Dieter Jakob, Burkhard Schempp & Robert Riedt – We Are The Other People – 25 Jahre Zappanale (Buch)

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Jakob, Schempp, Riedt - We Are The Other People (Cover © Wehrhahn Verlag)Lass‘ fahren dahin jedes Bemüh’n um Objektivität – ich LIEBE dieses Buch! „We Are The Other People“ ist nicht nur generell ein verschwenderisch schön gestalteter Band– es ist auch das schönste Denkmal, das man einem Musik-Festival setzen kann. Das geht beim – dem Anlass nur angemessenen! – Format los: 30×23 cm, 2,5 Kilo schwer und hört mit der von Helmut King eigens für den Band erstellten Covergrafik (inklusive 50 Shades of Penguins in Bondage, Brown Shoes und vielen anderen liebevollen Anspielungen) natürlich nicht auf. Im Gegenteil: Das Festival-Buch ist selbst zum Gesamtkunstwerk geworden. Dabei ist es einerseits so kompetent und fachkundig gemacht, wie so etwas überhaupt getan werden kann. Und verrät dennoch an jeder Ecke und Kante so wohltuend viel Selbstironie und Humor, dass es auch nicht verwundert, dass es nach 500 Seiten mit einem Scherz endet: Frank Zappa, als er während eines Interviews vom Zappanale-Festival erfährt – »Ich fühle mich geehrt. Gleichzeitig frage ich mich aber auch, ob diese Leute nichts Besseres zu tun haben.« Um diese Menschen, die nichts Besseres zu tun haben als die Verherrlichung von Frank und den Kosmos rund um seine Musik und um ihr Anderssein geht es in diesem wunderbaren Buch – um „The Other People“ also. Das Entzücken ist groß, wenn man trotz bisher nur einmaliger eigener Wallfahrt nach Bad Doberan etlichen, teils sehr lieben Bekannten auf den Seiten wieder begegnet: Wolfhard „Spanien“ Kutz, Karl-Heinz Heidenreich natürlich (mal „Charlie“, mal korrekt „Charly“ geschrieben), aber auch besonders respektierte Schreiberkollegen wie Volkmar Mantei, der hier als Chronist mitgewirkt hat. Ex-Vorstand Thomas Dippel allerdings, der mich damals noch akkreditiert hatte, erscheint hier nur noch in einer Danksagung.

25 Jahre Zappanale werden uns vor Augen gerufen – in teils sehr persönlichen Rückblicken, vielen O-Tönen u.a. von den beteiligten Musikern, aber auch in an die Tausend hervorragend reproduzierten Fotos (wobei leider keine von Lutz Diehl oder Ede Tetzlaff dabei sind). Die meisten sind „kontextsensitiv“ platziert, es gibt aber auch wunderbare Themen-Doppelseiten, beispielsweise zu Kindern und Gehörschutz (S. 56-57).

Zur Vorgeschichte: 1988 gab FZ seine letzten Konzerte, 1993 verstarb er. 1990 startete Zappanale #1 – und zwar gleich als Open Air! Auf dem Festival #7 1996 spielten erstmals nicht nur Coverbands, sondern auch Formationen mit eigenem Material (S. 100). 1998 gibt es die erste CD zum Festival (S. 107). 1999 geht es zum ersten Mal auf die wunderschöne Gallopprenbahn in Bad Doberan (S. 111) – aber es gibt auch erstmals ein lebensbedrohliches Finanzdefizit – ein Thema, das sich durch die Jahrzehnte zieht. 2002: Das FZ-Denkmal wird enthüllt, Candy und Bob Zappa besuchen das dreitägige Festival, dessen phantastisches Billing (u.a. Mike Keneally, Scott Thunes, Ike Willis, N.M. Brock, Ozric Tentacles, aber auch Christophe Godin einen Fehlbetrag von 150.000 Euro nicht verhindern kann, was zu organisatorischen Veränderungen führt.

Das frisch und authentisch geschriebene Buch verherrlicht Zappa, aber nicht die Zappanale. Auch berechtigte Kritik wird hier durchaus laut, so beispielsweise an dem Umstand, dass sich mangels Setlist-Abstimmung manche Songs während eines Festivals oder sogar Tages sehr oft wiederholen können (S. 165).

Wir schreiben das Jahr 2004, es gibt Highlights wie The Wrong Object feat. Ed Mann, Kraan oder die Mats/Morgan Band. 2005: Die NDR-Bigband unter Colin Towns (u.a. Gillan Band)! 2006: Soft Machine Legacy, Adrian Belew, Tripod, aber auch Jane (»der langweiligste Act auf einer Zappanale«, S. 219). 2007: Trigon! Chad Wackerman Trio, Mörglbl. 2008: Electric Orange, Indukti, Panzerballett, Tarentatec/Osis Krull, Fritz Rau eröffnet. 2009: Steve Hillage Band, „Acid Mothers Guru Guru Gong“ (u.a. Daevid Allen), Terry Bozzio (umstrittener Auftritt), Lazuli, Discus; das Festival bietet neun Tage Programm!

2010: Jean-Luc Ponty, University Of Errors feat. Daevid Allen, Beardfish. 2011: Eddie Jobson, Dr. Nerve, Fido Plays Zappa, Colosseum (allerdings erfreulicherweise keinesfalls das »letzte (Konzert) der Band überhaupt«, wie es hier noch heißt (S. 337). 2012: Magma, Quantum Fantay, George Duke, Jack Dupon, Motorpsycho, DeWolff, aber auch das Experiment mit dem „Heavy Guitar Day“. 2013: Banned From Utopia (umstritten), Coogans Bluff. 2014: 25 Jahre Zappanale! Embryo! The Grandsheiks, The Crimson ProjeKCt & Stick Men und viele, viele mehr….

In einem abschließenden Buchteil wird auch die Saga des bizarren Rechtstreits nachgezeichnet, mit dem die Zappa-Witwe Gail die Arf-Society verfolgt. Eine Bandliste (inklusive gespielter Festivals) sowie Fotonachweis und ein ausgezeichneter Index runden den Prachtband ab.

Wenn man sich überlegt, was für ein hingerotzter Ranz bisweilen für immerhin die Hälfte des Kaufpreises angeboten wird (Max Cavalera, nur mal so als aktuelles Beispiel…), dann sind die knapp 50 Euro für dieses Werk sogar preiswert zu nennen. Auch ein ideales Geschenk für Musikliebhaber mit gutem Geschmack!

Cover © Wehrhahn Verlag

Wertung: 14/15 dpt


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Klaus‘ Nerd-Schreibtisch

Wer bist Du und was machst Du hier überhaupt?
Bin der, der hier hockt und sich grad schwer tut, zu erklären, was er hier überhaupt macht. ;-)

Wie wurdest du zum booknerd?
Das anzugeben, fällt erheblich leichter: Symptome der Booknerdismus-Deformation hatten sich früh gezeigt (in zartestem Alter den – erheblichen! – Buchbestand der Eltern einmal quergelesen).

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von Klaus Reckert Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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