Dr. Linda Papadopoulos – Es ist MEIN Leben! (Buch)

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Dr. Linda Papadopoulos - Es ist MEIN Leben! (Cover © Goldmann Verlag)Es gibt Tage, an denen spielt einem das Leben in die Karten. 48 Stunden zuvor hatte der Autor dieser Zeilen „Die Unterdrückung der Männer“ von Jan Deichmohle bestellt (für die Hintergründe siehe die dazugehörige Kritik) und hatte gar nicht mehr daran gedacht, dass ungefähr zur gleichen Zeit das hier zur Diskussion stehende Buch ankommen müsste, für das vor einigen Wochen eine Anfrage an den Verlag ging. Unfreiwillig musste die Post eine Doppellieferung zustellen, dessen Inhalt kaum widersprüchlicher hätte sein können. „Ladies first“ wäre an dieser Stelle wohl die unpassendste Floskel, die man sich vorstellen kann, aber beginnen wir trotzdem mit der weiblichen Sicht.

 „Es ist MEIN Leben! – Wie junge Frauen sich von Erwartungsdruck und Perfektionswahn befreien“ (im Original etwas zurückhaltender mit „Whose Life Is It Anyway?: Living through your 20s on your own terms“ betitelt) ist der treffende Titel für ein Buch, das sich eine Menge vornimmt. Linda Papadopoulos wurde im kanadischen Toronto geboren, ist griechisch-zypriotischer Abstammung, lebt in Großbritannien (Kader Loth spräche von einer “Kosmopolitesse“), ist Doktorin der Psychologie, tritt regelmäßig im Fernsehen auf, schreibt Kolumnen, sieht mit ihren 45 Jahren aus wie ein Model in den besten Jahren und ist zu allem Überfluss auch noch stolze Mutter. Wie kann diese Frau, deren Leben an gesellschaftlichen Maßstäben gemessen als „perfekt“ zu bezeichnen ist, guten Gewissens ein solches Buch schreiben?

Wohl am ehesten, weil ihre Profession eine gewisse Objektivierung zulässt, denn zum einen liegen ihre „Tweens“ schon zwanzig Jahre zurück, zum anderen können die Beispiele aus ihrem Alltag (auch sie fühlt sich manchmal überfordert) junge Frauen nur wenig beruhigen. An diese richtet sich Papadopoulos mit einem Buch, das an vielen Stellen in typischer Ratgebermanier daherkommt. Das ist sicherlich gut gemeint, so ganz funktioniert das gerade zu Beginn der rund zweihundertsechzig Seiten Text nicht. Die Zielgruppe besteht wohlgemerkt aus Frauen in ihren Zwanzigern, mit einer hohen Wahrscheinlichkeit sind sie mit feministischen Positionen vertraut und stehen sogar für sie ein. Die Autorin hätte ihren Leserinnen also ruhig mehr zutrauen und etwas von der Vereinfachung wissenschaftlicher Erkenntnisse abrücken können, dann hätten die Seiten, die in Binsenweisheiten wie „niemand ist perfekt“ und „Äußerlichkeiten sind nicht wichtig“ münden, besser genutzt werden können.

Ab Seite 79 werden die Ansichten nämlich etwas spannender, die Studien etwas reichhaltiger und aktueller. Manch ein Zusammenhang, den Papadopoulos im Umgang mit dem Internet und insbesondere den sozialen Medien und der veränderten Form der Pornografie beschreibt, könnten bei manch junger Frau sogar tatsächlich für einen Aha-Effekt und eine Art „Aufklärung“ sorgen. Viel mehr darf man von dem Buch allerdings nicht erwarten, hauptsächlich fasst die Psychologin Studien ihrer Kolleginnen und Kollegen zusammen und verfällt immer wieder der puren Reproduktion allgemein bekannter Ratschläge, nur vereinzelt lässt sie ihre eigenen Forschungsergebnisse einfließen. Dessen ist sich Papadopoulos bewusst (deswegen ist es ein Ratgeber und keine wissenschaftliche Arbeit), nur hätte sie entweder ihre Zielgruppe sicherer ansprechen oder eine jüngere wählen sollen, denn mit Anfang 20 ist frau ja schon mitten in dem von ihr beschriebenen Strudel.

„Erwachsenenthemen“ wie „quarterlife crisis“, „Singledasein“ und „(k)einen Job finden“ treten erst im hinteren Teil des Buches auf und hätten vielleicht mehr Platz bekommen, wenn noch einmal Altersunterscheidung vorgenommen worden wäre. Es ist selbstredend nicht schädlich, wenn auch Jüngere etwas von den Problemen lesen, die sie wahrscheinlich erwarten, ihre Probleme unterscheiden sich jedoch logischerweise in großem Maße von denen, die fünf oder neun Jahre ältere Geschlechtsgenossinnen betreffen. Noch mehr stört aber, dass Papadopoulos ausschließlich junge Frauen anspricht, sich aber gleichzeitig als eine Feministin versteht, die neue Wege gehen will. Sie will nicht die Ziele der ersten Wellen weiterführen, sondern auf den Erfolgen ebendieser aufbauen, um wirkliche Gleichberechtigung zu erreichen.

Doch die Psychologin vergisst in dieser Rechnung allzu häufig die jungen Männer und ihre Probleme darzustellen, sie sind nur dann von Interesse, wenn das typisch Weibliche herausgestellt werden soll. Wie aber kann Gleichberechtigung ein Ziel des eigenen Tuns sein, wenn am Ende gesellschaftliche Rollen, reproduziert werden, die an nichts anderes als an das Geschlecht gebunden sind? Natürlich gibt es Unterschiede zwischen den Geschlechtern, aber die meisten davon sind sozial konstruiert. Erst wenn man sich dessen bewusst wird und in vielen Erwartungen eine gewisse Willkürlichkeit erkennt, dann lassen sich die Bilder von Mann und Frau zugunsten einer besseren Gesellschaft formen.

Doch Papadopoulos versäumt es, auf die Genderforschung hinzuweisen, stattdessen geht nicht nur sie davon aus, dass Herausforderungen wie die des Perfektionismus oder des Schönheitswahns typisch weibliche sind und auch, dass Frauen generell anders mit Krisensituationen wie der Jobsuche umgehen als Männer. Dass Männer Anfang 20 ebenso mit Unsicherheiten in Sachen Sexualität und Schönheitsdenken zu tun haben, wird jedoch gerne unterschlagen. Andererseits führt das alles im Extremfall dazu, dass Männer als „feminisiert“ gelten, weil sie Haushaltsaufgaben übernehmen oder sich introvertiert geben, andersherum gelten Frauen als „Mannsweiber“, wenn sie nicht gewissen Schönheitsidealen entsprechen oder Bier trinkend Fußball gucken. Natürlich brauchen wir gewisse Kategorien, um uns zu orientieren, um eine grobe Idee zu bekommen, was wir von anderen erwarten können und um nicht den Überblick zu verlieren,  aber ist dieser Argumentationsschritt im Jahr 2016 nicht schon längst zur Selbstverständlichkeit geworden?

Mit diesem Thema setzt sich die Kritik zu „Die Unterdrückung der Männer“ ausführlicher auseinander, trotzdem stellt sich schon hier die Frage, ob wir nicht andere Dinge in den Fokus nehmen sollten, um die Debatte sinnvoll weiterzubringen. Es ist egal, ob männlich oder weiblich, Verwirrung und Unsicherheit betreffen alle jungen und wahrscheinlich auch die meisten alten Menschen (vielleicht auch eine Rollenzuschreibung: irgendwann darf man sich nicht mehr unsicher zeigen und ist dann erwachsen), da ist ein Buch, das das Geschlecht wieder zu einem Thema macht, völlig fehl am Platz. Jeder psychologische Ratgeber gibt als Idealzustand für ein glückliches Leben an, dass wir so sein sollen, wie wir sein wollen. Aber wie kommen wir an diesen Punkt, wenn vorher schon von allen Seiten unsere Möglichkeiten beschnitten werden, und zwar nur aus dem Grund, weil wir Männchen oder Weibchen sind?

Papadopoulos scheint dies über weite Strecken des Buches nicht mitzudenken oder auszuklammern, und wenn sie es doch tut, dann empfiehlt sie ihren Leserinnen, ihre Rolle als Frau zu finden. Doch wie soll das funktionieren, wenn nicht auch die männliche Seite beleuchtet wird und sich mit den Gemeinsamkeiten und Unterschieden beschäftigt? Man könnte in Deichmohles Worten von einer „schiefen Wahrnehmung“ sprechen, nur meint der Autor damit etwas anderes. Der Mann wird heutzutage nicht per se verteufelt und durch „Genderideologie“ unterdrückt, es gibt einfach nur noch immer Feministinnen und Feministen, die nicht verstehen, dass Gleichberechtigung nicht dadurch erreicht wird, dass Frauen ausschließlich über Frauen reden und auch nicht dadurch, dass Frauen in welcher Form auch immer Männer unterdrücken, um einen „Ausgleich“ zu schaffen.

Auch wenn wir in diesem Fall von einer Minderheit ausgehen, scheint auch der gesamtgesellschaftliche Diskurs nur langsam voranzukommen oder sogar in alte Muster zurückzufallen. Anders ist es nicht zu erklären, dass junge Mädchen immer noch Männerbildern verfallen, die mit Ideen der Ausnutzung und Unterdrückung spielen und mit denen Popstars Millionen verdienen und wir vom „Unisex-Ü-Ei“ erst vor Kurzem zu unterschiedlichen Versionen für Jungen und Mädchen gekommen sind. Dialog ist das Stichwort und Frau Papadopoulos hat auch darüber geschrieben, allerdings mit einem starken weiblichen Bias und mit Titeln wie „The Man Manual“, „What Men Say, What Women Hear“, die stark an Mario Barth erinnern. Man könnte dabei von Pragmatismus sprechen, Guides für das Leben, weil es nun mal so ist und sich nur schwerlich etwas verändert, nur widerspricht das Papadopoulos‘ Rolle als Feministin, die ohne den Willen zur Veränderung nun einmal nicht auskommt.

Wem das bis jetzt Niedergeschriebene nicht von seinem Interesse abbringt, sollte sich dennoch vor Augen führen, dass Papadopoulos zwar dem Anspruch gerecht wird, populär zu schreiben, schlussendlich aber zu selten betont, worauf es wirklich ankommt und was den Leserinnen am ehesten als Denkanstoß dienen könnte. Wer sein Buch mit zehn profanen Carpe Diem-Tipps beschließt, mag im besten Falle als lebensbejahende, gutmeinende Persönlichkeit gelten, ob sie mit ihrem leicht naiven, die wirklichen Schattenseiten völlig ausblendenden Ansatz tatsächlich jungen Frauen helfen kann und ob sie ihrer Profession damit gerecht wird, darf bezweifelt werden.

FAZIT: Die Psychologiedoktorin Linda Papadopoulos möchte mit ihrem neuen Buch „Es ist MEIN Leben!“ Frauen in ihren Zwanzigern helfen, ihr Leben in den Griff zu bekommen, scheitert jedoch an der Aufgabe ihr Wissen zu verpopularisieren. Über weite Teile ist das Werk profan und kann nur das unterstreichen, was wir alle schon tausend Mal gehört haben. Viel zu selten werden neue Phänomene angesprochen und ihre Wichtigkeit im Leben junger Menschen unterstrichen, außerdem werden Gender- und Feminismus-Fragen nur am Rande behandelt. Nicht nur daran ist zur erkennen, dass Papadopoulos keinen richtigen Ansatz findet, die angepeilte Zielgruppe zu erreichen, kann aber auch nicht herausstellen, dass diese Gruppe sehr heterogen beschaffen ist. Mit der Fokussierung auf das weibliche Geschlecht meint es die Autorin gut, widerspricht sich dabei aber im Bezug auf ihre Rolle als Feministin. Auch bei der Formulierung ihrer praktischen Tipps hat die Psychologin das Wohl ihrer Leserinnen im Kopf, aus lebensbejahend und optimistisch wird aufgrund der Banalität der Hinweise aber schnell naiv und praxisfern. Im Jahr 2016 ist das nicht nur zu wenig, das Buch kann den jungen Damen einen fragwürdigen Weg aufzeigen, der ihre Verwirrung und Identitätskrise sogar noch verstärkt. Wo sind die Grautöne geblieben? Eine Frage, die sich auch im Bezug auf Jan Deichmohle stellt.

  • Autor: Linda Papadopoulos
  • Titel: Es ist MEIN Leben! – Wie junge Frauen sich von Erwartungsdruck und Perfektionswahn befreien
  • Originaltitel: Whose Life Is It Anyway?: Living through your 20s on your own terms
  • Übersetzer: Imke Brodersen
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 03/2016
  • Einband: Softcover
  • Seiten: 299
  • ISBN: 978-3-442-17559-8
  • Sprache: (bei nicht-deutschen Büchern, sonst weglassen)
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

Wertung: 5/15 dpt

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Über den Autor

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Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht so genau, wer ich bin. Vielleicht liegt es am Studium, an der Postmoderne, am Internet, am Erwachsensein oder dem unendlichen Schwall an Informationen, aber in den letzten Jahren hab ich mich doch sehr verändert. Klar, die Rahmendaten bleiben: Ich heiße Norman, bin Anfang 20 und wohne im Ruhrgebiet. Dann aber wird es schon schwieriger:

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von Norman R Artikel-Lesezeit: ca. 7 min
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