Solomonica de Winter – Die Geschichte von Blue (Buch)

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Solomonica de Winter - Die Geschichte von Blue (Cover © Diogenes)Eigentlich war sie ein aufgewecktes Mädchen, kontaktfreudig und selbstbewusst. Doch sie, die sich Blue und mit Zweitnamen Vanity nennt, muss sich der unfassbaren Tatsache stellen, dass ihr Vater Ollie ermordet wurde. An diesem Tag wurde ihre heile Welt in ihren Grundfesten erschüttert, sie selbst wurde zum gebrochenen jungen Menschen. Um sie herum scheint es nur noch Böses und Schlechtes zu geben – ihre einzige Zuflucht aus diesem Leben, aus ihren eigenen Gefühlen, die von Hass, Angst, Wut und Rachegefühl schwarz gefärbt werden,  ist das Buch „Der Zauberer von Oz“ aus Lyman Frank Baums Feder. Ein Buch, das ihr Vater gern gelesen hatte und welches sie nach Ollies Tod an sich nahm. In kürzester Zeit entwickelt sie eine Besessenheit von diesem Buch, die dahin führt, dass sie ohne das Druckwerk nirgendwohin geht.

Sie und das Buch sind eins. Sie markiert darin Stellen, macht sich Notizen, liest es immer und immer wieder. Es ist nicht nur eine Tür in ihre Traumwelt, sondern auch ein Schutzschild. Auch hat Blue an jenem Tag, an dem ihr Vater starb, spontan mit dem Sprechen aufgehört. Ihre Kommunikation mit ihren Mitmenschen findet ausschließlich durch Gesten wie das Zeigen, Nicken und Kopfschütteln statt – oder eben schreibenderweise.

Das Buch beginnt damit, dass sie sich als dreizehnjähriges Mädchen – in schriftlicher Form – einem Dr. Jeremy Stewart vorstellt. Ihm mitteilt, dass sie nun weit ausholen werde, um zu erklären, wie es zu dem Doppelmord kam, den sie begangen hat. Wie sie eine Obsession entwickelte, den Mörder ihres Vaters zu finden. Wie sie sich in einen jungen Mann in einem kleinen Laden, in welchem Zeitschriften, Tabakwaren sowie Süßwaren und Alkoholika verkauft werden, verliebte, zumal er von „Der Zauberer von Oz“ ebenfalls besessen war, wenngleich es sich bei ihm eher um den Film handelte, der ständig im Geschäft lief. Wie sie ihre drogensüchtige Mutter immer mehr hasste.

Mit zunehmender Lesedauer wird man von der Protagonistin, wie sie ihre Gedanken niederschreibt, regelrecht vereinnahmt. Immer tiefer wird dem Leser ein Blick in Blues Gedankenwelt gewährt. Es fällt einem durch all die Ausführungen, durch all die emotionalen, teils verständlichen, teils irrational erscheinenden Gedankengänge immer leichter, sich in sie hineinzuversetzen. Beinahe glaubt man, sie endlich kennengelernt zu haben, fiebert sogar mit, wie sie ihren Rachegelüsten immer mehr nachgibt. Wie alles darauf hinaus läuft, dass sie endlich tut, was sie vor hat. Bis einem dann – im literarischen Sinn – eine schallende Ohrfeige verpasst wird. Nein, eher ist der Schluss ein Faustieb, der einen zu Boden bringt. Unerwartet, aus dem Nichts. Einer, den man nicht kommen sieht.

Solomonica de Winter, Tochter des ebenfalls schreibenden Ehepaars Leon de Winter und Jessica Durlacher, debütiert mit einem Werk, das mit einer Vielschichtigkeit und Komplexität aufwartet, die sich nur durch überdurchschnittliche geistige Reife, ausgeprägte Beobachtungsgabe und eimerweise Empathie erklären lässt – ein Gesamtpaket, wie es nur wenige junge Menschen in de Winters Alter vorweisen dürften. Doch über das Alter der Autorin (geboren 1997) und wie erstaunlich es ist, mit zum Zeitpunkt der Veröffentlichung gerade mal siebzehn Jahren bereits so viel Lebensweisheit in sich zu tragen, hat man sich in der Literaturpresse- und Literaturbloggerwelt ja bereits mehr als ausreichend geäußert. Und klar, das ist auch eine unglaubliche Leistung. Eine Leistung, für die der Diogenes Verlag offenbar ein gutes Gespür hat – Stichwort Stefan Bachmann (der „Die Seltsamen“ mit 16 fertigstellte) oder Benedict Wells (der seinen eigentlichen ersten Roman „Spinner“ mit 19 Jahren finalisierte). Doch ist es wirklich vonnöten, bei der Qualität des Buches das Alter als Aufhänger zu benutzen? Nein, denn die Niederländerin, die mehrere Jahre in Los Angeles gelebt hat und ihre Werke auf Englisch schreibt, hat diesen Kükenbonus nicht nötig.

Heftig ist, mit welcher Wortgewalt und Ausdruckskraft die Autorin dieses Werk verfasst hat. Dieses Werk, an dem kein Nanogramm verbales Fett hängt. In welchem repetitive Elemente bewusst eingesetzt wurden und dadurch mit einer beklemmenden Eindringlichkeit auf den Leser wirken. „Die Geschichte von Blue“ liest sich oftmals wie die Arbeit eines jahrzehntelang erfahrenen Schriftstellers – imaginär-visuell derart wirkungsvoll, dass sich optisch auf der Leinwand des inneren Auges unweigerlich derart deutlich Bilder zeigen, die genau so, wie man sie sich vorstellt, sind – und nicht anders. Ähnlich, wie Blue sich ihren kostbaren Schatz, ihr Exemplar von „Der Zauberer von Oz“, in ihrem Kopf vorstellt. So und nicht anders.

Im Kopf.

Im Kopf, diesem Etwas. Diesem Superrechner. Diesem biologischen Computer, der seinen eigenen Willen, seine eigenen Gedanken, seine eigenen Abfolgen von Entschlüssen und Handlungen hat. Der nach keinem Programm läuft. Der mit einem Code funktioniert, den zu erklären man nicht in der Lage sein mag. Der sich womöglich selbst einen Streich spielt.

„Die Geschichte von Blue“ ist nicht nur eine Geschichte – es ist ein wirr erscheinendes, aber perfekt konstruiertes Geflecht aus Traum, Psychologie, Sehnsüchten, Abgründen, und Kollisionen der Gefühle, Hasswutliebeverzweiflunghoffnung. Dieses unscheinbar wirkende, weiße, nicht allzu dicke Buch, das man mühelos in eine Jackentasche stecken kann – es ist ein kleiner Wolf im Schafspelz. Denn hat man es erst in der Hand, reißt es sein Maul weit auf und verschlingt den Leser, bevor er es verschlingen kann.

Cover © Diogenes Verlag

Wertung: 14/15 dpt

 

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Über den Autor

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Chris‘ Nerd-Schreibtisch

Gebürtiger Mannheimer. Jahrgang 1974. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Besessen von Büchern, Serien, Hörbüchern, Computerkram, Kaffee und Königsberger Klopsen. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.

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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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