Der Marsianer (Spielfilm, DVD/Blu-ray)

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Der Marsianer (DVD Cover © 20th Century Fox Home Entertainment)Matt Damon im All? Kommt einem bekannt vor. Matt Damon muss gerettet werden? Ist schon öfter passiert. Matt Damon muss aus dem All gerettet werden? Ja, auch das gab es schon einmal. Das ruft uns der „Honest Trailer“ zu „Der Marsianer – Rettet Mark Watney“ passenderweise ins Gedächtnis, denn irgendwie stellt sich schon fast ein heimeliges Gefühl ein, wenn Ridley Scott seinen Hauptdarsteller vor einer Science Fiction-Kulisse ums Überleben kämpfen lässt.

Dieser Effekt ist jedoch durchaus gewollt, so lassen sich zumindest die weiteren Stilmittel erklären. Ob der Film tatsächlich als Komödie durchgeht, so wie es die Golden Globes handhabten (um ihm erfolgreich bessere Chancen auf den Gewinn von Preisen einräumen zu können), darf zwar bezweifelt werden, trotzdem spricht der ironische Einsatz von Musik und die hohe Zahl an lustigen One-Linern für einen lockeren Umgang mit der Materie. Dabei sieht es zu Beginn gar nicht so gut aus für Mark Watney.

Der Marsianer 5 © 20th Century Fox Home Entertainment2035: Matt Damons Charakter ist mit fünf Kolleginnen und Kollegen auf einer Marsmission, als ihre Untersuchungen von einem gigantischen Sturm unterbrochen werden. Watney wird von einem herumfliegenden Teil des Raumschiffs getroffen und nach einer kurzen, von der Heftigkeit der Sturms eingeschränkten Suche von Kommandantin Melissa Lewis (Jessica Chastain) aufgegeben. Der Astronaut und Botaniker wird für tot erklärt, die restliche Crew bricht zu ihrer Heimreise zur Erde auf. Doch Watney überlebt wie durch ein Wunder, wird aber gleich vor weitere Probleme gestellt, die ihn in den folgenden Zeit immer wieder an den Rand seiner physischen und psychischen Belastbarkeit bringen.

Doch gerade der letzte Punkt kommt in „Der Marsianer“ nicht richtig zur Geltung. An Matt Damon liegt es nicht, denn er macht mit seinem variantenreichen Spiel aus Mark Watney eine charismatische und lebensbejahende (oder einfach nur gut ausgebildete?) Person, die ihre Verzweiflung mit sehr viel Humor bekämpft. Vielmehr liegt es an der Machart des Films, an der Abdämpfung des Leids durch die Wohlfühlatmosphäre eines Blockbusters. Passiert etwas Negatives, ist die nächste gute Nachricht nicht weit, ist etwas nicht so angenehm, wird es einfach nicht in der angemessenen Ausführlichkeit gezeigt.

Der Marsianer 3 © 20th Century Fox Home EntertainmentIm Extremfall hätte „Der Marsianer“ ähnlich wie „Moon“ als Ein-Mann-Show inszeniert werden müssen, denn die spannendste Perspektive ist die Mark Watneys. Anstatt sich der bedrückenden Isolation und dem Umgang mit ihr zu widmen, werden auch die Reaktionen der Crew, sowie die der NASA-Zentrale und schließlich der ganzen Welt gezeigt. So kommt zwar ein ansehnlicher Cast zusammen und auch die moralisch-ethischen Fragen sind von Bedeutung, doch oft fehlt es an der Betonung der zahlreichen Widersprüche, in denen sich die Menschheit befindet.

Das kann sicher auch Andy Weir vorgeworfen werden, dessen gleichnamige Novelle als Vorlage dient. Es fehlt beispielsweise völlig die Überlegung, was die ganze Rettungsaktion kostet, bei der milliardenschwere Gerätschaften beschädigt, zerstört und überansprucht werden, ganz zu schweigen von der Verschmutzung des Planeten Mars. Selbstredend soll die Rettung zutiefst humanistische Botschaften verbreiten. In diesem Punkt gleichen sich „Der Marsianer“ und der Christopher Nolan-Film „Interstellar“, denn in beiden steht das Überleben des Menschen im Vordergrund, koste es, was es wolle. Ganz unfreiwillig zeigt die Geschichte aber auch die andere Seite des Humanismus: pure Irrationalität.

Der Marsianer 1 © 20th Century Fox Home EntertainmentHochrangige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, vielleicht die intelligentesten Menschen der Erde, lassen sich von ihren Gefühlen leiten, stellen die Aktion selbst über die wichtigsten Sicherheitsvorschriften, um einen Menschen zu retten, der auf einem anderen Planeten festsitzt. Wie viel ein Menschenleben wert ist, das ist eine Frage, mit der sich die Philosophie immerzu auseinandersetzt, vor allem wenn dadurch noch weitere Menschenleben aufs Spiel gesetzt werden, nur steht diese Frage nie ernsthaft im Raum. Ganz im Gegenteil fiebert die Weltbevölkerung mit, die Rettung wird zum Event, die NASA zur unhinterfragten Instanz.

Deswegen bleibt beispielsweise die Überlegung aus, wer denn nun das alles finanziert und dem vorgeschaltet, wie es eigentlich passieren konnte, dass nun über diese Situation zu entscheiden ist. Nirgendwo übt die Weltbevölkerung Widerstand, niemand fragt nach, warum die Milliarden denn nicht lieber anders eingesetzt werden sollten, und das, obwohl der Film nicht einmal eine Information darüber abgibt, was der Hintergrund der Mission ist. Dass sich ein Mensch wie „Interstellar“ für die Menschheit opfern will, ist durchaus ein nobles Motiv (auch wenn nicht ganz klar wird, woher die Liebe für seine den Planet verschmutzenden Mitmenschen kommt), doch der Ares III-Mission zum Mars geht es vermutlich „nur“ um Forschung. Ohne Kontext bleibt es schleierhaft, warum die NASA nicht einmal kritisiert wird, obwohl sie sich in ihrer Außendarstellung nicht gerade souverän gibt.

Der Marsianer 2 © 20th Century Fox Home EntertainmentDas alles nimmt dem Stoff an Sprengkraft, und obwohl Scott versucht nach allen Regeln der Kunst Spannung aufzubauen, fehlt immerzu das Gefühl, dass etwas schief gehen könnte. Das mag aber vielleicht auch daran liegen, dass am Ende so viele Zufälle und glückliche Fügungen zusammengekommen sind, dass der Film ohnehin nur als Utopie zu verstehen ist. Das allerdings steht in starkem Kontrast zum starken Realitätsbezug, was die wissenschaftlichen Details angeht. Die Verbindung zu einer großen Survivalgeschichte mag übertrieben sein, doch wenn selbst Neil deGrasse Tyson, unser aller Lieblingskosmologe, hinter dem Projekt steht, haben Autor und Filmemacher bei der Darstellung einer Marsmission alles richtig gemacht. Folglich kann der Zuschauer auch noch etwas über Raumfahrt lernen und wird für ihre Aufgabe sensibilisiert. Rein visuell wird „Gravity“ wohl für einige Jahre den Maßstab darstellen, doch aus den 108 Millionen US-Dollar hat die „Der Marsianer“-Crew einen ansehnlichen Film gemacht.

Katastrophal ist der Film keineswegs, auch in anderen Hinsichten nicht. Der Cast ist namhaft und findet eine gute Mischung aus Newcomern und gestandenen Stars, doch bis auf Matt Damon zeigt keiner eine herausragende Leistung, auch weil die Rollen es nicht hergeben. Besonders bitter ist das für Kristen Wiig, der US-amerikanischen Komödiantin, deren Figur Annie Montrose nicht mehr sein darf als eine blasse Stichwortgeberin, bei der man sich fragt, wie sie es bis in die höchste Abteilung der NASA geschafft hat. Schön ist auch, dass Geschlecht und Rasse nicht thematisiert werden und das traditionell angespannte Verhältnis zu China humorvoll eingebunden wird.

Der Marsianer 4 © 20th Century Fox Home EntertainmentDoch am Ende bleiben die Macher fast ausschließlich auf der sicheren Seite und haben einen durch und durch amerikanischen Blockbuster produziert, der viele Chancen liegen lässt. Das macht den Film zwar zum besten von Ridley Scott seit „American Gangster“ aus dem Jahr 2007 und viel angenehmer als das verkrampfte Alien-Prequel „Prometheus“. In einer böseren Lesart könnte man „Der Marsianer“ aber durchaus als NASA-Werbefilm kritisieren, der gekonnt die Schattenseiten auslässt. Dadurch bekommen die lustigen Filmchen aus dem Bonusmaterial eine weniger lustige Facette hinzugefügt, das Ende bekommt sogar einen Beigeschmack, der besonders bitter ist, weil er so sicher nicht eingeplant war: Die Blendung der Massen.

FAZIT: Ja, „Der Marsianer“ ist der beste Ridley Scott-Film seit acht Jahren und ein gut gemachter Science-Fiction-Blockbuster, der seine Hausaufgaben gemacht hat: Er sieht gut aus, er beherrscht das Genre-Einmaleins und hat die wissenschaftlichen Details realitätsnah dargestellt. Doch ganz wie es das Klischee es will, fehlt dem Film die Grenzüberschreitung, der Mut und die Inkaufnahme von Risiken. Im besten Fall bleibt der Plot vorhersehbar und der fachmännisch konstruierte Spannungsbogen flach, gräbt man aber etwas tiefer, kommt es jedoch zu tieferliegenden Problemen, die ihrerseits am Realitätsbezug nagen und ein fragwürdiges Menschenbild zeichnen. Deswegen bleibt „Der Marsianer“ ein berechenbarer, zahmer und risikoscheuer Streifen, der ironischerweise aber genau deswegen unvorsichtig wird und positioniert sich (wahrscheinlich) ungewollt dann doch.

  • Titel: Der Marsianer – Rettet Mark Watney
  • Originaltitel: The Martian
  • Produktionsland und -jahr: USA, 2015
  • Genre:
    Science Fiction
    Drama
    Comedy
  • Erschienen: 18.02.2016
  • Label: 20th Century Fox Home Entertainment
  • Spielzeit:
    142 Minuten auf 1 DVD
    142 Minuten auf 1 Blu-ray
  • Darsteller:
    Matt Damon
    Jessica Chastain
    Michael Peña
    Kate Mara
    Kristen Wiig
    Jeff Daniels
    Aksel Hennie
    Chiwetel Ejiofor
    Sean Bean
    Donald Glover
    Mackenzie Davis
  • Regie: Ridley Scott
  • Drehbuch: Drew Goddard
  • Kamera: Dariusz Wolski
  • Schnitt: Pietro Scalia
  • Musik: Harry Gregson-Williams
  • Extras:
    Spaß am Set
    Ares III: Abschied von der Erde
    Ares III: Nach der Isolation
    Das Ares-Programm: Unser größtes Abenteuer
    Ares III: Astronautentraining
    Ares III: Bringt ihn heim!
    Original Kinotrailer
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    16:9, 2.40:1
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB
    Untertitel:
     D, GB
  • Technische Details (Blu-ray)
    Video:
    16:9, 2.40:1
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB, TK…
    Untertitel:
    D, GB, TK
  • FSK: 12
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

Wertung: 10/15 dpt

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Über den Autor

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Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht so genau, wer ich bin. Vielleicht liegt es am Studium, an der Postmoderne, am Internet, am Erwachsensein oder dem unendlichen Schwall an Informationen, aber in den letzten Jahren hab ich mich doch sehr verändert. Klar, die Rahmendaten bleiben: Ich heiße Norman, bin Anfang 20 und wohne im Ruhrgebiet. Dann aber wird es schon schwieriger:

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Der Marsianer (Spielfilm, DVD/Blu-ray)

von Norman R Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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