Orange Is The New Black – Staffel 1 (Serie, 5DVD/4 BD)

0
0
0

OITNB S1 Cover © StudiocanalFrauenknast im Fernsehen? Da klingelt doch was! In Deutschland brachte es „Hinter Gittern“ in zehn Jahren auf satte sechzehn Staffeln und erreichte dabei wöchentlich Quoten im Millionenbereich. Auch in anderen Ländern liefen TV-Serien, die das Leben in solchen Justizvollzugsanstalten aus der weiblichen Perspektive beleuchteten, die aber meistens statt auf einen realistischen Blick auf eine deutliche Überzeichnung der Situationen setzten. Vielleicht waren die Reaktionen bei der Ankündigung  von „Orange Is The New Black“ so gespannt, weil die Serie auf die Erfahrungen einer echten Person zurückgreift.

Piper Kerman war Mitte 30, als sie in einem Frauengefängnis in Litchfield ihre Haftsstrafe antrat. Ihre Geschichte, die sie Jahre später in ihrem Buch „Orange Is The New Black: My Year In A Women’s Prison“ erzählte, ist deswegen gleich aus mehreren Gründen interessant. Piper ist ein typisches Kind aus der New Yorker Oberschicht: hübsch, kreativ und gebildet. Sie ist mit Larry verlobt, ihre Beziehung wirkt hip, aber bei all den Unsicherheiten und Wohlstandserkundungen des eigenen Selbst irgendwie auch bodenständig. Doch das war nicht immer so.

OITNB Szene 1 © StudiocanalPiper hatte vor gut 10 Jahren eine Beziehung mit einer Frau namens Catherine, für die sie aus Liebe im großen Stil Drogen schmuggelte. Zu diesem Zeitpunkt war sie gerade mal 20, abenteuerlustig und auf der Suche nach sich selbst, und es hätte bei dieser Phase bleiben können. Doch dann kam man ihr und Catherine auf die Schliche, sie kommen um eine Haftstrafe nicht herum. Der perfekte Eintritt in eine sagenumwobene Welt, wie er besser nicht hätte geschrieben werden können.

Nun fehlt dem Rezensenten die Kenntnis über die Inhalte des Buches, doch generell ist es immer mit Vorsicht zu genießen, wenn nur eine Person ihre Erfahrungen in niedergeschriebener Form wiedergibt. Catherine zum Beispiel hat schon anklingen lassen, dass Piper einige wichtige Details verdreht und keinesfalls einen Tatsachenroman geschrieben habe. Es ist also durchaus angebracht einzuordnen, dass auch die Serie hier und da die Story strafft und zurechtzuppelt, damit die Spannungsbögen in dreizehn Fünfzig- bis Fünfundfünzig-Minuten-Stücken fernsehgerecht zusammenwirken können. Doch trotzdem stellt sich ziemlich schnell das Gefühl ein, dass sich das Konzept relativ nah an der Realität bewegt.

Aus Piper Kerman wird Piper Chapman (Taylor Schilling), aus Catherine wird Alex (Laura Prepon) und aus 2004 wird eine nicht näher spezifizierte Zeit, in der es Smartphones, Blogs und Twitter schon zu großer Popularität gebracht haben. Diese Technologien ermöglichen Pipers Verlobten Larry (Jason Biggs) als freier Journalist tätig zu sein, auch wenn es für ihn besser laufen könnte. Zusammen leben sie ein modernes Leben, das einem nur allzu bekannt vorkommt: Alles kann, nichts muss. Dass Piper ins Gefängnis muss, ist der Familie und den Freunden schon länger bekannt, doch trotzdem ist es ein tiefer Einschnitt, als sie ihre Strafe Realität wird.

OITNB Szene 2 © StudiocanalAuch die Zuschauer sind darauf vorbereitet und finden sich in einer Welt wieder, die trotz des ganzen Pop-Wissens über die dortigen Verhältnisse doch überrascht. In Litchfield herrscht kein Chaos und physische Gewalt ist nicht an der Tagesordnung, stattdessen begegnen der Neuen vor allem die weißen Insassinnen geradezu zuvorkommend. Das verleitet Piper dazu, einen offenen Umgang mit den anderen Frauen zu pflegen und von einem Fettnäpfchen in das nächste zu treten. Das Gefängnis folgt bekanntermaßen seinen eigenen Regeln, die es erst mal zu finden und zu lernen gilt. Hinter der herzlich wirkenden Aufnahme Pipers stecken einige Motive, die sich auch den Zuschauern erst nach mehreren Folgen offenbaren.

Piper wird schnell klar, dass sie eine Exotin ist, eine hübsche obendrein, was vor allem den Lesben gefällt. Davon gibt es viele, denn der Hunger nach Sex lässt auch die „Heten“ experimentieren, so wie Männer ihren Mythos um die fallengelassene Seife pflegen. Besonders pikant ist es also, dass Piper schon zuvor eine homosexuelle Episode durchlebt hat und dass obendrein auch noch ihre Ex Alex im gleichen Gefängnis sitzt. Anderen wird eine Affäre mit den männlichen Wachen nachgesagt und auch eine Transsexuelle sitzt in Litchfield ein. Anders als bei den für sich kämpfenden Männer, bilden sich weitere Gruppen nach Rassen (Schwarze, Weiße, Hispanics), nach Alter und nach Glauben und schaffen damit die perfekte Grundlage für ein die USA abbilden wollendes TV-Format. Wenn sich dann auch noch über die Gruppengrenzen Beziehungen entwickeln, die mindestens von Respekt geprägt sind, dann ist der Knast sogar temporär vorbildlicher organisiert als das Amerika drumherum.

OITNB Szene 3 © StudiocanalZwar steht Piper im Mittelpunkt des Geschehens, es werden jedoch noch viele weitere Geschichten erzählt und Storylines verfolgt. Als besonderer Kniff hat sich Serienmutter Jenji Kohan (u.a. „Weeds“) Flashbacks einfallen lassen, die einen Einblick in das Leben vor der dem Gefängnis geben sollen. Sie werden immer dann eingesetzt, wenn die Geschichte einer Insassin weitergestrickt werden soll und um ihre Handlungen im Gefängnis in einen Kontext einzubetten. So werden oftmals auf aufrüttelnde und rührende Art und Weise Einzelschicksale zu einem großen Ganzen vermengt, aber schon in der ersten Staffel ist es manchmal nicht mehr als ein Gimmick. Es gibt genug Szenen und Plottwists, die alleine eine ganze Folge füllen können, ohne dass es diese Rückblicke gebraucht hätte. Es wird spannend zu sehen sein, ob sich in den nächsten Staffeln nicht schnell der „Dr. House“-Effekt einstellt und die sinnvolle Verzahnung entweder gar nicht oder nur noch plastisch gelingt.

So ergeht es nämlich schon jetzt einigen Elementen der Serie, wodurch manch ein großer Moment zu konstruiert wirkt, als dass er in vollen Zügen zu genießen wäre. Manch eine Wendung wird zu durchsichtig aufgebaut, zu viele Ereignisse fallen ganz zufällig so zusammen, dass daraus eine nicht für möglich gehaltene Lösung entsteht. Eine andere Sache nervt ebenfalls, aber es kann gut sein, dass sie sogar in der realen Situation so passiert. Larry zum Beispiel schnappt von allen Leuten, die er trifft, Sätze auf, die er zunächst verneint, dann aber in der Interaktion mit Piper doch zur Anwendung bringt. Das wirkt so, als wäre diese Reaktion viel zu platt und schlecht geschrieben, aber es ist durchaus vorstellbar, dass sich Personen sich in dieser Ausnahmesituation tatsächlich an Klischees orientieren. Oder dass sie tatsächlich so hohl sind, wie sie sich geben, doch das wird nicht die Message hinter „OITNB“ sein.

OITNB Szene 4 © StudiocanalJenji Kohans Ansatz ist aber ein anderer: Sie setzt neben Dramatik viel Wert auf Humor – und der ist herausragend. An ihm ist zu erkennen, über was für ein Fingerspitzengefühl die Schreiber verfügen und welche neuen Aspekte sie der Situation entnehmen können. Egal ob Slapstick oder ausgeklügelt, egal ob aus den Worten oder der Performance entnommen, er ist intelligent und brillant. Allerdings ist die Herangehensweise nichts für jedermann & -frau, denn das Drehbuch orientiert sich stark an einem jungen Publikum, das mit den zahlreichen, kulturellen Querverweisen auch etwas anfangen kann. Und auch mit der Freizügigkeit, die ziemlich frech ist und auch vor der Entblößung von „Tutus“ keinen Halt macht.

Möglich macht das alles die größte Stärke der Serie, der fantastische Cast, der eigentlich als Ensemble ausgezeichnet gehört. So unterschiedlich alle Schauspielerinnen und Schauspieler agieren, so unglaublich gut arbeiten und passen sie zusammen. Jeder und jede bekommt seinen und ihren Platz und zeigt ausgewöhnliche Leistungen. Taylor Schilling verleiht Piper Chapman eine ungemeine Authentizität, weil sie das naive, belesene Großstadtkind mit großen und kleinen Gesten angemessen auszudrücken weiß. Jason Biggs kommt ein wenig von seinem „American Pie“-Image weg und findet neben seinem Naturtalent für Humor auch ernstere Töne. „Die wilden 70er“ sind auch für Laura Prepon schon lange vorbei, doch nun hat sie ihre roten Haare schwarz gefärbt und hat die Möglichkeit als Alex Vause einen ganz anderen Pfad einzuschlagen. Daneben gibt es noch unzählige weitere Charaktere, die es zu entdecken gibt und die man am besten selbst kennen und lieben lernt. Es ist kaum zu glauben, dass die meisten davon von Newcomern und unbeschriebenen Blättern interpretiert werden, so fantastisch sind die Performances.

OITNB Szene 5 © StudiocanalAm Ende geht es aber doch wieder um Piper und ihre Erlebnisse, an denen man sich schließlich am besten orientieren kann. Ihr Werdegang ist für die Zuschauer eine Reise in eine andere Welt, für Piper ein Selbsterfahrungstrip, der manchmal doch zu sehr mit Klischees arbeitet, letztendlich aber das Innerste nach Außen kehrt. Nicht umsonst singt Regina Spektor in der zurecht ausgezeichneten Titelmusik „… and you’ve got time“, denn trotz diverser Arbeiten, die zu erledigen sind und Bücher, die es zu lesen gibt, wird Piper immer wieder mit ihrer eigenen Situation konfrontiert, sie durchlebt ihre Vergangenheit noch einmal und sie verändert sich mit jedem Tag.

Aber es ist dann an manchen Stellen doch zu viel. Natürlich möchten sich die Macher der Serie ein breites und starkes Fundament für die kommenden Staffeln gießen, aber nicht jeder Strang ist verfolgenswert, manches verläuft sogar gleich wieder im Sand und ist deswegen überflüssig. Es fühlt sich manchmal wie eine Spielwiese an, wie ein Versuchslabor, in dem alle Zutaten eingebracht werden, um bloß keine Chance zu verpassen. Das geht aber zulasten der großen Momente, denen wie gesagt zu wenig Zeit eingeräumt werden. Vielleicht sollte diese Serie noch weniger Wert auf einzelne Folgen legen und noch häufiger langfristig denken, was das Drehbuch angeht. Ob das möglich ist, hängt aber auch davon ab, wie nah sich die Serie an der Buchvorlage bewegt und inwieweit neue Charaktere Einzug in Litchfield halten.

OITNB Cast © StudiocanalDas liest sich jetzt doch recht negativ, aber „OITNB“ bleibt eine gute Serie mit Liebe zum Detail, die aber bei noch mehr Konsequenz viel mehr bewegen könnte. Vielleicht ergeben sich in Zukunft auch noch Details, die das Ganze etwas schlüssiger machen, aber das wird sich erst im Laufe der nächsten Staffeln klären lassen können. Die zweite erscheint in Deutschland schon nächste Woche auf DVD und Blu-ray (und wird an dieser Stelle rezensiert), was wohl mit der Herkunft der Serie zusammenhängt. Als eine der ersten wurde sie nämlich unter dem Banner von Netflix entwickelt, dem Online-Portal, das sich die Erschließung eines neuen Marktes zum Ziel setzt. Nun gibt es mit einer leichten Verspätung (in Amerika läuft gerade Staffel 3) auch das physische Format für alle „Traditionalisten“, die die rundum gute Serie ohne Internetzwang sehen wollen. Belohnt wird das mit einem üppigen Bonusmaterial inklusive Blick hinter die Kulissen und Interviews, jedoch meist mit dem Hinweis, dass es bei Netflix noch mehr Exklusives zu sehen gibt.

FAZIT: „Orange Is The New Black“ erscheint nun auch in Deutschland für all diejenigen, die die Physis nicht missen möchten. Die Serie beleuchtet das Leben in einem Frauengefängnis mit der großen Portion Humor, die ähnlichen Formaten bislang fehlte. Dieser ist genauso fantastisch wie das Ensemble aus Schauspielerinnen und Schauspielern, in dem genug Platz für alle ist. Dennoch kränkelt das Projekt von Jenji Kohan an dem Zuviel an Ideen, der zu starken Orientierung am Serienformat und den zu konstruiert wirkenden Plottwists, die der Realitätsnähe der Buchvorlage von Piper Kerman nicht immer gerecht werden. Außerdem wäre es besser, wenn es ab und an etwas mehr Dramatik und Dunkelheit Einzug hielte und einzelnen Charakteren mehr Facetten hinzugefügt würden. Es könnte sich jedoch als Vorteil entpuppen, dass die Macher zu Beginn auf möglichst viele Pferde gesetzt haben, um später große Überraschungen platzieren zu können, das werden die nächsten Staffeln zeigen. Die zweite erscheint bereits nächste Woche und liegt schon als Rezensionsexemplar bereit.

  • Titel: Orange Is The New Black
  • Originaltitel: Orange Is The New Black
  • Staffel: 1
  • Episoden: 13
  • Produktionsland und -jahr: USA, 2013
  • Genre:
    Drama
    Comedy
  • Erschienen: 25.06.2015
  • Label: Studiocanal
  • Spielzeit:
    700 Minuten auf 5 DVDs
    731 Minuten auf 4 Blu-rays
  • Darsteller:
    Taylor Schilling
    Jason Biggs
    Laura Prepon
    Kate Mulgrew
    Natasha Lyonne
    Yeal Stone
    Uzo Aduba
    Pablo Schreiber
    u.v.m.
  • Drehbuch: u.a. Jenji Kohan
  • Kamera: Vanja Cernjul
  • Schnitt: Bill Turro
  • Musik: 
    Scott Doherty
    Brandon Jay
    Gwendolyn Sanford
  • Extras:
    Audiokommentar von den Produzenten Jenji Kohan, Tara Herrmann und Mark Burley; 6 Featurettes; Gagreel; Trailer
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    1,78:1 (anamorph)
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB
    Untertitel:
    D,
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    1,78:1 1080/24p Full HD
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB
    Untertitel:
    D
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

Wertung: 11/15 dpt

0
0

Über den Autor

0
0

Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht so genau, wer ich bin. Vielleicht liegt es am Studium, an der Postmoderne, am Internet, am Erwachsensein oder dem unendlichen Schwall an Informationen, aber in den letzten Jahren hab ich mich doch sehr verändert. Klar, die Rahmendaten bleiben: Ich heiße Norman, bin Anfang 20 und wohne im Ruhrgebiet. Dann aber wird es schon schwieriger:

∇ mehr über Norman R/Kontakt
0
0

Schreibe einen Kommentar

Kommentiere als Erste(r)!

Benachrichtigung, wenn:
avatar
wpDiscuz

Orange Is The New Black – Staffel 1 (Serie…

von Norman R Artikel-Lesezeit: ca. 8 min
0