Bertram Reinecke – Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst. (Buch)

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Bertram Reinecke - Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst (Cover © roughbooks)In diesem bereits 2012 erschienenen Lyrikband, dem dritten aus Bertram Reineckes Feder… halt! Nein, so kann man diese Rezension nicht beginnen. Denn der dritte Reinecke-Lyrikband besteht praktisch ausschließlich aus unterschiedlich prozessierten Fremdelementen – manche Teile wurden komplett aus der Quelle übernommen, andere sind (Rück-)Übersetzungen, und in der Regel kann man die meisten der auf 96 Seiten verteilten Montagen als Centones, quasi Flickengedichte, einordnen. Doch während andere Autoren/Dichter ihre Montagen mit eigenen Worten zu einem kohärenten Etwas kitten und hier und dort des Passens wegen die Schere ihren Dienst tun lassen, geht der gebürtige Güstrower nach selbstauferlegtem, deutlich strikterem Regelwerk vor.

In einem gemeinsamen Mailverkehr beschreibt Reinecke „Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst.“ selbst äußerst treffend, weshalb der Rezensent ihn gerne zitiert:

(…) Dessen Hauptwitz ist, dass er fast komplett aus strengsten Montagen besteht. Normalerweise kürzen ja Montierende den Text zurecht, bis eben die Stelle passt. Ich bleibe bei genormten Stücken. Wenn ich aus dramatischen oder lyrischen Texten baue, z.B. ganz Verse, (und) wenn ich aus Prosa baue, mindestens Satzglieder oder ähnliche Regelungen. Dazwischen eingestreut sind ein paar andere Dinge: Auf Übersetzung basierende Verfahren, eine Vokalsestine1, ein paar einfache Parodien. (…)

Und der Verlag umreißt zudem recht passend die Genrevielfalt der Quellen:

Die Spannweite der Quellen reicht von der Antike, von mittelalterlichen Urkunden, gelehrten Traktaten der Renaissance- und Barockzeit über Sprachlehrbücher und vergessene Dramen des 19.und frühen 20. Jahrhunderts bis zu Gedichten der Gegenwart.

Da passiert es schon mal, dass „Hälfte des Lebens“ von Friedrich Hölderlin mit „Der greise Kopf“ von Wilhelm Müller gekreuzt, Emily Dickinsons „Let down the bars“ nachgedichtet oder Gottfried Benns Texte „beendet“ werden. „Des Wassers Klarheit wird ihnen entstreben“ hingegen ist eine der zahlreichen Konstrukte, in denen Reinecke gleich mehrere Werke von Theodor Däubler, Adelbert von Chamisso, Clemens Brentano, Felix Dörrmann, Anette von Droste Hülshoff, Theodor Fontane und Joseph von Eichendorff in ihre Einzelteile zerlegt und sie zu einem neuen Ganzen zusammenfügt. Rilkes „Blaue Hortensie“ wird in „Blaue Hydrangea“ vom Englischen wieder ins Deutsche rückübersetzt, und selbst von Luthers Texten („Dada; aus Psalter Lutherrevision 84“) macht der fürwahr nerdige Lyriker und Lyrikliebhaber nicht halt.

Doch all die Quellen/Regeln, die Reinecke nutzt/befolgt, nun zu nennen und auf die einzelnen Texte einzugehen, erweist sich als recht unsinnig, und auch würde so die Spannung herausgenommen, wie die einzelnen Texte entstanden sein könnten. Denn zu den meisten der Texte finden sich am Ende des Roughbooks entsprechende Anmerkungen, die mitunter als Dechiffrierschlüssel, manchmal aber auch nur als dezenter Wink mit dem Zaunpfahl dienen.

Faszinierend ist bei all dieser Puzzelei die Symbiose aus sich aneinander aufladender Anarchie, Akribie und Aussage (Achtung, Alliterationen-Alarm!), denn all die Fragmente werden durch das Herausreißen aus ihrem eigentlichen Zuhause völlig aus ihrem Kontext gerissen und erhalten durch diese Neuanordnung und Vermischung einen neuen solchen. Die Neuarrangements ergeben einen oftmals gänzlich anderen Sinn, und wenn man es nicht besser wüsste (oder es gar nicht besser weiß), könnte man meinen: »Schön, was der Reinecke da so geschrieben hat.«

Die Lektüre und Analyse dieses freundlich-friedvollen Diebstahls amüsiert, sie fordert heraus – man bekommt richtiggehend Lust darauf, nach den Quellen zu suchen, fühlt sich nahezu verleitet, anhand einem selbst vorliegender Texte selbst Montagen anzufertigen.

Verspieltheit kann so erfrischend sein, und hier wird sie ausgelebt – wenn auch auf sehr verkopfte Weise.

Cover © roughbooks

Wertung: 13/15 dpt



Fußnoten

  1. Erklärung hier https://pomlit.wordpress.com/2011/04/12/was-ware-greifswald/ in Absatz 5 

Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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