Club der roten Bänder (Serie, 3DVD/2BD)

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Club der roten Bänder - Staffel 1 (Cover © Universum Film)Wenn sich die deutsche Kritik heutzutage auf eine deutsche Serie einigen kann, wird man ganz schnell hellhörig. In der Beziehung zwischen Zuschauenden und TV- Machern ist es in den letzten Jahren bekanntermaßen zu vielen Missverständnissen, aber eben auch zu zahlreichen offensichtlichen Fehlern auf Seiten der Programmgestaltung gekommen. Selbstverständlich wird es immer schwieriger, neue und innovative Ideen zu entwickeln, auch weil der Einfluss des US-amerikanischen Medienkosmos weltweit alles andere überstrahlt. Andererseits fehlt in Deutschland aber der Mut, auf neue Pferde zu setzen, Geld zu verbrennen, ja selbst dafür, unangenehme Themen aufzugreifen.

Das hat auch mit der deutschen Mentalität zu tun, die im Vergleich zur amerikanischen zu risikoscheu ist, was sich in anderen Lebensbereichen wiederum als Vorteil erweist. Aber selbst wenn die Amis aus der Rechnung herausgelassen werden, bleibt die deutsche Ausbeute der letzten Jahre ernüchternd, so etwas wie „The Returned“ haben wir hierzulande jedenfalls nicht gesehen. Doch wie soll die Zukunft aussehen? Werden Netflix und Amazon mit ihren neuen Möglichkeiten unsere Sehgewohnheiten verändern? Kann Qualität nur noch über Bezahlfernsehen nach dem Beispiel HBO finanziert werden (Stichwort: Weinberg)?

Club der roten Bänder - Staffel 1 (Foto © Universum Film/VOX/Martin Rottenkolber)Den Serienboom der letzten Jahre hat das Free-TV jedenfalls verpennt, stattdessen gibt es fast ausschließlich nur Formate, die spätestens auf den zweiten Blick ziemlich deutlich ihre Vorbilder zitieren, sei es ein Til Schweiger, der sich in Hollywood-Manier durch den „Tatort“ ballert oder ein Bastian Pastewka, der in „Morgen hör ich auf“ im Zeitraffer die Wandlung Walter Whites durchmacht. Dass eine Adaption durchaus gelingen kann, wenn denn eine gute Idee dahintersteht, lässt sich am „The Office“-Ableger „Stromberg“ ablesen, die gerade genannten Serien (oder Serienteile) sind hingegen nur als „ok“ bis „gut“ zu bezeichnen, vom Original sind beide weit entfernt.

Ob dasselbe auch für „Club der roten Bänder“ gilt, mag der Autor zwar nicht bewerten, dafür sind die Vorgänger in zahlreichen Ländern der Welt zu zahlreich und auch die Buchvorlage entzieht sich seiner Kenntnis. Was aber zu beobachten bleibt, ist zum Beispiel, dass selbst Hollywood in Person von Steven Spielberg schon vor 2013 das Potenzial des Stoffs erkannt und als „Red Band Society“ an den amerikanischen Markt mit mäßigem Erfolg (nach einer Staffel war Schluss) angepasst hat. Und der Trailer zeigt: Die Deutschen haben an der Rezeptur nicht allzu viel verändert.

Club der roten Bänder - Staffel 1 (Foto © Universum Film/VOX/Martin Rottenkolber)Hier und da ist zu erkennen, dass ein länderspezifisches Publikum angesprochen werden soll, die deutsche Version kommt aber fast immer ohne Bezüge zur Umgebung oder zu einer „deutschen Befindlichkeit“ aus. Natürlich spielt bei der knappen Variationsfreudigkeit auch eine Rolle, dass „Polseres vermelles“, die ursprüngliche, aus Spanien stammende Version auf dem Roman „Glückgeheimnisse aus der gelben Welt“ basiert und von dessen Autor Albert Espinosa geschrieben wurde. Beim Spanier wurde im Alter von 14 Jahren Knochenkrebs diagnostiziert, insgesamt kämpfte der junge Espinosa 10 Jahre gegen die Krankheit und verlor ein Bein, sowie jeweils einen Teil von Leber und Lunge. Seine Geschichte und seine lebensbejahende Ausstrahlung berühren und begeistern, heute ist er mit 42 so etwas wie ein Popstar.

Viele seiner Bücher bilden zwar nicht eins zu eins seine Geschichte ab, sie sind jedoch von seinen Erfahrungen geprägt und inspiriert. So kommt es, dass er in „Club der roten Bänder“ nicht nur in einer Person dargestellt ist, sondern in jedem Charakter ein Teil von ihm und seinen Freunden steckt. Auch durch die geäußerten Weisheiten, die Espinosa aus dem Krankenhausaufenthalt mitgenommen hat, bekommt die Serie etwas mehr Realitätshaftung, trotzdem muss sie alleine schon aufgrund des kürzeren Zeitraums, den sie abbildet, Kompromisse eingehen.  Das ist auch von den meisten anderen Serien bekannt, in Rosenheim kann es kaum so viele außergewöhnliche Mordfälle geben, dass die dortigen Cops auch nach Folge einhundert noch vor ein Rätsel gestellt werden.

Club der roten Bänder - Staffel 1 (Foto © Universum Film/VOX/Martin Rottenkolber)Nicht nur in ihrer Konstruktion gleichen sich „Club der roten Bänder“ und die US-Serie „Orange Is The New Black“. In die Welt des Krankenhauses werden wir durch Jonas eingeführt, einen hübschen und bis dahin kerngesunden Jugendlichen, auf den eine Chemotherapie und eine Beinamputation warten. Mit dem unerfahrenen Blick kann sich der Zuschauende identifizieren und lernt zusammen mit Jonas eine neue Welt kennen, die nach anderen Regeln funktioniert. Ebenfalls übernommen wurden von „OITNB“ die Flashbacks und eine Umgebung, die sich erweiterungsfreudig bezüglich neuer Charaktere zeigt. Nach und nach finden sich drei Dauerpatienten und drei Neuankömmlinge zusammen, aus der eine feste Gruppe entsteht.

Der Club der roten Bänder ist geboren, ein Verband aus kranken Körpern und Seelen, die je mit eigenen Problemen zu kämpfen haben und die außerhalb des Krankenhauses wahrscheinlich nie zusammengefunden hätten. Es ist nicht nur der Altersunterschied, die Palette reicht von „cool“ über „Arschloch“ bis Autist, zusammengeschweißt von der Isolation, die noch eine ganze Weile vorhalten wird. Die Message dahinter ist klar: Für diese relativ kurze Zeit braucht es Freunde und Ziele, an denen man sich festkrallen kann. Dass die von der Serie gezeigte, idealisierte Welt dadurch etwas realistischer, dass die Patienten nur eine relativ kurze Zeit zusammen sein werden, können die Macher an einigen Stellen ins Gedächtnis rufen, die wirklich harten Momente bleiben dann aber doch zu flüchtig und werden zu schnell durch positive Ereignisse wieder wett gemacht. Hier wäre es vielleicht konsequent gewesen, nur eine Staffel zu drehen oder einfach nur den humanistischen Ansatz etwas ernster zu nehmen, denn was verbindet die Menschen mehr als Krankheit und Tod?

Club der roten Bänder - Staffel 1 (Foto © Universum Film/VOX/Martin Rottenkolber)Staffel zwei ist aber schon in der Mache und wird immerhin durch einige Plottwists gerechtfertigt. Auch hier gibt es eine Überschneidung zu „OITNB“, denn vieles, was bislang angesprochen und gezeigt wurde, könnte sich später als solide Basis entpuppen und vielleicht lösen sich sogar einige Schwächen auf. Bisher bringen sich die Drehbuchschreiber beispielsweise mit einigen Szenen in Bedrängnis, die sich um den im Koma liegenden Erzähler Hugo drehen, denn nicht alle um ihn herum geschriebenen Ereignisse sind mit seinem Zustand zu erklären. Außerdem wird den Jungs und dem Mädel von den Ärztinnen und Ärzten viel zu viel durchgelassen, was vor allem deswegen schwierig ist, weil sie ja nicht die einzigen Patienten auf dieser Station sind. Es wird zum Beispiel kaum thematisiert, wie sich diejenigen fühlen, die eben nicht zum Club gehören.

Außerdem fehlt es oftmals an Erzählsträngen, die die Geschichte weitertreiben und nicht nur der jeweiligen Folge helfen. Das wird vor allem dann offensichtlich, wenn Geschehnisse, die zuvor noch von essenzieller Bedeutung waren, teilweise überhaupt nicht mehr aufgegriffen werden. Hier und da hätte das zehn Folgen umfassende Skript also noch einmal überarbeitet werden können, was auch für manch einen Dialog gilt, der zu vorhersehbar und ungelenk bleibt. Einerseits sollen Klischees ein Stück weit den Alltag abbilden und die Verständlichkeit für die jungen Zuschauer erleichtern, sie verdecken aber andererseits das schauspielerische Talent, über das die Nachwuchsstars verfügen. Heraus stechen Luise Belfort, die die magersüchtige Emma spielt, Nick Julius Schuck, der „Koma-Junge“ Hugo und vor allem der charismatische Tim Oliver Schultz, dessen Figur Leo das gleiche Schicksal wie Jonas ereilt hat. Für alle jungen, aber auch für die älteren Schauspielerinnen und Schauspieler könnte die Serie zum Sprungbrett werden, was nicht die einzige gute Nachricht bleibt.

In anderen Ländern hat die Serie beispielsweise dazu geführt, dass die Besuchszahlen von Verwandten und Angehörigen kranker Kinder und Jugendlichen angestiegen sind und auch darüber hinaus die Aufmerksamkeit für die Thematik gestiegen ist. Und es stimmt, trotz der Masse an Krankenhausserien kommt es selten vor, dass junge, kranke Menschen und deren Probleme, Ängste und Sorgen die Hauptrolle spielen. Es werden durchaus harte Szenen gezeigt und auch gewisse psychische Mechanismen werden wahrheitsgetreu ausgeführt, denn die heile Welt, die sich der Club aufbaut, hat nichts mit dem Alltag zu tun. Aber das alles hätte noch konsequenter dargestellt werden können.

Club der roten Bänder - Staffel 1 (Foto © Universum Film/VOX/Martin Rottenkolber)Das gilt ebenso für die Charaktere, die als tiefgründig erlebt werden sollen, was aber nicht so gut funktioniert, wie es hätte sein können. Zu oft sind die Macher damit beschäftigt die Erzählstränge möglichst effektvoll zusammenzuführen, anstatt hier und da etwas mehr Zeit für Entfaltung zu lassen. Das führt auch dazu, dass die Figuren relativ schnell auf den Punkt kommen müssen und über eine Selbstreflexion verfügen, die jegliche psychologische Arbeit überflüssig macht.  Der Club soll ja auch Hilfe zur Selbsthilfe und Patienten im realen Leben Mut machen, jedoch bleibt das Leben in „Club der roten Bänder“ kein sonderlich realitätsnahes, manchmal fehlt das nötige Feingefühl, um grobe Schnitzer zu vermeiden. Der mit einer schwachen Form von Autismus belastete Toni (Ivo Kortlang) braucht einerseits Karten, um Gefühle zu erkennen, weiß aber ziemlich genau, was er wann zu sagen hat, wenn die anderen eine seelische Streicheleinheit brauchen.

Aber immerhin hat sich ein Sender wie VOX ein Herz genommen und ist fernab von der abdämpfenden Kraft der Rundfunkgebühren ein „Risiko“ eingegangen, das sich (gemessen an den Einschaltquoten) ausgezahlt hat. Das zeigt auch, dass „Club der roten Bänder“ nicht nur für Heranwachsende gemacht ist, sondern ein breites Publikum anspricht und ihm bewegende Momente zutraut. Wenn das der Dosenöffner war, den das deutsche Fernsehen gebraucht hat, dann können wir uns bei der Serie bedanken, so bleibt „Club der roten Bänder“ eine für deutsche Verhältnisse gute Serie, die aber noch deutlich mehr sein könnte.

FAZIT: „Club der roten Bänder“ wird derzeit mit Lob überhäuft und für deutsche Verhältnisse ist die Serie tatsächlich von einer guten Qualität, die das deutsche Fernsehen in eine bedeutsamere Richtung lenken könnte, auch wenn sie nur eine Adaption ist. Es fehlt allerdings an Konsequenz, Mut und Sensibilität, womit deutlich mehr zu erreichen wäre. So stolpert die Serie über sich selbst, weil sie ihren eigenen Ansprüchen nicht immer gerecht wird, zu selten bleiben die dunklen Momente dunkel. Nun dürfte ein bedeutender Teil der Zielgruppe minderjährig sein, trotzdem würde es nicht schaden manch kantige Lebenslektion mit etwas weniger Watte abzurunden.

P.S.: Ein Anreiz für die Anschaffung der Heimvideoversion: eine knapp neunzigminütige Dokumentation über die Serie und Albert Espinosa.

Cover © Universum Film/VOX
Pics © Universum Film/VOX/Martin Rottenkolber

  • Titel: Club der roten Bänder
  • Produktionsland und -jahr: D, 2015
  • Genre:
    Drama
    Comedy
    Krankenhaus
    Kinder/Jugendlich
  • Erschienen: 29.01.2016
  • Label: Universum Film
  • Spielzeit:
    463 Minuten auf 3 DVDs
    463 Minuten auf 2 Blu-Rays
  • Darsteller:
    Luise Befort
    Ivo Kortlang
    Timur Bartels
    Damian Hardung
    Nick Julius Schuck
    Tim Oliver Schultz
    u.v.m.
  • Regie: Felix Binder
    Andreas Menck
    Richard Huber
    Sabine Bernardi
  • Extras: Club der roten Bänder – Eine Geschichte bewegt die Welt (ca. 90 Minuten)
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    1,78:1 (16:9 anamorph)
    Sprachen/Ton
    :
    D
    Untertitel:
    D
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    1,78:1 (1080i/25)
    Sprachen/Ton
    :
    D
    Untertitel:
    D
  • FSK: 12
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

Wertung: 10/15 dpt

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Über den Autor

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Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht so genau, wer ich bin. Vielleicht liegt es am Studium, an der Postmoderne, am Internet, am Erwachsensein oder dem unendlichen Schwall an Informationen, aber in den letzten Jahren hab ich mich doch sehr verändert. Klar, die Rahmendaten bleiben: Ich heiße Norman, bin Anfang 20 und wohne im Ruhrgebiet. Dann aber wird es schon schwieriger:

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von Norman R Artikel-Lesezeit: ca. 7 min
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