Audition (Spielfilm, Blu-Ray)

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Audition_Blu-ray-Cover_2DIn Auflistungen von „most disturbing movies“ nimmt Takashi Miikes „Audition“ regelmäßig einen der vorderen Plätze ein, gerne umrahmt von „Martyrs“, Pasolinis „Salo oder die 120 Tage von Sodom“ und David Lynchs „Eraserhead“. Der Film befindet sich also in ziemlich guter Gesellschaft.  Dabei nähern sich das Grauen und die dargestellte Gewalt subtil, bevor sie kulminieren und (nicht nur) den Zuschauer von den Füßen reißen. Wobei Miike einiges ausspart und vieles der Fantasie der Zusehenden überlässt. Filme wie „Ichi the Killer“ oder „Dead or Live“ verwirklichte er wesentlich expliziter. Übrig bleibt genug graphische Gewalt, die gerade in ihrer ruhigen, beinahe beiläufigen Inszenierung nahezu körperliche Schmerzen verursacht.

Audition-fressnapfKein Wunder, dass „Audition“ heftige Kontroversen auslöste. Wer auf eine reine Splatter-Orgie wartet, wird sich von der ersten Stunde des Films gelangweilt fühlen, während Arthaus-Publikum, dass der leisen Liebesgeschichte zweier verstörter Menschen andächtig folgt, vermutlich entsetzt beim Anblick eines verstümmelten Mannes, der Erbrochenes aus einem Hundenapf schlabbert, das Weite sucht. Zu bedauerlich, denn der komplette Film ist in seiner Gesamtheit ein meisterliches Werk und ein Höhepunkt in Takashi Miikes umfangreicher Filmografie.

auditionZu Beginn des Films stirbt Shigeharu Aoyamas Ehefrau und lässt ihn  alleine mit seinem zehnjährigen  Sohn Shigehiko zurück.  Sieben Jahre später bewegt Shigehiko seinen grüblerischen Vater, auf Brautschau zu gehen. Filmproduzent und Freund Yasuhisa Yoshikawa  inszeniert ein Casting für einen imaginären Film, die titelgebende „Audition“, in deren Verlauf sich Shigeharu eine passende Gefährtin aussuchen soll. Schon beim  Lesen der Bewerbungsunterlagen fällt seine Wahl auf die hübsche Asami, eine ehemalige Balletttänzerin, deren Nachdenklichkeit den bedachtsamen Shigeharu Ayoma anspricht. 

audition-hotel-sceneObwohl Yoshikawa ein unbestimmtes, mulmiges Gefühl in Bezug auf Asami  hat, lässt sich der heiratswillige Shigeharu nicht beirren, verabredet sich mit der Vierundzwanzigjährigen und unternimmt einen Kurztrip mit ihr, in dessen Verlauf die junge Frau ihrem Galan das Versprechen abnimmt, sie stets als einzige zu lieben. Nach einer gemeinsamen Nacht verschwindet Asami spurlos.

Der Zuschauer ist dem Hauptdarsteller einen Schritt voraus, sieht er doch die karge Wohnung Asamis, deren Hauptinventar ein großer Postsack ist. Dessen Inhalt ab und an wild zuckt.
Und wenn Asami zu ihrem Liebhaber in spe sagt, dass er sie für eine langweilige Frau halten müsse, weil sie die ganze Zeit auf seinen Anruf gewartet habe, dann weiß jeder vor dem Bildschirm und der Leinwand, dass diese Aussage wortwörtlich gemeint ist.

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„Audition“ ist ein eleganter Film, in gedeckten Farben entwickelt er seine Geschichte langsam und minuziös, wie es dem Wesen seiner männlichen Hauptfigur entspricht. Fast zaghaft schleichen sich kleine Irritationen ein, aus der möglichen Liebesgeschichte zweier verstörter Seelen wird eine Studie in Besessenheit. Schleichendes Grauen nistet sich ein, und es ist Miike hoch anzurechnen, dass er „Audition“ nie zur Schlachtplatte mutieren lässt, sondern auch in den gewalthaltigen Momenten ruhige Schnitte und sachte Kamerabewegungen bevorzugt. Asami ist ein gebrandmarktes Opfer und eine Überlebende, die sich eine ganz eigene, radikale Methode zu Eigen gemacht hat, mit Schmerz und (Verlust)-Angst umzugehen. Leider ist sie nicht in der Lage, in dem still leidenden Shigeharu einen Seelenverwandten zu sehen. „Adrift without a course, it’s very lonely here, our only conjecture what lies behind the dark“, würde Peter Hammill wissend dazu singen*.

Nicht nur in ihrerAudition_13 späteren Metamorphose  ist Asami eine enge Verwandte von Carole Ledoux aus  Roman Polanskis „Repulsion“ („Ekel“). Auch die Vielschichtigkeit hat „Audition“ mit Polanskis Film gemein, behält er doch bis zum Schluss eine Aura der Irrealität und des traumwandlerischen Wahnsinns. So bleibt ebenfalls die Lesart möglich, dass Shigeharus Nachforschung zu phantasierten Schlussfolgerungen führt.

Männer und Frauen bewegen sich in „Audition“ umeinander her wie Wesen von fremden Planeten, und wenn sie sich auf gleicher Ebene treffen, herrscht Krieg. Lediglich die Beziehung zwischen Shigeharu und seiner verstorbenen Ehefrau scheint eine Ausnahme gewesen zu sein, warnt sie ihn  sogar noch weit nach ihrem Tod vor Asami. Es nützt nichts, denn auch wenn Shigeharu das Potenzial dazu hätte, Mittler zwischen den Sphären zu werden, er nutzt es kaum.

Sieht man exemplarisch an den kurzen Auftritten einer Angestellten, die sehnlich und zaghaft um Shigeharus Aufmerksamkeit buhlt. Er bekommt davon überhaupt nichts mit. Erst spät klärt sich die Szene ansatzweise auf. Miike besitzt Geschick und Gespür vieles ungesagt zu lassen und im Vagen zu halten.

Audition_72„Audition“ ist auf eigensinnige Weise, gerade in der Wahl seiner disparaten Mittel, ein funktionierendes, komplexes System, das zudem mit exzellenten Einzelszenen brilliert. Sei es der pädophile Ballettlehrer, der einsam in seinem verfallenen Tanzsaal im Rollstuhl sitzt – Passagen, die nicht nur lichttechnisch an Dario Argentos „Suspiria erinnern, oder der Moment alptraumhaften Körperhorrors, wenn sich der Sack in Asamis Wohnung öffnet; ebenso all die kleinen surrealen Strudel, die den Film durchströmen sowie seine Pausen, die Miike benutzt, um das Finale vorzubereiten. Das den Zuschauer, auch wenn er darum weiß, mit voller Wucht trifft.

Mögen andere Filme Takashi Miikes ob ihrer überbordenden Brutalität und Experimenturlust noch verstörender scheinen als „Audition“, in seinem konsequenten Bestreben aus Elegie und Stille schleichendes Grauen zu erzeugen, ist „Audition“ ein bestechender und kraftvoller Film über Wahn, Wirklichkeit und den Kampf der Geschlechter.

* Die Zeile aus „Childlike Faith in Childhood’s End“ ist zu finden auf dem Van Der Graaf Generator-Album „Still Life“. Geschrieben von Peter Hammill.

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Cover und Szenenfotos © Rapid Eye Movies

  • Titel: Audition
  • Originaltitel: オーディション, Ōdishon
  • Produktionsland und -jahr: Japan 1999
  • Genre:
    Liebesfilm, Drama, Horror, Thriller
  • Erschienen: 17.10.2014
  • Label: Rapid Eye Movies
  • Spielzeit:
    115 Minuten auf Blu-Ray
  • Darsteller:
    Ryo ISHIBASHI
    Eihi SHIINA
    Tetsu SAWAKI
    Jun KUNIMURA
    Renji ISHIBASHI
    Miyuki MATSUDA
    Toshie NEGISHI
  • Regie: Takashi Miike
  • Drehbuch: Daisuke Tengan (nach einem Roman von Ryū Murakami)
  • Kamera: Hideo Yamamoto
  • Schnitt: Yasushi Shimamura
  • Musik: Kôji Endô
  • Extras:
    Interview mit Takashi Miike (48:34 Min.)
    Kinotrailer (1:23 Min.)
    Trailer: Branded to Kill (3:17 Min.)
    J.S.A. (1:43 Min.)
    Lone Wolf & Cub:
    Teil 1 Das Schwert der Rache (2:29 Min.)
    Teil 2 Am Totenfluss (3:10 Min.)
    Teil 3 der Wind des Todes (3:03 Min.)
    Teil 4 Die tätowierte Killerin (3:07 Min.)
    Teil 5 Der weisse Pfad der Hölle (3:03 Min.)
    Teil 6 Blutiger Schnee (2:41 Min.)
    The Isle (1:58 Min.)
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    1080/24p (1,85:1)
    Sprachen/Ton
    :
    Deutsch (Linear PCM 2.0 Stereo), Japanisch (DTS-HD Master Audio 5.0)
    Untertitel:
    D (nicht abwählbar)
  • FSK: 18
  • Sonstige Informationen:
    Homepage zum Film

Wertung: 13/15 dpt

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Über den Autor

Jochen König

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Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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