Hunter S. Thompson – Die Odyssee eines Outlaw-Journalisten – Gonzo-Briefe 1958-1976 (Buch)

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Hunter S. Thompson - Die Odyssee eines Outlaw-Journalisten Cover © Edition TiamatWer war dieser Hunter S. Thompson (HST), der am 20. Februar vor zehn Jahren freiwillig aus dem Leben geschieden ist? Wer mehr über den Schöpfer des u.a. Drogennachtmahrs „Angst und Schrecken in Las Vegas“ erfahren will, ist neben den sehr lesenswerten Interviews mit HST mit dieser Briefsammlung ganz ausgezeichnet bedient. Zunächst einmal ist das Buch handwerklich besonders schön gemacht: Einband und Papier vermitteln haptische und Druck sowie Typographie optische Freuden. Wer wie der Rezensent vielleicht zufällig außerdem noch einen klitzekleinen Orange-Tick haben sollte, wird den Band mit seinem orangebraunen Schutzumschlag und strahlend orangefarbenen Vorsatzseiten kaum noch aus der Hand legen wollen. Beste Voraussetzungen also dafür, diese 607 Seiten zeitnah zu bezwingen…

Was bei etwaigen Lesemarathons zusätzlich hilft, ist die gelungene editorische Aufbereitung. So schreibt beispielsweise mit William J. Kennedy ein jahrzehntelanger Vertrauter ein kenntnisreiches Vorwort – die Beziehung der beiden hatte damit begonnen, dass Kennedy HSTs Jobanfragen abschlägig beschied, der daraufhin recht unflätig reagiert hatte… Da Kennedy hiermit souverän umgehen konnte, gewann er doch noch HTSs Achtung und HST etliche Beauftragungen Kennedys sowie einen lebenslangen Vertrauten und Berater.

Ein relativ hoher Prozentsatz der früheren Briefe ist ganz oder teilweise Bettelbrief oder thematisiert jedenfalls wortgewaltig das Thema klammer Haushaltsverhältnisse (auch schon mal mit »Gierig – HST« unterschrieben; S. 177), allerdings genießt der junge HST in der Erwerbslosigkeit ganz offensichtlich auch, Zeit für die Henry Miller-Lektüre zu haben (S. 45-46). Ins Fach „Lebenshilfe“ gehört der köstliche Musterbrief zur Abschreckung von Gläubigern, den HST tatsächlich – mit wechselndem Erfolg – verwendet hat (S. 56 ff.). Auch die Karriere des Sport- und späteren Gonzo-Journalisten zeigte deutliches Auf und Ab: vom Büroboten bei TIME geht es beispielsweise als Reporter zum Middletown Daily Record, wo er allerdings bereits zwei Monate später wieder gefeuert wird, da er im Tran einen Süßigkeitenautomat zusammentritt. Hinzu kommen wenig erfolgreiche frühe Versuche mit der Romanschriftstellerei. Weil er im Vollrausch Waffen abgefeuert hat, wird ihm ’61 mit dem Rauswurf aus seiner derzeitigen Wohnung gedroht – in den Vorjahren war dafür lediglich erforderlich gewesen, keine Miete zu zahlen.

Abseits der Plagen des Alltags finden sich aber auch Beobachtungen und Schlaglichter wie beispielsweise diese: »In meinen Augen ist Europa ein überfülltes Museum, ein hübscher alter Schaukasten, der eine Welt von früher zeigt. Den Deutschen, mit ihren gottverdammt billigen kriegerischen Herzen, wünsche ich nur das Beste. Wenn es zum Krieg und zu Bomben und dieser Art von Business kommt, hoffe ich, dass ein paar Deutsche in meiner Nähe sind. « (1961, S. 144); oder »Latinos sind allesamt Huren, jeder auf seine eigene Art – selbst die Präsidenten« (S. 149).

Als Briefschreiber ist HST in zumindest einer Hinsicht wie Kurt Tucholsky (»Eine Antwort will man haben«), nämlich ein viel gebender, aber auch ungeduldiger, fordernder Partner: »Lass den Faden nicht abreissen «. Auch das schöne Genre des Liebesbriefes darf hier natürlich nicht fehlen, wenn auch in HST-Prägung: »Wenn es um einen königlichen Fick geht, bin ich mir sicher, dass Du weltweit die beste bist. Vielleicht sollte ich lieber von „Wir“ sprechen, denn ich glaube kaum, dass einer von uns ohne den anderen einen Pfifferling wert wäre« (an Sandy Conklin, S. 166).
Der so viel Zeit mit Briefeschreiben verbrachte, durfte 1962 endlich erleben, dass seine Reisebriefe aus Südamerika ihn zum ersten wirtschaftlichen Erfolg verhelfen (S. 154). Sein Durchbruch zeichnet sich ’65 ab, als ein Redakteur von The National ihm das Thema Hell’s Angels für einen Beitrag vorschlägt, aus der Reportage wird HSTs erster Bucherfolg (S. 209).

Wir finden Putziges wie den Schriftverkehr mit dem Weißen Haus in der Angelegenheit von HSTs (nicht berücksichtigter) Bewerbung um den Posten als US-Gouverneur von Amerikanisch-Samoa (S. 192 ff.) und Kuriosa wie sein Schreiben an Joan Baez (S. 226) – auch Jefferson Airplane kommen erfreulicherweise vor (S. 296 u. 449).

Wie bei vielen briefeschreibenden Schriftstellern ist Agenten- und Kollegen-Bashing an der Tagesordnung. Tom Wolfe hat HST geschätzt und respektiert, aber von beispielsweise Alan Ginsberg wünschte er sich zwar ein (möglichst kostenloses) Mottogedicht für eine seiner Veröffentlichungen, geißelt aber später dessen „geistloses Gefasel“ (S. 254). HST als Verkehrsteilnehmer preist die Freuden von nächtlichen Motorradfahrten auf der Küstenstraße unter LSD-Einfluss (S. 283 ff.).

Und dann sind da noch diese halb ernsten, halb irren Briefstücke… Eine Hausfrau aus dem Mittelwesten, die den Autor mit fast täglichen Briefen verfolgt, bringt er wie folgt zum Verstummen: »Sehr geehrte Mrs Hoffman, Terry und Tiny sind in Denver wegen Vergewaltigung festgenommen worden. Ich selbst wurde inzwischen aus dem Gefängnis entlassen und habe mich nach Mexiko aufgemacht, wo ich eine Silbermine besitze. Bitte schicken Sie kein Geld, es würde nicht ankommen, und ich habe außerdem keinen Bedarf. Ich verstehe Ihr Anliegen, doch in Ihren Briefen verlangen Sie mehr, als ich bewerkstelligen kann. Wir leben in merkwürdigen und aufregenden Zeiten. […]«

Der visionäre Publizist sieht lange vor dem World Wide Web YouTube und das Self-Publishing voraus (S. 370: »Das Editieren von Videokassetten […] keine Buchverlage mehr, keine Magazine…«

Nur erstaunlich wenige Fehlerchen haben sich in den dicken Band eingeschlichen, beispielsweise »Das Medium ist die MAssage« (S. 370) oder »StraigT Arrow Publishing«

Fazit: Durch seine Briefe kann man den gefeierten Gonzo-Pionier anders und wohl auch besser kennenlernen, als „nur“ durch eine Biografie. Und zwar nicht zuletzt in seinen Selbstporträts: ».. aber ich bin einer der besten Autoren, die sich derzeit der englischen Sprache sowohl als Musikinstrument als auch als politische Waffe bedienen« (S. 550). Es gelang mir, »an all den Dingen teilzunehmen, die mich persönlich interessierten: Haifischjagd, Straßenkampf, Drogenschmuggel, Hell’s Angels, Super Bowl, Lokalpolitik – von Berkeley bis Chicago, von Las Vegas bis zum Weißen Haus…« (S. 581).

Cover © Edition Tiamat

Wertung: 13/15 dpt

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Klaus‘ Nerd-Schreibtisch

Wer bist Du und was machst Du hier überhaupt?
Bin der, der hier hockt und sich grad schwer tut, zu erklären, was er hier überhaupt macht. ;-)

Wie wurdest du zum booknerd?
Das anzugeben, fällt erheblich leichter: Symptome der Booknerdismus-Deformation hatten sich früh gezeigt (in zartestem Alter den – erheblichen! – Buchbestand der Eltern einmal quergelesen).

∇ mehr über Klaus Reckert/Kontakt
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von Klaus Reckert Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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