David Gray – Kanakenblues (Buch)

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Cover David Gray Kanakenblues (c) Pendragon Verlag.inddDavid Gray lässt Wirklichkeiten aufeinanderprallen, Funken schlagen, die im Auge der Lesenden brennen. Schon der Titel „Kanakenblues“ tut weh, konfrontiert mit gewalttätigem, weil rassistischem Vokabular und einer amerikanisierten Hoffnung: Der Blues lebt von der Anerkennung sozialer Gewalt – als erster Bewegung in Richtung Selbstbehauptung und politischer Umschichtung. Es geht allerdings nicht nur um die traurige Story von Younas Aris, der sich auf einen verzweifelten Rachetrip durch das nächtliche Hamburg begibt. Der schwarze Hauptkommissar Lewis Boyle verfolgt Aris; die Erzählstränge von Verfolgung und Jagd laufen flimmernd schnell aufeinander zu. Das Ende nach gut dreihundert Seiten: Mehr als nur ein Funke.

Immer wieder drängt sich die Frage auf, ob die Situationen in „Kanakenblues“ möglich sind. Deutschen Städten traut man einen derartigen Pfuhl an Verbrechen, Ungerechtigkeit und Rassismus nicht zu. Der fiktionale Gewaltexzess, der den wirklichen Dreck sichtbar macht, läuft damit immer wieder Gefahr, als unwahrscheinlich, als bloßes Entertainment und „keine Kunst, so doch gutes Handwerk“ gelesen zu werden, wie Walter Delabar in seiner Rezension über „Kanakenblues“ generell über Hardboiled urteilt. Damit wird vergessen, dass genau diese Frage das Buch so spannend macht: Wie sehr ähneln die Realitäten des Kriminalromans der eignen Realität?

Younas Aris‘ Herkunft wird nicht benannt; er kommt aus der arabischen Welt, irgendwoher, wo er ein Studium abegschlossen hat und bei einer Demonstration verhaftet und eingekerkert worden ist; nach seiner Entlassung dann mit seiner Frau Aziz und Tochter Sertab nach Deutschland geflohen ist. Ohnehin wird er auf der Baustelle von seinem Chef, dem Polier Heiermann, nur „Ali“ genannt – wie alle anderen Bauarbeiter mit Migrationshintergrund. Um zu wissen, dass es überall in Deutschland Heiermanns gibt, braucht man keine Pegida und AfD zu kennen; in den meisten Bekanntenkreisen gibt es ganz selbstverständlichen Rassismus. Die vermeintlich kleine Namensänderung in „Ali“ bringt die grundlegende Unsicherheit ins Spiel, unter der Younas Aris ausgenutzt und manipuliert werden kann, weil seine Stimme nicht zählt. Ziemlich viele schauen nach der Inneren Altstadt Dresdens – aber wer interessiert sich noch für den Berliner Oranienplatz?

Während Younas Aris im literarischen 1999 noch auf dem Bau arbeitet, macht Lewis Boyle illegale, aber unverfängliche Geschäfte mit den Gangstergrößen Hamburgs, allen voran seinem Jugendfreund Teddy Amin, Chef der Hamburger Russenmafia. Das ermöglicht ihm nicht nur den Zugang zu einem gut bestückten Schweizer Konto, sondern auch zu Informationen, die manche Fälle entscheiden und seinen Aufstieg in der Polizeihierarchie ermöglichen. Ein Aufstieg, der aufgrund seiner Hautfarbe nicht möglich wäre. Als ein Jahr später der Sohn des Polizeipräsidenten ermordet gefunden wird, stellt das für Lewis Boyle die Chance zum lang erhofften Karrieresprung – und für seine Feinde in Reihen der Polizei und Verbrecherwelt, ihn abzuschießen – dar. Für Younas Aris ist es der Beginn einer langen Nacht, in die er die vier jungen Männer sucht und ermordet, die sich an seiner Tochter vergangen hatten. Das macht der Mann nicht freiwillig: Seine Frau droht ihn zu verlassen und deren Onkel, Boss der türkischen Mafia in Hamburg, bestückt ihn mit Waffen – gleichzeitig eine Drohung und Rachemöglichkeit. Und die Polizei? Younas Aris wird von der Wache fortgeschickt, als er Anzeige erstatten will: Die Beamten machen gerade Dönerpause, der „Ali“ wird nicht gehört.

„Kanakenblues“ ist ungeschliffen und brutal, doch die Härte macht den Reiz des Buches aus. Die Charaktere sind überzeichnet, aber bleiben nachvollziehbar. Gerade diese Überzeichnung lässt die Figuren im leicht erzählten, aber komplex inszenierten Hamburg handlungsfähig bleiben: Um zwischen verschiedenen kriminellen Organisationen, Substrukturen in der Polizei, Journalisten und den Menschen dazwischen zu überleben, müssen die Figuren über ihren Möglichkeiten agieren. Dass dabei kleinere logische Brüche entstehen, ist verzeihlich. In jedem Fall ist es großartig, dass der Pendragon Verlag diesen ursprünglich als Ebook-only veröffentlichten Roman erweitert und überarbeitet einem breiteren Publikum zugänglich macht – ein Publikum, dass das Buch verdient.

Cover © Pendragon Verlag

Wertung: 13/15 dpt

  • Autor: David Gray
  • Titel: Kanakenblues
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 2015
  • Einband: Paperback
  • Seiten: 376
  • ISBN: 978-3-86532-454-2
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten
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Über den Autor

Tim König

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Tims Nerd-Schreibtisch

Studiere an der Freien Universität Berlin seit einiger Zeit Deutsch und Ethik, suche aber gerade einen Job als Nachtwächter (o. Ä.), zumal mein Bachelor so gut wie beendet ist. Das soll aber nicht heißen, dass mein Verhältnis mit Büchern und Literatur am Kriseln wäre; denke eher, dass Nachtwächter mehr Zeit zum Lesen haben als Studierende.

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David Gray – Kanakenblues (Buch)

von Tim König Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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