Nils Mohl – Kasse 53 (Buch)

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Nils Mohl - Kasse 53 (Buchcover © rororo)Funktionieren. Freundlich sein. Höflich sein. Zuverlässig, zügig und korrekt seine Arbeit verrichten. Immer im Sinne des Kunden handeln. Das sind die Anforderungen, denen auch die Hauptfigur im 2008 bereits beim Verlag Achilla Presse erschienenen, nun durch den rowohlt Verlag deutlich besser unter die Menschen gebrachten „Kasse 53“ zu entsprechen hat. Jene am Stadtrand in einem der vielen Hochhäuser lebende Hauptfigur besitzt keinen Namen, man weiß von ihr nur, dass sie ein Kassierer ist, dessen Arbeitgeber ein großes Kaufhaus in der Innenstadt ist, in welchem er in der CD-Abteilung an der Kasse mit der Nummer 53 sitzt und tagtäglich für Kunden die Tonträger abscannt, um daraufhin ihre Bezahlung entgegenzunehmen. Guten Tag, das macht neunzehnneunundneunzig, ein Pfennig zurück, möchtensieeinetüte, vielen Dank, auf Wiedersehen. Immer wieder, immer weiter. Mechanisch, routiniert, im Smalltalk mit manch redseligem oder sonderbarem Kunden höflich schlagfertig.

Der Leser begleitet den Kassierer eine hochsommerliche Arbeitswoche lang bei seinem Tun. Der Kassierer macht sich montags auf den Weg zu seiner Spätschicht, und hierbei beobachtet er alles und jeden um sich herum, er betritt das Warenhaus und tritt nach etwas Vorbereitung seinen Dienst an. Die Kunden, die zu ihm an die Kasse kommen, um ihre akustische Unterhaltung zu erwerben, könnten kaum unterschiedlicher sein. Er beschreibt sie äußerst präzise, gibt die Dialoge wieder, beschreibt sein eigenes Tun, ebenso trägt er die Gedanken, die ihm dabei durch den Kopf gehen, nach außen zum Leser. Er fragt sich, welche Geschichten diese Menschen, die er bis auf einige wenige bald wieder vergessen hat, in sich bergen. Auch bei den Schichtwechseln und beim Feierabend bleiben wir Beobachter und lassen die detailreichen beschreibenden Worte auf uns herniederprasseln. Wir begleiten einen einsamen Menschen, der tagtäglich zu einer anonymen Nummer wird. Ein menschgewordenes Zahnrad der Gesellschaft und der Wirtschaft. Sehnsüchte und Interessen werden lediglich vage angedeutet (beispielsweise versucht er im Tabak- und Souvenirshop des Hauptbahnhofs offenbar stets, seine Zigaretten von der jungen Trix abgezogen zu bekommen – eine Frau, die auf ihn, unperfekt wie sie ist, betörend und gar erregend wirkt). Schillernde Persönlichkeiten sind in „Kasse 53“ für wenige Sekunden die, die ihr Geld gegen Tonträger eintauschen – zwischen den Kassiervorgängen finden sich dann zu verschiedensten Themen (Mathematik, Wissenschaft, Berufsbezogenes und vieles mehr) gedankliche Ausführungen, die zuweilen philosophische Ausmaße annehmen.

Nils Mohl demonstriert anhand dieses teils aus der ersten, teils aus der dritten, teils aus der zweiten, aber stets von derselben Person erzählenden Buches, mit herrndorfscher Wucht vergleichbar, wie einsam ein Mensch unter vielen Menschen sein kann. Wie er ein Teil einer anonymen Masse ist, wie er trotz seiner Individualität nichts weiter ist als ein unbedeutendes, ersetzbares Staubkorn. Ganz gleich, wie groß die Welt im Kopf dieses Individuums ist. Ganz egal, wie gut man ist. Man ist, man isst, man existiert und funktioniert. Man denkt. Das Außenherum zieht vorüber, das Außenherum hat Dich, sobald Du aus dessen Augen bist, vergessen. Du hast das Außenherum von vorhin ebenfalls wieder verdrängt. Das Vertraute hältst Du fest, der Rest verfliegt.

„Kasse 53“ ist ein Roman, der aus dem Miniuniversum eines Einzelnen ein Panoptikum der Eindrücke und Gedanken für den Leser werden lässt. Auch wenn der namenlose Kassierer gänzlich profillos und von Mohl bewusst anonym gehalten wird, lernen wir ihn für eine fiktive Woche kennen, sehen die Welt durch seine Augen und nehmen seine Welt Wahr, angefangen bei der An- und Heimfahrt mit dem Fahrrad, beim Zigaretten- und Getränkekauf, beim Entlangwandeln des Treppenhauses und der Flure des Kaufhauses bis an die Kasse. Beobachten mit ihm, was vor seinen Augen passiert. Bestaunen seine Akribie und Professionalität. Grinsen über seine Wortgewandtheit und seine zuweilen zynischen Kommentare. Gehen mit ihm durch die Korridore seiner Gehirnwindungen. Und werden am Ende des Buches ausgespuckt und genau so allein zurückgelassen wie er selbst.

Es war vom Verlag eine gute Entscheidung, „Kasse 53“ neu aufzulegen, denn es ist a) den weiteren dort erschienenen Mohl-Romanen absolut ebenbürtig, b) ein sehr intensives, direktes Leseerlebnis und c) gänzlich zeitlos.

Cover © rororo

Wertung: 13/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Nils Mohl – Kasse 53 (Buch)

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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