Lady Snowblood (Spielfilm, DVD/Blu-ray)

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Lady Snowblood - Cover - (c) Rapid Eye Movies.jpgNeu in der wunderbaren Nippon Classics-Reihe von Rapid Eye Movies veröffentlicht, findet der Klassiker „Lady Snowblood“ (Toshiya Fujita, 1973) seinen Weg auf Blu-Ray nach Deutschland. Der Klappentext stellt ihn als einen der Haupteinflüsse zu Tarantinos „Kill Bill“-Filmen dar, der sich im Gegensatz zu diesen aber nicht nur ernsthafter, sondern auch bösartiger, dunkler und trauriger gibt. „Lady Snowblood“ ist vor allem in seinen filmästhetischen Mitteln spannend, die aus sich selbst heraus eine ambivalente Spannung entfalten, die auch gut vierzig Jahre nach der Veröffentlichung des Films überzeugen und inspirieren.

„Lady Snowblood“ ist die Geschichte von Yuki (Meiko Kaji), deren Dasein von nur einem Zweck beherrscht wird: Sich an den Peinigern ihrer Mutter Sayo (Miyoko Akaza) zu rächen. In komplexen Rückblenden wird erzählt, wie Sayo in den Siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts mit ihrem Mann und Sohn in ein Dorf kommt, in dem der Vater als Grundschullehrer arbeiten soll. Noch bevor sie im Dorf ankommen, werden Mann und Sohn von vier Verbrechern ermordet, Sayo als Sklavin gehalten. Sayo ermordet bald einen der Verbrecher, wird inhaftiert und prostituiert sich im Gefängnis, um ein Kind zu bekommen. In einer verschneiten Winternacht kommt das Kind Yuki zur Welt, deren Leben nur aus einem Grund besteht: Die Rache der lebenslang inhaftierten Sayo auszuüben. Im Anschluss an die Geburt stirbt die Mutter, Yuki wird von einem ehemaligen Lehnsmann des Shogunats ausgebildet und macht sich, zwanzigjährig, auf den Weg, die restlichen drei Verbrecher ins Jenseits zu befördern.

Lady Snowblood - Filmstill 04 - (c) Rapid Eye Movies.jpgEs wird schnell klar, dass man sich hier in einer Welt ohne Ideale befindet, in der Hinterlist und Gewalt die soziale Ordnung bestimmen. In den ersten Szenen ermordet Yuki einen korrupten Staatsdiener, um von einem  Dorfbürgermeister zu erfahren, wo sich einer der drei Verbrecher befindet. Doch im von Kranken und Invaliden bevölkerten Dorf angekommen, wird sie von den Bewohnern in ein Waldstück gebracht, wo sie vergewaltigt werden soll: „Wir teilen alles“, lacht das von Yuki verprügelte Proletariat, bis der zahnlose Bürgermeister auftaucht. Entsprechend verlaufen die in Kapitel eingeteilten Racheakte an den mittlerweile verstreuten Mördern in einer stetigen Steigerung. Das erste Opfer ist ein spielsüchtiger und kranker Alkoholiker, der letzte ein Diplomat, der zu den Klängen des Donauwalzers in einem internationalen Salon sein Ende findet – und von einer Empore zwischen amerikanischer und japanischer Flagge in die transnationale, hilflose Masse fällt. So elegant die Kapitalismuskritik hier vorgeführt wird, so merkwürdig ist der rassistische Beigeschmack, der entsteht, wenn Internationalität als Unzucht dargestellt wird, die mit Ungerechtigkeit gleichgesetzt wird.

Der Eindruck von Ambivalenz zieht sich auf verschiedenen Ebenen durch den Film: Einerseits sind die Kameraeinstellungen, das Spiel mit Licht und Schatten, die starken Kontraste von Blut, Schnee und den weißen Kimonos von Yuki wunderschön, traurig und kritisch zugleich. Andererseits ziehen sich die langen Shots und die zurückhaltenden Schnitte in die Länge; auch die Ausweglosigkeit der Gesamtkonstellation wirkt nach heutigen Sehgewohnheiten konstruiert, was besonders bei (inszenatorisch vermeidbaren) Todesszenen sympathischer Charaktere frustrieren kann. Ähnliches gilt für die Musik: Der von Meiko Kaji gesungene Titelsong wirkt niedlich kitschig, fast wie ein Schlager, während der häufig untermalende Jazzfunk die filmische Spannung kongenial irisieren lässt. Wenn man sich aber auf die Historizität des Films einlässt, begegnen einem immer wieder genial anmutende Stimmungswechsel und dramaturgisch ausgefeilte Schnörkel. Dass der Film einen starken Schwerpunkt auf die historische Industrialisierung Japans legt, die zusammen mit Imperialismus und Korruption den blutigen Boden von Yukis und Sayos Unglück bildet, lässt den Film über das Genre des Samuraifilms hinausreichen und forciert den historischen Blick.

Lady Snowblood - Filmstill 03 - (c) Rapid Eye Movies„Lady Snowblood“ beruht auf dem gleichnamigen Manga von Kazuo Uemura und Kazuo Koike, die auch schon die Vorlage für „Lone Wolf and Cub“ kreiert hatten, dessen Verfilmung ebenfalls als Nippon Classic erschien. Anders jedoch als in „Lone Wolf and Cub“ gibt es in „Lady Vengeance“ keine noch so kleinen Gesten der Zärtlichkeit oder des Einverständnisses: Es mag schon sein, dass Lady Snowblood in Richtung „empowered feminist appeal“ (The Quietus) geht, aber dieser Feminismus kennt keine Kollektivierung, sondern lebt von Einsamkeit, Kälte und Rache. Das ist unglaublich konsequent, weil Rache nicht mit dem sozialen Schmiermittel Gerechtigkeit verknüpft werden kann; es ist von Anfang an klar, dass Yuki nicht nur kein Mensch ist, sondern außerhalb jeder menschlichen Beziehung agiert. Sie mag zwar die größte Kampfkraft haben – aber sie ist hilflos, wenn es um gesellschaftliche Kontakte geht.

In den Kämpfen zeigt sich das in kurzen Choreographien der eigentlichen Kämpfe. Auch das ausgedehnte, tänzelnde Sterben, das man auch aus Italo-Western kennt, wird nur angedeutet. Stattdessen fließt bzw. spritzt Blut in rauen Mengen auf die unterkühlt wirkende Yuki – man darf das aber nicht mit bloßer Gewaltdarstellung verwechseln: Die Kontraste und Farbkombinationen, Meiko Kajis wandelbares Gesicht, meist dämonisch bleich, wird von Blut gezeichnet, nicht von menschlichen, sozial kodierten Regungen. Von ihr geht eine suggestive, entkörperlichte Attraktivität aus, die sich nur schwer fassen lässt. Auch, dass ein toter Körper im Meer von ausschließlich rotem Wasser umspült wird, ist mehr eine großartige Darstellung einer Hölle auf Erden, als eine Eli-Roth-Ästhetik vor seiner Zeit.Lady Snowblood - Filmstill 05 - (c) Rapid Eye Movies.jpg

Dass dieser Eindruck entstehen kann, hängt auch mit der brillanten Kameraarbeit Masaki Kamuras zusammen, die in elegischen Arrangements die Distanzierung zu den Personen im Moment ihres Sterbens vergrößert, und häufig in die Aufsicht wechselt, von der aus das Blut sich mit der (Studio-)Umwelt vermischt. Gerade in den Kontrasten zeigt sich auch der Wert der angenehm dezenten Blu-Ray-Konvertierung und Ausbesserung, bei der die technische Veränderung die filmischen Effekte zu verstärken vermag, anstatt lediglich eine hyper-digitale Schärfe in das Bild zu bringen. Auch die edle Edition im Pappschuber ist zurückhaltend elegant, der Aufsatz im Booklet spannend und informativ. Nur die Extras, in der ein vermeintlicher Experte in einem Interview den Realismus des Films anpreist, hätte man sich sparen können. Diese Blutfontänen sind alles Mögliche, aber nicht realistisch.

Hier liegt die schöne Edition eines filmästhetisch wegweisenden Films vor, der einen nicht ganz gewöhnlichen, aber umso faszinierenden Rhythmus entwickelt.

 

Cover und Filmstills © Rapid Eye Movies

  • Titel: Lady Snowblood
  • Originaltitel: Shurayukihime
  • Produktionsland und -jahr: Japan, 1973
  • Genre:
    Samuraifilm (Chambara)
    Drama
    Action
  • Erschienen: 09.10.2015
  • Label: Rapid Eye Movies
  • Spielzeit:
    102 Minuten
  • Darsteller:
    Meiko KAJI
    Toshio KUROSAWA
    Masaki DAIMON
    Miyoko AKAZA
    Shinichi UCHIDA
    Takeo CHII
    Noboru NAKAYA
  • Regie: Toshiya FUJITA
  • Drehbuch:
    Kazuo UEMURA
    Kazuo KOIKE
    Norio OSADA
  • Kamera: Masaki TAMURA
  • Musik: Masaaki HIRAO
  • Extras:
    Interview mit Mark Schilling
    Trailer
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    16:9 – 2.35:1
    Sprachen/Ton
    :
    Japanisch (PDM 2.0 Mono)
    Untertitel:
    Deutsch
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 13/15 dpt

 

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Über den Autor

Tim König

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Studiere im Lehramtsmaster Deutsch und Philosophie/Ethik an der Humboldt-Universität Berlin. Mit Freundinnen und Freunden gebe ich die anwesenheitsnotiz heraus, die an der Freien Universität Berlin angesiedelt ist, an der ich meinen Bachelor gemacht habe. Obwohl ich einen Großteil meiner Zeit in hinter Büchern, in Klassenräumen oder vor der Filmleinwand verbringe, habe ich nach wie vor die ein oder andere Liaison mit Film/Comic/Videospiel/Kunstaustellung/Musik. Vor allem Musik, mit einer besonderen Vorliebe für Avantgardistisches, auch in Gestalt von Pop.

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von Tim König Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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