Adrian McKinty – Gun Street Girl (Buch)

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Adrian mcKinty-gun street girl„Gun Street Girl“ ist der vierte Teil der ursprünglich als Trilogie geplanten Sean Duffy-Serie. Duffy ist zurück in seinem alten Rang als Detective Inspector bei der RUC (Royal Ulster Constabulary), erstarrt langsam in Routine und weiß intuitiv, dass er festhängt. Er hat zwar einflussreiche Freunde in England, durch deren Unterstützung er seinen Job zurückerlangt hat, doch intern gilt er als Querulant und Unruhestifter, der am Rande zwar mitspielen darf, doch dessen Aufstiegschancen gleich Null sind.  Dann unterbreitet ihm Gönnerin (und Love Interest) Kate Albright das Angebot, komplett beim MI5 einzusteigen. Denn dort braucht man fähige, unorthodoxe und hartnäckige Ermittler wie den „katholischen Bullen“.

Es dauert eine Weile bis sich Duffy endgültig mit dem Gedanken, beim RUC auszusteigen, anfreundet, doch uninteressiert ist er nicht. Vor allem als sich der Fall, den er gerade bearbeitet, als Puzzleteil innerhalb der schmutzigen Weltpolitik entpuppt. Am Ende erwischt es ein paar Figuren aus dem mittleren Management, am weitgestreuten Verbrechensgeschwür wird nicht herumgeschnippelt. Alles geht voran, Geschichte wird gemacht.

Duffy ist bereit zum Abflug. Fast. Verletzungen infolge eines Treppensturzes hindern ihn daran, den Helikopter in eine andere Zukunft zu besteigen. Was  sich den gesamten Roman über andeutete, findet hier seinen Kulminationspunkt: Sean Duffy besitzt ein (Ver)sicherungsnetz, das ihn auffängt, kein schönes, edles oder gar behagliches, aber immerhin halten ihn grobe Stricke am Leben und brechen (noch) nicht sein Genick.     
„Gun Street Girl“  beginnt mit einem spektakulär schieflaufenden Einsatz der Special Branch, an die Duffy ausgeliehen wurde, gegen eine Gruppe Drogendealer, der ihm Spott und einen ausreichenden Vorrat an entwendetem Kokain einbringt. Danach fällt es Duffy leicht, eine vermeintliche Familientragödie seinem Freund und Kollegen Sergeant „Crabbie“ McCrabban zu überlassen.  

Duffy lässt sich treiben, ohne die alltägliche Vorsicht außer Acht zu lassen (Auto auf Bomben checken!), er beobachtet zwei Neulinge bei der Arbeit, beginnt eine Affäre mit einer Journalistin, kabbelt sich mit seinen Nachbarn, schnieft das geklaute Koks und begleitet McCrabban bei seinen Ermittlungen. Die er, wie zu erwarten war, bald selbst in die Hand nimmt, denn dem Mord an einem wohlhabenden Ehepaar folgt nicht nur der vermeintliche Suizid des Wunschtäters sondern auch die Beseitigung einer Zeugin. Schicht für Schicht entblättert Duffy und findet sich irgendwann in einem Rüstungsunternehmen und später vor der amerikanischen Botschaft wieder. Aus dem Wohnzimmer direkt auf’s glatte Parkett der Weltpolitik. Wie bei McKinty üblich mit reichlich Pendants in der Realität.  

Eigentlich könnte sich Sean Duffy behaglich einrichten. Der Druck von außen ist geringer als in den Jahren zuvor, er hat einflussreiche Gönner in England, sein direkter Vorgesetzter lässt ihn an der langen Leine freizügig agieren, mit seinen protestantischen  Nachbarn hat er sich arrangiert und selbst die Liebe kommt nicht zu kurz.  

Doch dann beginnt es zu kippen, das Anglo-Irische Abkommen, welches eigentlich Entspannung bringen soll, sorgt zunächst für neue Unruhen, in denen die nordirische Polizei als Prellbock dient. Nichts Neues für Duffy, wohl aber für seine beiden Rookies, die sich angesichts einer Attacke, die im Krankenhaus endet, an einem Scheideweg sehen. Gleichzeitig gehen die Ermittlungen im Mordfall Kelly nur schleppend voran und die Beziehungen zur Journalistin (ausgerechnet) Sara Prentice und der MI5-Agentin Kate Albright werden zur Bewährungsprobe für Duffy.

War der Vorgänger „Die verlorenen Schwestern“ eine modernisierte Wiederbelebung des „locked room mysteries“, ist „Gun Street Girl“  eine gelungene Studie in Existenzialismus. Duffy findet sich permanent auf sich selbst zurückgeworfen wieder. Er ist der misstrauisch beäugte Einzelgänger im Polizeidienst – wenn er nicht von der Gegenseite direkt bekämpft wird, ein Exot in seinem Alltagsumfeld und ein Fremder auf Besuch, wenn es um die Liebe geht. Sara nutzt ihn aus und Kate, die so etwas wie eine Seelenverwandte sein könnte, verflüchtigt sich nach wenigen Augenblicken der Vertrautheit.

Duffy betäubt sich mit Koks und Wodka-Gimlet (Klassiker) und arbeitet sich am Soundtrack seines Lebens ab. Moderne Klassik, Toru Takemitsu,  Jazz, Philip Larkin, Django Reinhardt,  Blues, Elmore James, die Pogues und Led Zeppelin auf der Haben-Seite, Best-Of-Alben und 8oer-Jahre Mainstream Pop-Rock (vor allem mit Saxophon) im Soll. Dazu noch Ausflüge in Literatur (Tolkien oder C.S. Lewis) und Film („The Big Sleep“, „Papa ist auf Dienstreise“, „Indiana Jones“), Fluchtpunkte, mit denen er sich abschotten kann, die ihm aber auch bewusst machen wie fern ihm seine Mitmenschen sind – und er ihnen.

Außer Crabbie, der so etwas wie der Sancho Pansa des gegen die Windmühlenflügel des Militärisch Industriellen Komplexes kämpfenden Sean Quichotte ist. Verbrechen sind bei Adrian McKinty keine individuellen Gräueltaten sondern gesellschaftsprägende Zustände. Duffy bekommt an den Rändern Einblicke in ein Netzwerk, das zwischen Politik, Militär, Geheimdiensten und nutzbringenden Industriezweigen gesponnen wird. Genug Wissen, um massiv bedroht zu werden, zu wenig, um mehr als Kollateralschäden anrichten zu können.

„Gun Street Girl“ ist ein Roman des Übergangs. Nordirland wird sich verändern, die Iran Contra-Affäre erlaubt die unfreiwillige Erkenntnis wie der Lauf der Geschichte von Dilettanten manipuliert werden soll. Bis heute klappt das viel zu gut. Duffy selbst befindet sich an einem Scheideweg. Und endet vorerst zurückgeworfen auf sich selbst – in Trauer. Aber das Gesetz des Stehaufmännchens besagt: Es wird weitergehen. The end is not the end.  

Spannend und hochdramatisch ist das, von Peter Torberg gewohnt stark übersetzte Buch,  nicht immer. Adrian McKinty spart zu Recht die zähen, unergiebigen Momente des Ermittler-Daseins nicht aus. Denn gerade in Momenten des scheinbaren Stillstands gibt es viel zu entdecken und Zeit darüber nachzudenken. Mit Büchern ist es wie mit Lösungen: Die einfachen sind nicht unbedingt die besten.

PS.: Roxy Music, Van Der Graaf Generator, Gerry Rafferty, Ian Underwood, Gong, Sade, Madness, Van Morrison, Tears For Fears, ich und weitere Verdächtige sind übrigens sehr für Saxophone in Rock und Pop. Denk drüber nach, Duffy!

Cover © Suhrkamp Verlag

  • Autor: Adrian McKinty
  • Titel: Gun Street Girl
  • Teil/Band der Reihe: Teil 4 der Duffy-Reihe
  • Originaltitel: Gun Street Girl
  • Übersetzer: Peter Torberg
  • Verlag: Suhrkamp Nova
  • Erschienen: 25.10.2015
  • Einband: Klappenbroschur
  • Seiten: 375
  • ISBN: 978-3-518-46655-1
  • Sprache: Englisch
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite zum Buch
    Website des Autors

Wertung: 11/15 dpt

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Über den Autor

Jochen König

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Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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