Todesmelodie (Spielfilm, DVD/Blu-Ray)

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Todesmelodie-Cover„Todesmelodie“ („Giù la testa“) hat in der Filmographie Sergio Leones einen schweren Stand. Nicht nur weil es der Sandwich-Film zwischen dem Magnum Opus „C’era una volta il West“ („Spiel mir das Lied vom Tod“) und dem erst dreizehn Jahre später vollendeten Schwanengesang „Once upon a Time in America“ („Es war einmal in Amerika“) ist, sondern auch weil es keinen anderen Film Leones gab (leiden mussten sie alle), der dermaßen Opfer seines Titelwirrwarrs und diverser Schnittversionen wurde.

 

A-Fistful-of-DynamiteStartete der Film in den USA als „Duck You Sucker“, was eine ungefähre Übersetzung des Originaltitels darstellt, wurde alsbald (nachdem der Film ein veritabler Flop war) das englische „A Fistful Of Dynamite“ vorgezogen, das „Todesmelodie“ unverhohlen als Teil der ‚Dollar‘-Saga einreihte. Besser machte man es in Frankreich – dort lief das Werk recht erfolgreich -, indem  man den Titel „C’era una volta la rivoluzione“ verwendete. „Giù la testa“ wurde so,  wie von Leone angedacht und zumindest im Drehbuch betitelt, als mittleres Glied der „Once upon a time …“-Trilogie definiert.    

„Todesmelodie“ ist so gut oder schlecht wie jeder andere Titel auch und bezieht sich natürlich einzig auf den immens erfolgreichen „Spiel mir das Lied vom Tod“.
Schlimmer machte dem monumentalen Film zu schaffen, dass er teilweise bis um eine halbe Stunde gekürzt in die Kinos kam. Dabei fielen hauptsächlich Dialogszenen, Kamerafahrten und handlungstragende Rückblenden der Schere zum Opfer. Den Amerikanischen Zuschauern  konnte man natürlich das Mao-Tse-Tung Vorwort nicht zumuten, das die Intention „Giù la testas“ knapp und prägnant zusammenfasst:  „Die Revolution ist kein Festessen, kein literarisches Fest, keine Stickerei. Sie kann nicht mit Eleganz oder Artigkeit durchgeführt werden. Die Revolution ist ein Akt der Gewalt.“

todesmelodie-steiger1500Eigentlich wollte Sergio Leone  „Giù la testa“ gar nicht selbst drehen, sondern den Regiestuhl an Peter Bogdanovich abtreten, der sich aber disqualifizierte,  als er Leone verkündete, keine Nahaufnahmen zu mögen.  Dann sollte Leones Assistent Giancarlo Santi Regie führen, doch hier legten Produzenten und die Hauptdarsteller ein Veto ein. Im Bonusteil der Blu-Ray wird die Anekdote kolportiert, in der sich Leone für Santi einsetzte und zusagte, die Dreharbeiten zu überwachen und Giancarlo Santi ganz in seinem Sinne instruieren und inszenieren zu lassen. Worauf Rod Steiger, der Darsteller von Juan Miranda, erklärte, dann würde er seinen Cousin als Stellvertreter zum Set schicken, ihm vorher aber genaue Anweisungen geben.

Leone übernahm die Regie selbst. Und das ist auch gut so. Denn „Todesmelodie“ ist ein großartiger Film, der u.a. aus den oben genannten Gründen sträflich unterschätzt wird. Dabei besaß der Film schon vor Jahrzehnten wuchtige, atemberaubende Bilder, wunderbar choreographierte Szenen sowie eine exzellente – und für einen Italo-Western ungewöhnliche –  Besetzung mit Rod Steiger und James Coburn in den Hauptrollen.  

Obwohl Deutschland damals (ausnahmsweise) relativ glimpflich davonkam, was die Schnittfassung angeht, ist es eine Wonne jetzt eine restaurierte und erweiterte Blu-Ray-Fassung zu Gesicht zu bekommen. Abgesehen von der Grobkörnung, vor allem zu Beginn, in einem ansehnlichen, bildscharfen Mastering.

DuckYouSuckerZugegeben, „Giù la testa“ macht es seinen Zuschauern nicht leicht. Der Film startet als derbe, sozialkritische Burleske. In der ersten Einstellung pinkelt der barfüßige Juan Miranda auf einen Ameisenhaufen. Danach ergattert er als vorgeblich tumber Tor einen Klappsitz in einer Kutsche, deren Insassen einen Querschnitt durch die Welt der Reichen und Hässlichen darstellen.
Leone geht gleich in die Vollen, die Szenen im Salonwagen sehen aus, als hätte Federico Fellini mit der Lupe Bauerntheater seziert. Menschenverachtende Parolen, bevorzugt gegen die Armen und Unterdrückten, sexuelle Frustration, Rassismus, Bigotterie und snobistische Ressentiments werden im Sekundentakt rausgehauen, während Großaufnahmen von schmatzenden, schlürfenden und kauenden Mündern zu sehen sind.

Todesmelodie-hinDie reizende Exposition findet ein gewalttätiges Ende, als die Kutsche von einer Bande mexikanischer Wegelagerer überfallen wird. Die generationsübergreifende Gang entpuppt sich als Familie Juan Mirandas, der den überlebenden Passagieren seine ganz eigene Lehrstunde in Sozialgeschichte erteilt. Die ganz unprosaisch, nackt und dreckig im Schweinekoben endet.   Sergio Leone ist kein Mann für kleine Gesten. Auch wenn er diese draufhat. Wie sich später in vielen stillen Momenten und Interaktionen zwischen Miranda und John H. Mallory (James Coburn) zeigen wird.

Die erste Begegnung zwischen den beiden Hauptfiguren folgt noch den Gesetzen der Komik, wie geschrieben von den Herren Laurel & Hardy und später wundervoll adaptiert vom Gespann Hill & Spencer. Auch „Giù la testa“ besitzt diesen Sinn für den Witz der Destruktion, bei dem erst der eine Kontrahent etwas zerstört, während der andere ruhig daneben steht, bevor es umgekehrt weiter geht. Bis alles in die Luft fliegt oder anderweitig zerstört wird.

todesmelodie-coburnDoch dauert es nicht lange, bis der Spaß schwindet und nur noch Verzweiflung und massenhaftes Sterben übrig sind. Bezeichnenderweise ist die herausragende Plansequenz des Films kein vertikaler Kameraschwenk auf die arbeitsamen Geburtswehen einer Stadt, sondern eine horizontale Fahrt entlang von Massenerschießungen.  An deren Ende, wie bei „Spiel mir das Lied vom Tod“ ebenfalls ein Zug wartet. Nicht nur hier sind die Verweise auf das grausame Töten in deutschen Konzentrationslagern sowie auf die Verbrechen  des italienischen Faschismus offensichtlich (ein weiterer Hinweis auf diese Geschichtsinterpretation, ist eine historische Ungenauigkeit, die faktenorientierte Geschichtsfreunde gerne bekritteln: Während des 1913 spielenden Films schießt John Mallory mit einem MG-42, das erst Mitte des Zweiten Weltkriegs in tödlichen Betrieb genommen wurde).

Je weiter der Film voranschreitet, umso rüder springt Leone mit seinen Hauptfiguren und der wechselhaften Revolution um. Der Witz ist bestenfalls noch von der finsteren, makabren Sorte. Juan Miranda wird mehrfach und zufällig zum Helden einer Revolution, an die er nicht glaubt – für ihn sind die Armen bei jedem Ausgang die Angeschissenen. Wofür „Todesmelodie“ ein sehr plakatives Bild findet. Alles Bedeutungsvolle (Familie, Freundschaft) ist einem bitteren Ende geweiht. So bleibt am schmerzhaften Ende kein entscheidendes Duell, sondern Juans bange Frage: „Und was wird aus mir?“

todesmelodie-10John H. Mallory ist von Beginn an desillusioniert, hat er in Irland, während des bewaffneten Kampfes gegen die britische Besatzungsmacht (auch hier leistet sich „Giù la testa“ eine historische Freiheit; die Gründung der IRA wird kurzerhand rund sechs Jahre vorverlegt), genügend Tod und Verrat für ein ganzes Leben miterlebt. In Rückblenden erzählt der Film sehr lyrisch die Geschichte einer ménage à trois á la „Jules et Jim“, deren gezeigte Fröhlichkeit im Gegensatz zu ihrem dramatischen Ende steht. Und eine Frage offenlässt: Inwieweit John Mallory selbst in den Verrat verstrickt ist. Ein (dürftiger) Hinweis ist die kurze Irritation zu Beginn, als James Coburn sich Rod Steiger mit dem Namen ‚Sean‘ vorstellt, dem Ennio Morricone auch ein Leitmotiv gewidmet hat. Doch laut Stabangaben (und nur dort, denn die Rückblenden sind stumm) ist Sean Malone der Name des Freundes, der den britischen Soldaten in die Hände fällt und  dort nach erlittener Folter zum Verräter wird. Fragt sich wie ihn das Militär gefangen nehmen konnte… Es fällt ein dunkler Schatten auf Coburns Figur. Die durch das mexikanische Deja vu den finalen Akt geradezu provoziert.

Todesmelodie-plansequenzMag „Todesmelodie“ nicht den großen epischen Atem des Vorgängers besitzen, seine markante, höhepunktgeladene, episodische Handlung macht dies durch Facettenreichtum locker wett. Der vorletzte Film Sergio Leones (seine maßgebliche Beteiligung an „Il mio nome è Nessuno“ („Mein Name ist Nobody“) lassen wir außen vor) ist ein vielschichtiges, visuell beeindruckendes, gewaltreiches und durchaus kontrovers zu diskutierendes Glanzstück,  das lange nachwirkt.

Auch dank der hervorragenden schauspielerischen Leistungen, insbesondere Rod Steigers, den man unbedingt im Originalton genießen sollte. Die deutsche Synchronisation ist zwar solide und versagt sich glücklicherweise, Juan einen albernen Speedy-Gonzales-Dialekt anzuhängen. James Coburn macht seine Sache – wie meist – ebenfalls sehr gut, hier wäre es aber äußerst spannend gewesen, den kurzzeitig für die John H. Mallory-Rolle vorgesehenen Malcolm McDowell in diesem Part zu sehen.

Todesmelodie-revolutionsdorfDie Bonus-Sektion der Blu-Ray ist wieder ein Gedicht, angefangen bei Christopher Fraylings Audiokommentar, über die Berichte zur Restaurierung, den unterschiedlichen Versionen, Co-Drehbuchautor Sergio Donatis Erinnerungen an die Dreharbeiten bis hin zu dem Drehortvergleich zwischen 1971 und 2004, der in vielen Bildern zeigt, dass Sergio Leone einen Blick für unvergängliche Locations besaß.

Wie kaum anders zu erwarten, ist Ennio Morricones Soundtrack ebenfalls die Wucht in Tüten. Seine Popularität bleibt zu Unrecht hinter den Vorgängern zurück. Alleine Morricones spezielle und ausgefeilte Art das Filmgeschehen musikalisch zu kommentieren – von der Einbindung klassischer Sequenzen wie Mozarts „Kleine Nachtmusik“ bis zum ironischen Spiel mit Revolutionsmärschen –  ist Augen- und Ohrenmerk für einen eigenen Filmdurchlauf wert.

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Cover & Szenenfotos © 20th Century Fox Home Entertainment

  • Titel: Todesmelodie
  • Originaltitel: Giù la testa
  • Produktionsland und -jahr: Italien, 1971
  • Genre:
    Italo-Western
  • Erschienen: 31.10.2014
  • Label: 20th Century Fox Home Entertainment
  • Spielzeit:
    157 Minuten auf Blu-Ray
  • Darsteller:
    Rod Steiger

    James Coburn
    Romolo Valli
    David Warbeck
  • Regie: Sergio Leone
  • Drehbuch: Sergio Donati
    Luciano Vincenzoni
    Sergio Leone
  • Kamera: Giuseppe Ruzzolini
  • Schnitt: Nino Baragli
  • Special Effects: Antonio Margheriti (hierzulande besser bekannt als Regisseur Anthony M. Dawson)
  • Musik: Ennio Morricone
  • Extras:
    Audiokommentar Christopher Frayling
    Der Mythos der Revolution
    Sergio Donati erinnert sich an Todesmelodie
    Es war einmal in Italien
    Die verschiedenen Versionen
    Restaurierung auf italienische Art
     Drehort-Vergleich
     Radiospots
     Original Kinotrailerr
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    16:9, 2.35:1
    Sprachen/Ton:
    Deutsch DTS 5.1
    Englisch DTS-HD MA 5.1
    Französisch DTS 5.1
    Spanisch DTS 5.1
    Spanisch DD 1.0
    Japanisch DTS-HD MA 1.0
    Untertitel:
    Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte,
    Dänisch, Finnisch, Französisch, Griechisch, Japanisch,
    Niederländisch, Norwegisch, Portugiesisch, Schwedisch, Spanisch
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Produktlink

Wertung: 13/15 dpt

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Über den Autor

Jochen König

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Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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