Benedict Wells – Vom Ende der Einsamkeit (Buch)

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Benedict Wells - Vom Ende der Einsamkeit (Cover © Diogenes Verlag)Schwabing bei München, 1980. Eine fünfköpfige, ganz normale Familie mit französischen Wurzeln. Protagonist Jules war zu jener Zeit noch ein unbeschwerter Junge, mutig, draufgängerisch und frech. Sein Bruder Marty hingegen war eher der kauzige Nerd, der Einzelgänger, ein Mensch mit Ticks. Die extrovertierte Liz, die älteste der drei ungleichen Geschwister, trat schon früh in die Fußstapfen der Mutter, welche für die gesamte Familie der heimliche Star war. Auch Vater Stéphane war seinerzeit voller Lebensenergie.

Während die Mutter diese positive Aura im Laufe der nächsten wenigen Jahre nicht zu verlieren scheint, ziehen in Vaters Leben langsam dunkle Wolken auf – dennoch macht er sich mit Jules  gelegentlich alleine auf den Weg, und jedes Mal möchte er ihn zu Mutproben animieren oder ihm in ihrer Zweisamkeit weise Worte mit auf den Weg geben. Worte, die Jules manchmal noch nicht so recht einordnen kann. Aber wozu gibt es Hoffnung, was Stéphane angeht – man kann alles wieder einrenken, wenn man nur möchte. Und Marty, Liz und Jules ging es letztendlich immer gut mit diesen wunderbaren Eltern. Eltern, die zu haben man schätzen lernt, ohne sich dessen in den Kinderjahren wirklich gewahr zu sein.

Diese Familie wird jäh auseinandergerissen, als die Eltern sich einmal mehr auf den Weg ins französische Berdillac machen wollen und in ihren Mietwagen steigen: Als sie im Regen unterwegs auf der Straße sind, bricht durch Aquaplaning ein Fahrzeug der entgegengesetzten Fahrbahn aus seiner Spur aus und löscht mit einem Schlag das Leben der beiden aus. Die elternlosen Geschwister landen auf demselben Internat, und dort gehen die drei bereits frühzeitig immer mehr ihren eigenen Weg und entfremden einander. Jeder geht zudem mit dem plötzlichen Tod der Eltern anders um.

Jules wird über die Jahre zu einem introvertierten und verträumten Einzelgänger, der sich zunehmend in sein Schneckenhaus verkriecht und dort in seinen Traumwelten, in welche er flieht, sein Seelenheil findet. Freundschaften schließen wird er im Internat nicht – außer zu Alva, die ihn irgendwie fasziniert. Sie ist in seinen Augen wunderschön, geheimnisvoll, er fühlt sich in ihrer Gegenwart wohl und geborgen, gleichermaßen aber unwohl und unsicher. Eine unbeholfene, eigenartige Freundschaft entsteht. Doch  sie verlieren sich bald aus den Augen, spätestens nach einem unschönen Erlebnis.

Viele Jahre später, als beide erwachsen sind, begegnen sie sich wieder – und es scheint ganz so, als wende sich endlich alles zum Guten. Doch einerseits lauert die Vergangenheit im Hinterhalt, andererseits so manch heftige Überraschung. In all dieser Zeit – der Roman erstreckt sich bis ins Jahr 2014 – begegnet Jules immer wieder Bruder Marty und Schwester Liz, und der Weg all der in „Vom Ende der Einsamkeit“ involvierten Personen ist vor allem von einem gepflastert: Von Veränderung. Von Wechseln. Und vom Unveränderlichen.

Die vierunddreißig Lebensjahre zwischen sieben und einundvierzig werden linear erzählt und am Anfang und am Ende des Buches durch entsprechende Kapitel aus dem Heute flankiert – ein Mann, der vieles durchlebt hat, lässt seine Kindheit, seine Jugend und sein späteres Erwachsensein Revue passieren. Er nimmt den Leser mit ans imaginäre Flussufer, so wie es Vater Stéphane mit Jules zu Lebzeiten tat.

Dass der 1984 in München geborene Autor ein fürwahr brillanter Geschichtenerzähler ist, bewies er bereits mit seinen drei vorherigen Romanen „Becks letzter Sommer“ (2008), „Spinner“ (2009, entstand jedoch vor Beck; Wells war gerade mal 19 Jahre alt) und „Fast genial“ (2011) – doch „Vom Ende der Einsamkeit“ überrascht ungemein, und zwar in vielerelei Hinsicht. Benedict Wells hat sich mit seinem vierten Roman selbst übertroffen, ist das Buch einerseits das wohl vielschichtigste, andererseits das wohl intensivste seiner Laufbahn. Er zeigt sich anno 2016 – er schrieb sieben Jahre an „Vom Ende der Einsamkeit“ – als gereifter Autor, der mit diesem Buch in die Liga der großen hiesigen, zeitgenössischen Autoren aufgestiegen ist. Zumindest aus subjektiver Sicht.

Zum einen wählt der Schriftsteller einmal mehr ein komplett anderes Setting, einen komplett anderen Background und einen wieder völlig anderen Erzählstil – zwar typisch direkt, ganz in Wells-Manier, aber doch wieder anders. Zum anderen birst dieser Roman vor lauter Lebenserfahrung, und man fragt sich ernsthaft, woher der Romanschöpfer diese hat. Oder ob er einfach nur ein brillanter Zuhörer und Beobachter ist.

Der Grundtenor dieses Werks ist melancholisch und nachdenklich, doch trotz aller Verluste, die sich durch  Jules‘ Leben und das seiner Geschwister ziehen, trotz all der Einsamkeit, die jeder für sich in seiner ganz eigenen Version erfährt und sie anders als die anderen verarbeitet, trägt „Vom Ende der Einsamkeit“ niemals destruktive Negativität in sich. Ganz im Gegenteil: Die Melancholie lässt das Wertvolle, das Schöne, das Erbauende und Erhellende, all das Positive, das das Leben lebenswert macht, in noch schöneren, bezaubernderen Farben schillern, und all diese kleinen, kreuz und quer durch das Buch verstreuten philosophischen Goldklümpchen und Edelsteine erweisen sich als wahre Schätze, die man für immer in seinen Gedanken festhalten möchte.

Jules, der Ich-Erzähler in „Vom Ende der Einsamkeit“, holt den Leser zu sich wie einen Freund. Vertraut sich ihm an. Das schafft eine Lesernähe, die für ein Zu-Hause-Gefühl sorgt. Hinzu kommt eine erzählerische Wärme, die sich wie eine Glocke über den das Buch Verschlingenden stülpt. In der man sich wohl fühlt, ganz gleich, wie traurig die Ereignisse manchmal sind, die den Figuren in diesem Roman widerfahren. Man ist der Zuhörer und ist es gern.

Diese Geschichte ist allerdings nicht nur eine Erzählung mit Rückblende, sondern gleichzeitig eine Liebesgeschichte von ungeahntem Ausmaß – man weiß als Leser von Anfang an, für wen Jules‘ Herz schlägt, doch man fiebert all die Lesezeit mit, ob seine Hoffnungen erfüllt werden, und falls das je der Fall sein sollte, wie sich das Ganze entwickelt.

Die 368 Seiten lesen sich trotz der zahlreichen Wendungen und der vielen Eindrücke, trotz der vielen Dinge, die man zwischen den Zeilen findet, sehr leicht und flüssig – möglicherweise sorgt auch der Sog des Romans dafür, dass man nur schwer die Lektüre unterbrechen kann und möchte. Damit hat sich das, was sich der Autor erhofft haben wird, zumindest für den Rezensenten bewahrheitet.

So nebenbei: Während der Lektüre kam dem Schreibknecht nicht selten der Gedanke, dass vorliegener Roman gut und gerne auch das Potenzial dazu hätte, als Miniserie oder kleine Filmreihe verfilmt zu werden – optimalerweise als deutsch-französische Produktion. Studiocanal oder arte, bitte übernehmen (falls es je dazu kommen sollte)!

Cover © Diogenes Verlag

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Wertung: 14/15 dpt

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Über den Autor

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Chris‘ Nerd-Schreibtisch

Gebürtiger Mannheimer. Jahrgang 1974. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Besessen von Büchern, Serien, Hörbüchern, Computerkram, Kaffee und Königsberger Klopsen. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.

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6 Kommentare zu "Benedict Wells – Vom Ende der Einsamkeit (Buch)"

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Viola
Besucher

Hallo Chris, ich habe deine Besprechung bei mir verlinkt, weil ich sie so gut gelungen finde.
http://literature-and-shirts.com/magazin/ostern-2016/
Liebe Grüße, Viola

Steffi
Besucher

Hallo Chris,

eine großartige Rezension zu einem großartigen Buch. Ich bin immer wieder begeistert, wie unterschiedlich die Zeilen von Rezensenten ausfallen können, obwohl sie die gleiche Botschaft tragen. „Vom Ende der Einsamkeit“ ist eine unglaublich berührende und tiefgründige Geschichte, die ich sehr genossen habe. Man glaubt kaum, dass mir bis dato seiner vorherigen Romane entgangen sind.

Liebe Grüße

Steffi

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Benedict Wells – Vom Ende der Einsamkeit (…

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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