Malla Nunn – Tal des Schweigens (Buch)

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1207_Nunn_Tal-des-Schweigens_300dpiEndlich mehr von Malla Nunn. Mit ihrem dritten Roman um Detective Sergeant Emmanuel Cooper und seinem, nunmehr von Beginn an, Partner Shabalala ist sie beim Argument-Verlag untergekommen. In der „ariadne kriminalroman“-Sektion erscheint „Tal des Schweigens“ gleich als Taschenbuch, ansprechend übersetzt von Herausgeberin Else Laudan und Boris Szelinski.

Emmanuel Cooper, der Polizist mit dunkelhäutigen Vorfahren, der dank seines fürsorglichen Vorgesetzten van Niekerk wieder ohne Einschränkungen ausweisen kann, steckt 1953 trotzdem auf einem Abstellgleis fest. Bis ihn van Niekerk eines Nachts auf einen Fall in der Provinz ansetzt. Eine junge, attraktive Zulu-Häuptlingstochter ist ermordet worden. Cooper und sein Freund und Partner Shabalala, ebenfalls Angehöriger der Zulu, sollen ermitteln, um ihre Reputation auch nach außen hin zu verbessern. Es dauert nicht lang und der Dritte im Bunde, der deutsch-jüdische Arzt Zweigman ist auch mit von der Partie. Van Niekerk spinnt seine Fäden, während Cooper mit der heimlichen Geliebten seines Chefs schläft. Doch weil van Niekerk genau weiß, was er an den hartnäckigen und genauen Ermittlern Cooper und Shabalala hat, hält er schützend seine Hand über die Beiden. So weit seine Machtposition reicht.

Denn natürlich rückt Cooper einer einflussreichen Person zu nah auf die Pelle und soll abkommandiert werden. Als ob das einen Emmanuel Cooper auf der Pirsch stoppen könnte. Er hat weit Schlimmeres durchgemacht und weiß sich trickreich gegen den Ausschluss zu wehren. Er bleibt an dem Fall dran und schafft es diesmal (fast) ohne körperliche Blessuren bis ans Ende des Romans.

Malla Nunn bleibt ihrem Thema treu und variiert es so poetisch wie spannend. Der gesetzlich angeordnete Rassismus herrscht auch in den Drakensbergen, vier Stunden von Durban entfernt. Es gibt allerdings nicht nur klare Abgrenzungen zwischen Schwarz und Weiß, sondern auch zwischen neureichen Engländern und schwächer aufgestellten Afrikaanern. Freigeist ist der junge Gabriel Reed, der durch die Landschaft streunt, Kleinigkeiten stiehlt und die Menschen, denen er begegnet, mit charakterisierenden Spitznamen belegt. Die Zulu sehen ihn auf dem Weg zum Seher und Heiler, der Junge, der „Ukuthwasa“ leidet, „eine Verwirrung des Verstandes“.  In der weißen Kommune gilt er als verrückter Dieb, aber mit einflussreicher Familie im Hintergrund, weshalb er ohne große Probleme zu bekommen, die Schule schwänzen und herumstromern darf. Er ist eng mit der jungen Amahle verbandelt, dem Mordopfer, und entwickelt sich vom Verdächtigen zu Emmanuels und Shabalalas Adlatus.  

Gabriel ist der reine Narr, der Cooper sehen und verstehen lernen hilft, der genau erkennt, was hinter den Fassaden der Menschen vor sich geht. Malla Nunn beschreibt eine Gesellschaft in der Rassismus, Ressentiments und Vorurteile so tief verwurzelt sind, dass Obsessionen, Wünsche und Begehren  nur heimlich und mit schlechtem Gewissen ausgelebt werden können. Dabei geht sie nie platt belehrend vor, sondern integriert all diese Bestandteile in eine spannende Kriminalhandlung, deren politische Brisanz darin gipfelt, dass sie anscheinend gar keine besitzt.

Cooper und Shabalala ermitteln gegen äußere Widerstände bis zum bitteren Ende, was sie Kopf und Kragen kosten könnte. Nur falls das Ermittlungsergebnis den politischen und gesellschaftlichen Vorgaben gehorcht, haben die Beiden eine Zukunft. Die wahre Aufgabe der Polizei – in Gestalt der unfähigen Beamten Ellicot und Hargrave sowie des dumpfen Constables Bagley, ist die Wahrung der herrschenden Zustände. Das stellt Nunn unmissverständlich aber ganz Genre-affin dar. Diese Kunst beherrscht sie mittlerweile perfekt, Historie, Gesellschaftskritik und Krimihandlung zu verweben und zu bündeln, und dabei klar durchblicken zu lassen, welche Auswirkungen die Verwurzelung im Rassismus auf die Gegenwart hat.

Gleichzeitig vermeidet  Nunn einen „umgekehrten Rassismus“. Weiß ist nicht per se schlecht und schwarz gut. Gerade Amahles Familienclan ist durchsetzt von politischer Ranküne, Eigeninteressen, Neid und Missgunst.  So finden sich Cooper, Shabalala und ihre Freund, Arzt und Pathologe Zweigman zwischen mehreren Fronten wieder. Mit Frontverläufen kennt sich Emmanuel Cooper sehr gut aus, sie haben ihn geprägt. So sehr, dass sich sein imaginierter Sergeant Major als Rat- und Befehlsgeber öfter zu Wort meldet.

Eine hochinteressante (Neben)-Figur ist zudem die Ärztin Dr. Margaret Daglish, die im Laufe der Handlung eine Emanzipation durchmacht und sich vom zögerlichen Heimchen zur selbstbewussten Frau entwickelt.

Schlussendlich  ist „Tal des Schweigens“,  trotz aller beschriebenen, vorherrschenden Repressionen und der düsteren, traurigen Mordgeschichte, das bisher versöhnlichste Buch Malla Nunns.

Cover © argument/ariadne kriminalroman

  • Autor: Malla Nunn
  • Titel: Tal des Schweigens
  • Originaltitel: Silent Valley (Australien)/Blessed Are The Dead (GB,USA)
  • Teil/Band der Emmanuel Cooper-Reihe: 3
  • Übersetzer: Else Laudan
    Boris Szelinski
  • Verlag: Argument Verlag und Ariadne
  • Erschienen: 11/2015
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 310
  • ISBN: 978-3867542074
  • Sprache: Englisch
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 12/15 dpt

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Über den Autor

Jochen König

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Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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Malla Nunn – Tal des Schweigens (Buch)

von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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