Nic Pizzolatto – Galveston (Buch)

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Nic Pizzolatto-GalvestonNic Pizzolatto war Literaturdozent und veröffentlichte 2006 die Kurzgeschichtensammlung „Between Here and the Yellow Sea“, die Kritikerlob einheimste und auf der Longlist des „Frank O’Connor International Short Story Awards“ stand. 2011 erschien sein Debüt-Roman „Galveston“ in den USA und erlitt ein ähnliches Schicksal wie die Stories zuvor. Von Kritikern für gut befunden, doch verkaufstechnisch eine Niete. Zumindest in den USA – in Frankreich, wo es anscheinend dank der langen Série noire -Tradition tatsächlich eine zählbare Käuferschicht für düstere

 Nachtstücke gibt, sah es von Beginn an anders aus. In einem „Die Zeit“-Interview resümierte Pizzolatto trocken, »in den USA habe niemand seinen 2011 erschienenen Roman Galveston gelesen. […] Überhaupt liest in den USA niemand«

Dann kam „True Detective“. Mit dem Erfolg der hervorragend inszenierten, rabenschwarzen und stylischen Studie in Verlorenheit, wurde auch „Galveston“ wieder ans Tageslicht gespült und in die Welt hinausgesandt. Zum Glück für uns. Hierzulande ergatterte sich der Metrolit-Verlag die Rechte und veröffentlichte den Roman in ansprechender Übersetzung.  

Schlechte Zeiten für Roy „Big Country“ Cady. Erst werden bei einer Routine-Untersuchung Flecken auf seiner Lounge festgestellt, die eine hohe Lebenserwartung unwahrscheinlich erscheinen  lassen, dann beschließt sein Boss Stan Ptitko, diese noch weiter und radikal zu verkürzen, indem er den Profikiller als unbedeutenden Kollateralschaden zum Abschuss freigibt. Doch Cady überlebt den Anschlag, hat fortan die junge Raquel Arceneaux, genannt Roxy, plus kleine Schwester/Tochter, im Schlepptau.

Auf der Flucht, den eigenen Tod im Visier, beginnt er Verantwortung und Empathie zu empfinden. Für jemand anderen als sich selbst. Doch Schatten machen sich nicht nur in Cadys Lunge breit. Die zum  kleinsten Problem wird, als ihm Ptitko und seine Schergen auf die Pelle rücken. Bald stellt sich nicht mehr die Frage wie es enden wird, sondern wie böse…

Inhaltlich hat „Galveston“ auf den ersten Blick kaum etwas mit „True Detective“ gemein. Keine Weltanschauungen austauschenden Cops, Serienmorde und archaische Landschaften aus der industriellen Vorhölle. Stattdessen ein todkranker Killer auf der Flucht vor seinem ehemaligen Arbeitgeber, raus aus New Orleans über den Highway und Nebenstraßen, kurzer Halt in Motel und Trailer Park. Dann, zwanzig Jahre später verlagert sich die Handlung  nach Galveston. Ein Hurrikan zieht auf.

Und spätestens hier treffen sich Roman und Serie. Pizzolatto gibt Landschaften, Orten ein Gesicht, eine Geschichte,  lässt sie reden, während seine Figuren von einem Zwiespalt zum nächsten getrieben werden. Ein Sumpf taucht natürlich ebenfalls auf, zumindest kurz. Auf einer Reklametafel am Footballfeld einer High-School steht in großen Lettern: „HELL IS REAL“. Nicht nur Roy Cady weiß das ganz genau.  

Nic Pizzolatto beschreibt Menschen an Wendepunkten ihres Lebens, gibt ihnen Raum für Nachdenklichkeit, immer wieder zögern und zaudern Cady und seine Mitstreiterin Rocky, erstaunt welche Möglichkeiten sich ergeben, wenn scheinbar alles dem Ende entgegenstrebt. Einer simplen Rachegeschichte verweigert sich „Galveston“ konsequent. Im Fokus stehen Schuld, Sühne und die Chance auf Veränderung. Selbst ein kaltschnäuziger Profikiller wie Roy Cady erkennt dies. Doch wie so oft, ist Leben das, was passiert, während man gerade andere Pläne schmiedet. Pizzolatto setzt das auf so düstere wie eindringliche Weise in Szene, ein Quäntchen Hoffnung inklusive. Bevor der Sturm zuschlägt.

„Galveston“ markiert nicht die Wiedergeburt des Noir, ist aber ein weithin vernehmbares Lebenszeichen. Der Autor kennt seine Vorbilder, erweist ihnen teils namentlich alle Ehre. Harper Robicheaux und der geographische Raum  New Orleans samt Umland erinnern natürlich an James Lee Burke, Roy Cady an seinen Nachnamensvetter Max aus „Ein Köder für die Bestie“ („Cape Fear“). Sowohl an das Original wie das „Kap-der Angst“-Remake von Martin Scorsese. „Big Country“ ist allerdings mehr Robert Mitchum als de Niro.  In den Romanen Burkes und den Verfilmungen des John D. McDonald-Buchs durch J. Lee Thompson und Scorsese spielt die Topographie eine ähnliche herausragende Rolle wie in „Galveston“.

Ein weiterer Einflussgeber dürfte Jim Thompson sein, was sich explizit in der Beziehung Roy Cadys zu den Frauen seines Lebens widerspiegelt. Für einen autarken Einzelgänger ist Cadys Lebensweg äußerst stark von den Frauen geprägt, mit denen er sich umgibt. Seine geliebte Loraine kann er nicht vergessen, sieht ihn ihr die Sehnsucht nach einem geregelten, bürgerlichen Leben – wobei Pizzolatto offen lässt, ob es sich um eine Uto- oder Dystopie handelt. Das bad-good-girl Carmen, das Roy erst mit seinem Kollegen Angelo betrügt, um beide anschließend wegen Stan Ptitko in den Wind zu schießen, trifft eine lebenswichtige Entscheidung für Big Country. Bleibt noch Rocky, die freisetzt, was Loraine anrührte: Aus einem stoischen Auftragsmörder, ein denkendes und fühlendes Wesen zu machen. Dass diese Metamorphose nur unter größtmöglichen Schmerzen vonstattengehen kann, liegt im Wesen des Noir.

Bei aller Kenntnis seiner Vorgänger und kultureller Verweise behält Nic Pizzolatto seine eigene, starke Stimme voller Bilder und poetischer Exkursionen.
„Galveston“ ist wie die TV-Arbeit des Autors eine kunstvoll verschachtelte Angelegenheit, die vor angedachten und möglichen Lebensentwürfen nur so strotzt. Ohne das alles im Detail ausgearbeitet oder bis zur letzten Faser entwickelt wird. Das bleibt der Phantasie der Leser überlassen. 

Ich glaube, für den Bruchteil einer Sekunde hatte ich in der orangefarben erleuchteten, von Blut und Rauch durchwaberten Diele noch etwas anderes erkannt. Als die Schüsse in meinen Ohren klingelten und mein Kiefer starr vor Adrenalin war, war mir am Gesicht der Kleinen, auf dem sich Furcht und Kummer abzeichneten, etwas aufgefallen, das ich auch zuvor schon in dem leeren Apartment gespürt hatte.  Ein Gefühl von etwas, das ich zwar vergessen hatte, das aber immer noch als Erinnerung, als ein Verlust in meinem Unterbewusstsein widerhallte.

Cover © Metrolit

  • Autor: Nic Pizzolatto
  • Titel: Galveston
  • Originaltitel:  Galveston
  • Übersetzer: Simone Salitter & Gunter Blank
  • Verlag: Metrolit
  • Erschienen: 18.08.2014
  • Einband: Gebunden
  • Seiten: 253
  • ISBN: 978-3-8493-0097-5
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 13/15 dpt

 

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Über den Autor

Jochen König

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Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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