The Kingdom of Dreams and Madness (Dokumentation, DVD/Blu-ray)

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The Kindom Of Dreams And Madness Cover (c) Universum AnimeStudio Ghibli hat 140 Mitarbeiter und ist eines der berühmtesten Animationsstudios weltweit, was sich nicht zuletzt der Oskar-Prämierung von Chihiros Reise ins Zauberland verdankt. Die für Kinderfilme verhältnismäßig düsteren Filme des Studios, die größtenteils unter der Regie Hayao Miyazakis kreiert wurden, machen eine Dokumentation über Inspirationen und Produktionsbedingungen im Hause Ghibli reizvoll: Wie hat die immer wieder faszinierende Mischung aus Liebe zum Detail, den süßesten Charakterdesigns der Animationswelt und einer moralischen Ambivalenz, die auch grafisch nicht vor Splattereinlagen zurückschreckt, so populär werden können?

Die Antwort der Dokumentation The Kingdom of Dreams and Madness ist denkbar simpel: Hayao Miyazaki ist ein Genie und das Studio eine treue Manufaktur, die dem Meister folgt. Man macht hier gemeinsam Morgengymnastik, Miyazaki trägt einen niedlichen Bart und die Unternehmenskatze schläft rührig auf der Gartenterrasse. Das ist fürsorgliche Väterlichkeit und eiserne Disziplin zugleich, die sich in den entscheidenden Momenten auf die Eingebung der Führung verlässt – und damit Erfolg hat. Sieht man aber von der ersten, wie auch der letzten Dreiviertelstunde des Films ab (es bleiben damit fast 20 Minuten Spielzeit), dann erhält das mit beflissener Salonmusik und kitschigen Farbfiltern eingeleitete und beendete Bild allerdings Brüche.

The_Kingdom_of_Dreams_and_Madness_Szenenbilder_04.Gymnastik © Universum Film GmbHSo gibt Miyazaki vor der Kamera sehr freimütig zu, was er von Isao Takahata, unter dessen Leitung er an der Anime-Serie Heidi gearbeitet hatte, hält: Nicht (mehr) viel. Es ist auf der anderen Seite doch schön zu sehen, dass sich Miyazaki trotz eigenwilligem Mystizismus mit seiner Arbeit identifiziert und Animationsfilme aus persönlicher Überzeugung heraus bewertet – und als Übervater auch die Freiheit hat, seine persönliche Meinung offen kundzugeben. Es gehört dann zu den stärksten Eigenschaften von „The Kingdom of Dreams and Madness“, wenn der Firmenchef Toshio Suzuki bei diversen PR-Konferenzen zu „Wie der Wind sich hebt“ gezeigt wird, wie er teils gegensätzliche „persönliche“ Motivationen Miyazakis aus dem Hut zaubert, um die größtmögliche PR-Wirkung zu entfalten. Die Persönlichkeit Miyazakis wird als Konstrukt vorgestellt, das er selbst nicht selten zur Manipulation nutzt, wie Suzuki in einer Szene durchaus plausibel darstellt. Es ist erfreulich, dass diese brechenden Szenen eingestreut sind und die endlosen altersheimkonform-harmonische Klavierläufe zeitweilig aussetzen – aber die Grunderzählung bleibt unangenehm, die guten zwanzig Minuten wiegen die scheinheilig versöhnlichen Grundtenor nicht auf.

The_Kingdom_of_Dreams_and_Madness_Szenenbilder_01.Farbfilter © Universum Film GmbHDer Film ist also nur für Fans zu empfehlen, die entweder anderthalbstündiges Geseier auf sich nehmen, um zwanzig Minuten interessanten Inhalt geboten zu bekommen oder die das feucht-fröhliche Arbeitsbild der Ghibli-Welt glauben möchten und in der Tatsache eines Totoro-Portemonnaies keinen Widerspruch sehen. Daneben gibt es noch eine weitere Facette, die durchaus spannend ist, aber im allgemeinen Kitsch ebenfalls fast untergeht: Wie der Wind sich hebt, Miyazakis letzter Film, handelt von dem historischen Flugzeugingenieur Jiro Horikoshi, der die Schönheit des Fliegens so sehr verehrt, dass er nicht bedenkt, für wen er Flugzeuge baut: Für eine Achsenmacht des Zweiten Weltkriegs. Miyazaki gibt in der Doku einige Hinweise darüber, wie er zu diesem moralischen Zwiespalt steht, und, dass er sich selbst mit Horikoshi identifiziert.

Eigentlich hätte The Kingdom of Dreams and Madness ein trauriger Film werden müssen, hätte er die Aussagen Miyazakis und Suzukis Ernst genommen. Diese Traurigkeit hätte nicht unversöhnlich sein müssen – sie ist es ja auch, die die Filme von Studio Ghibli so intensiv macht. Auch ihre Auflösung. Nur, was man nicht ausführt, kann man auch nicht auflösen: In diesem Sinne ist The Kingdom of Dreams and Madness ein unerfreulicher Film.

Cover und Szenenbilder © Universum Film GmbH

Wertung: 6/15 dpt

  • Titel: The Kingdom of Dreams and Madness
  • Originaltitel: Japanese: 夢と狂気の王国 (=Yume to kyōki no ōkoku)
  • Produktionsland und -jahr: JP, 2013
  • Genre:
    Dokumentation
  • Erschienen: 27. Mai 2016 (DE)
  • Label: Universum Film GmbH
  • Spielzeit:
    113 Minuten auf  DVD
    118 Minuten auf Blu-Ray
  • Darsteller:
    Hayao Miyazaki
    Toshio Suzuki

    Hideako Anno
  • Regie: Mami Sunada
  • Musik: Masakatsu Takagi
  • Extras:
    Kurzfilm, Ushiko erkundet!
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    1,85:1 (16:9 anamorph) (DVD)
    Sprachen/Ton
    :
    Jp
    Untertitel:
    D
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    1,85:1 (1080p/24)
    Sprachen/Ton
    :
    JAP
    Untertitel:
    D
  • FSK: 0
  • Sonstige Informationen:
      Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten


Über den Autor

Tim König


Studiere im Lehramtsmaster Deutsch und Philosophie/Ethik an der Humboldt-Universität Berlin. Mit Freundinnen und Freunden gebe ich die anwesenheitsnotiz heraus, die an der Freien Universität Berlin angesiedelt ist, an der ich meinen Bachelor gemacht habe. Obwohl ich einen Großteil meiner Zeit in hinter Büchern, in Klassenräumen oder vor der Filmleinwand verbringe, habe ich nach wie vor die ein oder andere Liaison mit Film/Comic/Videospiel/Kunstaustellung/Musik. Vor allem Musik, mit einer besonderen Vorliebe für Avantgardistisches, auch in Gestalt von Pop.

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von Tim König Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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