Triple 9 (Spielfilm, DVD/Blu-ray)

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triple-9-blu-ray-review-coverFür einen Regisseur, der eher sperrige Stoffe bevorzugt und umsetzt („Ghosts… of the Civil Dead“, „The Proposition“, „The Road” u.a.) ist „Triple 9“ fast eine Mainstream-Angelegenheit. Ein düsterer Cop-Thriller, durchsetzt mit Raubüberfällen, blutigen Shoot-Outs und Autoverfolgungsjagden. Doch wie schon „Lawless“ kein herkömmliches Gangsterdrama war, entfernt sich „Triple 9“ recht weit aus der Mitte des Blockbusterkinos, ohne jedoch sein mögliches Potenzial voll auszuschöpfen. Oder vielleicht doch?

Bei John Hillcoat sind die Cops Bastards. Jener Teil zumindest, der im Zentrum der furiosen Eröffnungsszene steht. Unter Anleitung der beiden Ex-Marines Russel Welch (Norman Reedus, leider nur mit kurzer Screentime. Wahrscheinlich warteten bereits herumwandernde Zombies auf ihn) und Michael Atwood überfallen die Polizisten Marcus Belmont, Franco Rodriguez und Gabe Welch (okay, Ex-Bulle) eine Bank. Nicht unbedingt aus triple-9-t9_pressefoto_4Lust, Laune und Geldgier, wobei letzteres natürlich eine triftige Rolle spielt, sondern weil sie mit der Fürstin eines Zweiges der russischen Mafia, Irina Vlaslov auf die eine oder andere Art unheilvoll verbandelt sind. Vlaslov wird dargestellt von einer kaum zu erkennenden Kate Winslet, die gegen den Strich besetzt, ihren überkandidelten, grell geschminkten und mitleidlosen Part sichtlich genießt.

Vlaslov hat gleich den nächsten Auftrag in petto, ein Überfall auf ein Hochsicherheitsgebäude der Homeland Security. Die Crew ist zwar unwillig, doch Irina Vlaslov versteht es, ihrem Begehren blutig Nachdruck zu verleihen. Um das suizidale Treiben erfolgversprechend ausüben zu können, fällt den Beteiligten nur eine wirkungsvolle Finte ein: Die Auslösung eines Triple 9-Einsatzes (Code: „999“), während der Einbruch stattfindet. Bedeutet, ein Cop wird im Dienst schwer verletzt oder getötet, woraufhin sich fast alle verfügbaren Einheiten auf dieses Verbrechen stürzen.

Es trifft sich gtriple-9-t9_pressefoto_17ut, dass Marcus Belmont mit Chris Allen (Casey Affleck) einen neuen Partner bekommen hat, der sich für die Opferrolle scheinbar perfekt anbietet.
Dumm nur, dass Chris der Neffe des Detective Sergeanten Jeffrey Allen ist, der die Bande bereits mit Nachdruck verfolgt. Woody Harrelson scheint in dieser Rolle seinen und Matthew McConaugheys Part in „True Detective“ lustvoll verschmelzen zu lassen.

triple-9-t9_pressefoto_1Auch nicht von Vorteil, dass der labile Gabe, der nach dem Tod seines Bruders völlig aus der Spur läuft, von Aaron Paul gegeben wird, der ja bereits anderweitig eine starke Drogen-Affinität besaß. Er pflügt zwischen Räuber und Gendarm wie eine verirrte Flipperkugel hin und her, ein weiteres Zünglein, dass die bereits von Beginn an schattige Waage vollends in die Schwärze kippen lassen wird.

„Triple 9“ besitzt seine Schwächen. So bekommt das illustre, gut aufgelegte und umfangreichetriple-9-t9_pressefoto_14 Schauspieler-Ensemble in weiten Teilen zu wenig Raum, um sich entfalten zu können. Während Chiwetel Ejiofor hinreichenden, wenn auch nicht ganz überzeugenden, Background bekommt (ausgerechnet die bösartigste Schlange, die sich an Mütterlein Russlands Brust reichlich labte, ist die Mutter seines Sohnes und weiß dies als Druckmittel einzusetzen), stolpert Casey Affleck unvermittelt in den Film, mit der stillschweigenden Prämisse, dass er, neben seinem Onkel, der gute Bulle im schändlichen Rodeo ist.

Beweggründe bleiben per se rudimentär, aber das passt zu einem Film, dessen eigentlicher Inhalt die unterschiedlichen Phasen der Auflösung sind. Hillcoat erzeugt die Bilder eines zerfallenden Atlanta: Hinterhöfe, Parkplätze, Straßen, heruntergekommene Ghettos, nirgendwo Menschen, die noch ruhig und argumentativ miteinander kommunizieren. Es gibt kurze Anweisungen, Maßregelungen und bestenfalls Gesprächsentwürfe. An entscheidentriple-9-screen-992x560der Stelle werden wichtige Informationen nur bellend ausgespuckt, später verschluckt. Wer lebt oder stirbt wird in Sekundenbruchteilen entschieden, durch Zufälle oder schnelle Aktionen und Reaktionen zur rechten Zeit, eher intuitiv als wissentlich ausgeführt.

Doch nicht nur die Stadt, auch die meisten Protagonisten haben ihren Zerreißpunkt überschritten. Der Polizist auf dem Kreuzzug, Detective Sergeant Jeffrey Bell, ist ein depressiver Alkoholiker, Marcustriple-9-t9_pressefoto_9 Belmont hadert mit seiner IIloyalität und bleibt passiv bis es zu spät ist, Russell Welch versucht verzweifelt ein Profi zu sein und scheitert, sein drogensüchtiger Bruder Gabe implodiert, der gewissenlose Franco Rodriguez versucht die Kontrolle zu behalten, als Detective der Mordkommission wie als brutaler Gangster, und geht dabei über Leichen, auch in den eigenen Reihen.

Der zwischen Kindesliebe, Abhängigkeiten und Geldgier getriebene Michael Atwood ist die komplexeste Figur des gesamten Spiels. Er bekommt außer einem kurzen, befriedigenden Moment der Rache keine Genugtuung, letztlich ist er ein hilfloser Prophet des Untergangs, den eigenen inklusive.

Und damit gar nicht so weit entfernt vom zögerlichen Chris Allen. Angesichts der korrumpierten, lebensfeindlichen Umgebung stellt sich unweigerlich die Frage, ob er aufgrund seines Alters den Sumpf noch von außen betrachtet, oder einfach nur weil die triple-9-review-768x539-c-defaultansprechenden Angebote fehlten. Möglicherweise ist er aber auch eine integre Persönlichkeit. Die Geschichtslosigkeit und oberflächliche Glätte passen perfekt zu Affleck und seiner Rolle: Alles ist offen und möglich.

Die Farbgebung von „Triple 9“ ist hart und kontrastreich, Fans von Filmkorn bei Blu Rays werden begeistert sein, der Eínsatz von Blau- und Rotlicht gibt dem Film Neon-Noir-Flair. Die Actionsequenzen sind kurz, derb und hart, ein Übermaß an Blutfontänen und ausgekosteten Gewaltspitzen (die durchaus drin säßtriple-9-t9_pressefoto_2en) werden vermieden. Zur fortschreitenden Destruktion von Menschen und ihrem Lebensraum bleibt „Triple 9“ auf Distanz, er ergötzt sich nicht am Leiden, schlachtet die emotionalen Sensatiönchen darum herum nicht aus. Nichts für Voyeure mit bereiter Smartphone-Kamera. Das macht den Film unbequem, lässt vieles unbeantwortet und am Ende steht eher Unbehagen als Befriedigung. Ein einzelner Fall hat sich zwar erledigt, doch viele andere bleiben offen. Von den Verlusten ganz abgesehen. Atlanta zerfällt noch immer.

So ist „Triple 9“ doch ein gutes Stück davon entfernt ein weiterer Mainstream-Event zu sein. Stattdessen heißt es fast permanent: „Homicide“:triple-9-t9_pressefoto_7

No one cared
When someone lied
They’d rather say
That it’s irrelevant
You better believe it
That’s the truth of it
Take it or leave it
Resign to it

Homicide Homicide
Homicide Homicide

John Hillcoat hat viel mit Nick Cave zusammengearbeitet, aber dieses finale Zitat geht logischerweise an 999.

Cover & Szenenfotos © universum film

  • Titel: Triple 9
  • Originaltitel: Triple 9
  • Produktionsland und -jahr: USA, 2013 
  • Genre:
    Action, Cop-Thriller, Drama, Heist-Movie
  • Erschienen: 16.09.2016
  • Label: Universum Spielfilm
  • Spielzeit:
    111 Minuten auf 1 DVD (DVD)
    115 Minuten auf 1 DVD (Blu-ray)
  • Darsteller:
    Casey Affleck
    Chiwetel Ejiofor
    Woody Harrelson
    Anthony Mackie
    Aaron Paul
    Clifton Collins Jr.
    Norman Reedus
    Kate Winslet
    Gal Gadot
  • Regie: John Hillcoat
  • Drehbuch:
    Matt Cook
  • Kamera:
    Nicolas Karakatsanis
  • Schnitt: 
    Dylan Tichenor
  • Musik:
    Bobby Krlic     
    Atticus Ross     
    Leopold Ross     
    Claudia Sarne     
  • Extras: Behind the Scenes, B-Roll,
    „Under the Gun“: Interviews, Entfallene Szenen
  • Technische Details (DVD)
    Video: 2.40:1 (16:9 anamorph)
    Sprachen/Ton: D, GB (DD 5.1)
    Untertitel: D
  • Technische Details (Blu-ray)
    Video: 2.40:1 (1080p/24)
    Sprachen/Ton: D, GB (DTS-HD 5.1 MA)
    Untertitel: D
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen: 
    Infos zum Film und Erwerbsmöglichkeit
    Filminfos bei Wild Bunch

 Wertung: 11/15 dpt


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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