Jung
  • Kamera: Kim Il-yeon
  • Musik: Jo Yeong-wook
  • Extras:
    Behind The Scenes, Making Of, Trailershow
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    16:9, 2,4:1
    Sprachen/Ton:
    Deutsch, Koreanisch/Dolby Digital 5.1
    Untertitel:
    Deutsch
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    16:9, 2,4:1
    Sprachen/Ton:
    Deutsch, Koreanisch/DTS-HD Master Audio 5.1
    Untertitel:
    Deutsch
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Homepage zum Film
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 9/15 dpt


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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