Broadchurch – Staffel 1 (TV-Serie, 3DVD/2BD)

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Broadcjruch-bluray-coverDer Name einer kleinen Stadt, eine Leiche am Ufer, ein Ermittler von außerhalb, der in die geschlossene Welt einer Dorfgemeinschaft eindringt, deren Geheimnisse und Lügen immer mehr an die Oberfläche dringen und für nachhaltige Erschütterung sorgen: Willkommen in „Twin Peaks“?  

Wäre möglich, aber das Mordopfer ist ein elfjähriger Junge, der Strand liegt am Meer, der Ermittler wurde polizeiintern versetzt und der Ort hat rund 36000 Einwohner weniger als die amerikanische Stadt am Wasserfall, liegt in England und heißt „Broadchurch“.  

btroadchurch-Series_1Schöpfer des fiktiven Ortes ist Drehbuchautor Chris Chibnall, der zuvor Meriten unter anderem für „Doctor Who“ sammeln durfte, und der die zu David Lynchs Serie ähnliche Ausgangsidee auf ganz andere Art verarbeitet und sie zu einem ebenso faszinierenden, spannenden und, dank fähiger Regisseure (James Strong und Euros Lynn), Kameraleute und sonstiger technischer Mitarbeiter, auch visuell überzeugenden Stück Fernsehgeschichte entwickelt.

Bis auf die vage gehaltenen Eingebungen Steve Connellys kommt „Broadchurch“ nahezu ohne Mystizismus aus, spart allerdings (wirklichkeitsnah) nicht mit religiösen Bezügen, und auch der Humor  der achtteiligen Serie unterscheidet sich gewaltig von der surrealistischen,  absurden Komik, die in „Twin Peaks“ vorherrscht. „Broadchurch“ lässt lediglich lakonische, bittere und wütende Alltagsspäße zu, der große Rest bleibt ernst, nachdenklich und todtraurig, dem gewählten Thema angemessen.

broadchurch-latimersNach dem düsteren Prolog beginnt „Broadchurch“ mit einer grandiosen, schnittlosen Plansequenz, die den Handwerker Mark Latimer auf dem Weg zur Arbeit zeigt. Die Sonne scheint,  fröhlich begrüßt und scherzt Mark mit den Menschen, die ihm begegnen. Die allesamt im weiteren Verlauf des Achtteilers wieder auftauchen werden, mal mehr, mal weniger im Fokus der Geschichte. Noch sieht das aus wie der Beginn einer freundlichen Familienserie, doch die Stimmung kippt schnell. Erst sachte, als Detective Sergeant Ellie Miller eingeführt wird, die nach einem Florida-Urlaub zurück auf ihre Dienststelle kehrt. Ebenso fröhlich wie Mark Latimer verteilt sie kleine Geschenke an ihre Kollegen, in der Hoffnung auf eine Beförderung. Doch daraus wird nichts, denn man hat ihr Detective Inspector Alec Hardy vor die Nase gesetzt, einen stoppelbärtigen Misanthropen, den die bodenständige, herzliche Ellie von Beginn an nicht ausstehen kann.   

Broadchurch-Mutter-LatimerEndgültig beginnt der langsame Sinkflug ins Dunkel, bei gleichbleibender kräftiger Farbgebung, mit dem Fund einer Jungenleiche am Strand. Gegengeschnitten, auch als Parallele zur Einführung ihres Mannes Mark, der Tagesbeginn von Beth Latimer, die sich auf die Suche nach ihrem Sohn Danny macht. Ein Stau auf dem Weg zum Strand lässt sie Schlimmes erahnen. Sie wird Recht behalten.

Die Ermordung Danny Latimers in einer Kleinstadt, in der normalerweise Treibstoff-Diebstahl das schwerste der begangenen Verbrechen ist,  wird zur Zerreißprobe für die Dorfgemeinschaft, explizit als das Medieninteresse geweckt ist und die Polizei aufgrund der vielen, beziehungsweise kaum vorhandenen, Spuren nur wenige Ermittlungsfortschritte macht. DI Hardy hatte zwar den Latimers versprochen, den Täter auf jeden Fall zu fassen. Doch der hagere Polizist, der ständig so aussieht als würde er dem Tod gerade selbst von der Schippe springen, ist ein unsicherer Hoffnungsträger. Zwar hat er als einziger Beamter vor Ort Erfahrung mit Mordfällen, doch arbeitet er in den Schatten einer schweren Erkrankung und einer vermasselten Ermittlung unter ähnlichen Umständen. Der „Sandbrook“-Fall wird zum Synonym für einen drohenden Kollaps und schwebt ständig über Hardy und seinem Team. Selbst als aufgrund der sensationsgierigen Presse ein weiterer Mensch stirbt, wird Hardy dafür zum Sündenbock auserkoren. Doch den lässt die Titulierung „schlechtester Polizist Englands“ kalt („I’ll get you a T-Shirt with it on!“ scherzt DS Miller). Schließlich kam er nach Broadchurch, dessen scheinbare Idylle und reale Weite er hasst wie die Pest, um Buße zu tun.  Er bekommt eine Menge Gelegenheiten dazu.

broadchurch-recons-walkDie polizeilichen Nachforschungen stehen aber gar nicht im Mittelpunkt der Serie, sondern die Auswirkungen des Kindsmordes auf eine anscheinend stabile und harmonisch funktionierende Gemeinschaft. Menschen verändern sich oder zeigen sich mit neuen, unbekannten Facetten, es wimmelt von Heimlichkeiten und (Ent-)Täuschungen, vieles, was früher eindeutig schien, ist es auf einmal nicht mehr. Plattitüden und fadenscheiniges Melodram liegen nahe, doch „Broadchurch“ tappt in keine Fallen, wandelt stilsicher und scharfsichtig durch ein Spiegelkabinett menschlicher Emotionen, Verhaltensweisen, sich verändernder Absichten, Wünsche und zerbröselnder Hoffnungen. Hilfreich dabei ist der, trotz bedächtiger Erzählung, immens gekonnte und intensive Spannungsaufbau, gepaart mit einer Ambivalenz, die fast jeden Beteiligten glaubwürdig als möglichen Schuldigen und/oder Unschuldigen präsentiert. Was die Arbeit der Polizei ungemein erschwert sowie willkürlich und mitunter hilflos aussehen lässt.

broadchurch-Alec_and_ellieTrotzdem macht das ermittelnde Duo Hardy und Miller eine ausgezeichnete Figur. Gerade weil beide Polizisten keine omnipotenten Kräfte sind und zudem menschlich absolute Kontrapunkte darstellen. Hardy, der in jedem Beteiligten einen möglichen Täter (oder zumindest zu solch einer Tat fähige Person) sieht, zeichnet sich durch seine bedingungslose Hartnäckigkeit aus, Miller durch ihre Empathie, Ihren Mutterwitz und kommunikative Fähigkeiten, die ihren Gegenübern wohlmeinend eingestellt ist und nicht in jedem den mörderischen Feind vermutet. Beider Eigenschaften werden im Laufe der Ermittlungen auf eine harte Probe gestellt.

Broadchurch-david-tennantGetragen wird dieses ausgefeilte Arrangement durch hervorragende Darsteller. David Tennant lässt seinen ausgesprochen prägnanten Doctor Who augenblicklich hinter dem somnambulen, fast anorektischen und zutiefst starrsinnigen Alec Hardy vergessen (ganz große Kunst), Olivia Colman ist als lebensfrohes, emotional wesentlich offeneres broadchurch-elliePendant so natürlich wie facettenreich. Jodie Whittaker (Beth Latimer) hat Auftritte, unterstützt durch die höchst effiziente Inszenierung, zum Luftanhalten. Gilt ähnlich für ihren ‚Ehemann‘ Andrew Buchan, der ansatzlos zwischen burschikosem Nachbarn, reuigem Sünder und verzweifelt kämpfenden Familienvater changieren kann, für Arthur Darvill als jungem Pfarrer mit  Schwächen, Vicky McClure als Journalistin Karen White, die vielleicht doch ein Gewissen hat und dem wunderbaren David Bradley als Kiosk-Besitzer und Dannys großväterlichen Arbeitgeber Jack Marshall, den seine Vergangenheit auf fürchterliche Weise Broadchruch-roryheimsucht.  

Man muss den gesamten Cast außerordentlich lobend erwähnen, denn „Broadchurch“ ist bis zu Susan Wrights Hund passend besetzt. Die Darsteller sind allesamt in der Lage ihre vielschichtigen Rollen ansprechend zu vermitteln, glänzend gestützt von Buch und Regie.  Das Drehbuch ist hervorragend austariert, es erzeugt Spannung, setzt aber die inhaltliche Gewichtung nicht ausschließlich auf ein bloßes „Whodunnit“. Nahezu jedes Ereignis, jede Entwicklung findet eine Andeutung, einen Hinweis in einer früheren Folge und wenn am Ende der Täter gestellt wird (was sich in der vorletzten Folge recht deutlich ankündigt, bis dahin aber ziemlich offen ist), bleibt Zeit für seine/ihre Geschichte und wenig übrig für bloßen Hass, Rache oder Vergeltung. Stattdessen erneute Erschütterung.  

broadchurch-latimers-church„Broadchurch“ ist Fernsehunterhaltung, wie sie besser kaum sein kann. Unspektakulärer, dafür aber stimmiger als „True Detective“ (von ein paar kleinen Logiklöchern abgesehen), überzeugt „Broadchurch“ von der ersten bis zur letzten Sekunde.  Nicht als Spektakel oder Arrangement eines teuflischen Verbrechens, sondern als faszinierender, visuell ausgefeilter, ausgeklügelter Trip in jene komplexe Enklave, die sich menschliches Miteinander nennt.  

Was „Twin Peaks“ sein Angelo Badalementi, ist für „Broadchurch“ Ólafur Arnalds. Ein origineller Komponist, der auf ausgesprochen stimmige Art dafür sorgt, dass „Broadchurch“ auch als Soundtrack großes Kino bietet.

PS.: Dass ein „Dr. Who“-Veteranentreffen vom Zuschauen nicht ablenkt, spricht ebenfalls für „Broadchurch“ und die Beteiligen. Aber natürlich freuen wir uns Autor, den zehnten Doctor und Rory (Amy Ponds zweite große Liebe, ein Who später) so fesselnd verbunden zu sehen. Und auch Olivia Colman war schon in Kontakt mit der Tardis und ihrer Besatzung.broadchurch_n9ncug1SKY1qd82nyo1_1280

Cover & Szenenfotos © STUDIOCANAL/ITV Network Ltd & Kudos Film and Television Ltd  

  • Titel: Broadchurch
  • Staffel: 1
  • Episoden: 8
  • Produktionsland und -jahr: GB, D, 2013
  • Genre:
    Krimi, Drama, Mystery
  • Erschienen: 21.05.2015
  • Label: STUDIOCANAL
  • Spielzeit:
    ca. 374 Minuten auf 3 DVDs
    ca. 374 Minuten auf 2 Blu-rays
  • Darsteller:
    David Tennant
    Olivia Colman
    Jodie Whittacker
    Andrew Buchan
    Arthur Darvill
    David Bradley
    Pauline Quirke
    Jonathan Bailey
    Charlotte Beaumont
  • Vicky McClure
  • Idee & Drehbuch:
    Chris Chibnall
  • Extras:
    Audiokommentar von James Strong, David Tennant und Richard Stokes zu Episode 1
    Audiokommentar von James Strong, Olivia Colman und Chris Chibnall zu Episode 8
    Hinter den Kulissen, Geschnittene Szenen, Trailer, Wendecover
  • Technische Details (DVD)
    Bild: 1,78:1 (anamorph)
    Sprachen/Ton:
    Deutsch, Englisch (5.1 DD)
    Untertitel:
    Deutsch
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Bild: 1,78:1 1080/50i Full HD
    Sprachen/Ton:
    Deutsch, Englisch (5.1 DTS-HD MA)
    Untertitel:
    Deutsch
  • FSK: 12
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite DVD und Blu-Ray
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 14/15 dpt

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Über den Autor

Jochen König

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Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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