Sorry oder: Die Rezensionskrise und das Licht am Ende des Tunnels oder: Ächz, stöhn – endlich wieder mehr Zeit!

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Riesenbücherstapel © Chris PoppSo manch aufmerksamer Leser wird festgestellt haben, dass meine persönliche Aktivität hinsichtlich Rezensionen bei booknerds.de ab Frühjahr 2015 stark zurück gegangen war. Auch so mancher Verlag oder so manches Film-/Musiklabel wird sich wundern, wo meine (überfälligen) Rezensionen zu angefragten Titeln denn bleiben.

Nein, bei mir ist die Luft nicht raus. Ans Aufhören denke ich nicht. Doch, ich habe noch riesige Lust, Rezensionen zu schreiben. Mehr denn je. Nein, mit mir ist nichts Ernstes. Doch, die Rezensionen kommen zu gegebener Zeit.

Das Problem war schlichtweg beruflicher Natur. Ich arbeite seit 2013 bei einem bekannten Konzern, anfangs nur per Minijob und später dann sozialversicherungspflichtig. Das tat nicht nur dem Geldbeutel gut, sondern auch dem Ego. Nichts Tolles zwar, dieser Job, zumal gerade mal Mindestlohn rausspringt, aber ich hatte endlich wieder eine Aufgabe, mit der ich auch Geld verdiente und wieder etwas in die Rentenkasse einzahlen kann.

Nebenbei booknerds.de zu koordinieren und Inhalte beizusteuern war bei 20 Wochenstunden kein Problem. Im Frühjahr 2015 ereignete sich allerdings ein extremer personeller Engpass im Betrieb, was bedeutete, dass ich in manchen Monaten mehr fast genau so viele Überstunden wie Regelstunden hatte und somit mehr Stunden ableistete als eine Vollzeitkraft. Von den unbezahlten Stunden wollen wir gar nicht erst reden. Da die Situation hinsichtlich meiner Arbeitsstelle (extremer Leistungsdruck, Streitereien und ich mittendrin) oftmals auch das Privatleben beeinträchtigte und mich regelrecht auffraß – mich also oftmals nachts wach liegen ließ, war der Kopf voll von Dingen. Dingen, die keinen Platz für schreiberischen Output ließen.

Wie sah mein Alltag nun aus? Abends war ich derart geschlaucht, dass ich bestenfalls zum Konsumieren in der Lage war – abends etwas TV (auch die Rezensionsware), und das Lesen beschränkte sich auf ein paar Minuten morgens – oder auch abends, wenn mir die Augen nicht zufielen. Auf Arbeit geht es meist zu wie in einem Taubenschlag, sodass es in der Mittagspause kaum möglich ist, dort mal in Ruhe mehr als zwei Absätze zu lesen. Ich war also froh, im Monat wenigstens ein Buch gelesen zu haben. Doch die Rezensionsexemplare stapelten sich weiterhin – ich habe teilweise den Überblick verloren, was ich mir alles geordert hatte.

Der Berlin-Kurzurlaub im August mit meiner Frau war bitter nötig, vor allem, um den Kopf frei zu bekommen. Die Zerstreuung tat gut. Aber die Woche nach dem Urlaub bedeutete auch wieder den unvermeidlichen Sprung in den Arbeitsalltag – es gab kaum Zeit zum Runterkommen und zur Reflexion der schönen Tage – sofort zogen wieder die dunklen Wolken auf. Das Projekt, Kraft für booknerds.de zu schöpfen, war einmal mehr gescheitert.

Die Wochenenden (meist war dies ohnehin nur der Sonntag) und die anderen Urlaubstage gingen für Hausarbeit drauf, und wenn ich dann mal wirklich Zeit für Rezensionen gehabt hätte, war mein Gehirn meist so fragmentiert, dass ich das berühmte weiße Blatt anstarrte und ich letztendlich, ohne auch nur einen Satz geschrieben zu haben, das „X“ rechts oben anklickte.  Ich war ja froh, wenigstens die Rezensionen meiner Kollegen korrigieren zu können und ab und an mal ein paar Interviews/Fragebögen beantworten zu können – das ging wundersamerweise.

Der ganze Stress löste eine ernsthafte Rezensions-Schreibblockade aus, die ich erst jetzt langsam lösen werden kann. 

Denn nun ist wieder Land in Sicht – Der personelle Engpass auf Arbeit ist erst mal Geschichte und ich habe endlich mehr Zeit zum Luftholen und somit auch wieder die Kraft, mich wieder intensiv meinem Baby namens booknerds.de zu widmen und Zeit für Inhalte und meine Schreiberkollegen zu haben.

Selbstverständlich liegen nun noch einige „Altlasten“ (welch unschönes Wort für die noch schönen zu lesenden/schauenden/rezensierenden Titel…) in mittlerer zweistelliger Menge hier, und die gilt es nun erst mal abzuarbeiten.

Daher ein dickes SORRY an alle Leser und natürlich an alle Verlage und Labels, die ich immer und immer wieder vertröstet habe. Vertrösten musste. Umso dankbarer bin ich für das Verständnis, das mir schon von einigen Kooperationspartnern entgegengebracht wurde.

Jetzt geht es wieder normal weiter.

(bis hierhin -> Stand: Ende 2015)

Nachtrag März 2016:

Von wegen normal. Nach einer kurzen Möglichkeit, Luft zu holen, hat sich die Lage verschlechtert. Noch Ende November wurde es personell wieder eng, der Wind auf Arbeit wurde rauer und rauer, und das Ganze zog mich psychisch derart nach unten, dass ich auf Arbeit nur noch auf Reservetank lief. Ich schleppte mich seit Monaten sowieso angeschlagen zur Arbeit, ich ließ meine Vorgesetzten dies auch wissen, aber Nachsicht zeigte man keine.

Es kam, wie es kommen musste. Im Dezember wurde ich, der sonst nie krank feiert, tatsächlich krank. Meine Psyche war derart angeknackst, dass mein physischer Zustand es dem psychischen gleich machte. Ich war mehrere Wochen außer Gefecht, doch es wurde auch währenddessen weiterhin Druck auf mich ausgeübt und es wurden fragwürdige Entscheidungen getroffen, sodass ich letztendlich rechtliche Hilfe in Anspruch nehmen musste. Die Genesung dauerte noch eine ganze Weile, ich konnte wieder booknerdische Arbeit verrichten, und nach ein paar Wochen habe ich mich langsam wieder in meine Arbeit eingefunden.

Doch es dauerte nicht lange, bis sich wieder fragwürdige Entscheidungen ereigneten, absurdeste Vorwürfe gegen mich erhoben wurden und sich Mobbing par excellence hinzugesellte. Dies sorgte am Ende dafür, dass ich seit wenigen Tagen wieder in genau der gesundheitlichen Verfassung bin wie vor meiner Genesung. Dann kam der Punkt, an dem ich mir dachte: «So, bis genau hier hin und keinen Millimeter weiter!« Momentan sitze ich also wieder spürbar gesund werdend zu Hause und muss eine endgültige Lösung für all das finden. Das hat immerhin den positiven Nebeneffekt, dass ich wieder mehr schreiben kann. Was den Rest betrifft: Die Zukunft zählt. Nun ist es Zeit, gesundheitlich wieder auf den richtigen Weg zu kommen, Familienleben nachzuholen und eben etwas für das viel zu sehr vernachlässigte booknerds-Magazin zu tun.

Nachtrag April 2016:

Die endgültige Lösung ist gefunden. Ich habe auf ärztlichen Rat meine Arbeitsstelle aufgegeben – die Gesundheit ist wichtiger als der Kontostand.

Foto © Chris Popp

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Über den Autor

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Chris‘ Nerd-Schreibtisch

Gebürtiger Mannheimer. Jahrgang 1974. Lebt seit 2001 mit Frau und zwei Töchtern südwestlich von Kassel. Besessen von Büchern, Serien, Hörbüchern, Kaffee und Königsberger Klopsen. Schätzt tiefgründige Gespräche und meidet belanglosen Smalltalk. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.

 

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2 Kommentare zu "Sorry oder: Die Rezensionskrise und das Licht am Ende des Tunnels oder: Ächz, stöhn – endlich wieder mehr Zeit!"

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Irve liest
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3 Monate 24 Tage her

Man arbeitet, um zu leben und nicht andersherum…zumindest sollte es so sein. Komm erstmal auf die Beine und dann ergibt sich bestimmt wieder eine neue Perspektive!
Liebe Lesegrüße, die Irve

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[…] unterschiedlichen Gründen beruflicher und gesundheitlicher Natur (nachzulesen hier, wobei sich das ein oder andere Unschöne noch bis in den Dezember gezogen hat) sind die […]

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