Lisa und der Teufel – Mario Bava-Collection #2 (Spielfilm, 1 Blu-ray und 2 DVDs)

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Nachdem Mario Bava mit „Im Blutrausch des Satans“ die Lösung familiärer Probleme im Slasher-Modus thematisierte, wandelte der darauf folgende „Baron Blood“ wieder stärker durch die Gefilde des Gothic Horrors. Der irrlichternde „Lisa und der Teufel“ wurde 1973 zu einem späten Höhepunkt des Genres.

Dies empfand das italienische und amerikanische Publikum aber anders, weshalb der Film an der Kinokasse floppte. Worauf der findige Produzent Alfredo Leone anderthalb Jahre später einen Nachdreh anordnete („Mario Bava war für die Kunst zuständig, ich für das Geld“, heißt es in seinem Audiokommentar), der nur ein grob gezimmertes Handlungsgerüst des Originals übrigließ und darum herum einen Fall von dämonischer Besessenheit, samt teufelsaustreibendem Priester im Ornat, zimmerte. Das passte zwar überhaupt nicht zum restlichen Werk, ließ sich aber schön an William Friedkins Riesenerfolg „Der Exorzist“ anlehnen, auf den der neue Titel „The House Of Exorcism“ deutlich verweist. Der Plan ging auf, Leone kam mit dem zusammengestoppelten Stückwerk in die schwarzen Zahlen. Angeblich soll Bava Jahre später mit der zunächst abgelehnten Zweitverwertung seinen Frieden geschlossen haben. Behauptet Signore Leone. Wir sind skeptisch.

In der vorliegenden, hervorragend ausgestatteten Edition ist die Alternativ-Version sowohl auf Blu Ray wie einer der beiden DVDs zu finden. „House Of Exorcism“ zeigt, wie wenig Wert eine schlüssige Handlung mitunter besitzt. Der Film funktioniert trotzdem. Mehr zum Staunen und Wundern als zum Begeistern, aber immerhin. Leider fallen einige der intensivsten Schauwerte der Schere zum Opfer (Lisas Irrweg durch die beinahe menschenleeren Gassen Toledos, die Präsenz der mannshohen Puppen), zugunsten einiger Nuditäten und etwas froschigem Herumgespucke im Zeichen der Besessenheit.

Zurück zum Hauptfilm. Während eines Ausflugs nach Toledo besichtigt eine Reisegruppe ein Fresko mit einer eigenwilligen Teufelsdarstellung. Kein Gehörnter mit Bocksbeinen steht im Mittelpunkt des Kunstwerks, sondern ein Glatzkopf mit markanter Nase und fettem Muttermal auf der Wange. Tief beeindruckt verlässt die junge Lisa ihre Freundin und die Gruppe, um sich in einer Mischung aus Antiquitäten- und Souvenir-Shop umzusehen. Dort unterhält sich gerade ein Mann mit dem Ladenbesitzer über dessen Arbeit an einer lebensgroßen Puppe. Der Kunde trägt zwar eine Baskenmütze, doch Lisa erkennt darunter den haarlosen Schädel, die prägnante Nase und den schwarzen Fleck im Gesicht des Mannes. Panisch rennt sie aus dem Laden und verirrt sich im Gassengewirr der spanischen Stadt.

In dieser irrealen, klaustrophobischen Sequenz zeigt sich Mario Bava als meisterhafter Regisseur, der mit viel Geschick auf einer Klaviatur der Stimmungen spielt. Er verwandelt den pittoresken Ort in ein beklemmendes Labyrinth, dessen Bedrohungspotenzial nicht durch Gewalt, Jump Scares oder eine nervenzerrende Geräuschkulisse erzeugt wird. Stattdessen wirkt die abweisende Leere erschütternd. Erst die Absenz von Menschen, dann die starrende Ignoranz, das Fehlen von alltäglicher Geschäftigkeit, eine Ahnung von apokalyptischer Ödnis inmitten eines eigentlich malerischen Urlaubsortes. Natürlich taucht irgendwann der Glatzkopf auf und spricht mit Lisa. Hilfreich ist es nicht. Ebenso wenig, dass ein Wildfremder sie plötzlich „Elena“ nennt und ihr folgt. Panisch stößt Lisa ihren Stalker eine Treppe hinunter, an deren Fuß er blutend, möglicherweise tödlich verwundet, liegen bleibt.

Dem Zuschauer ist bereits klar, dass er ein Ebenbild jener Puppe ist, die der Glatzköpfige mit sich herumschleppte. Elke Sommer, in der Rolle der Lisa, macht zu keinem Zeitpunkt den Eindruck als hätte sie bei irgendetwas den Durchblick. Sie nimmt alles, was ihr geschieht, mit maskenhafter Gleichgültigkeit zur Kenntnis. Ihre Welt ist eine Auster, die nach Schimmelpilzen schmeckt. Sommer/Lisa hat sich damit abgefunden. Sie nimmt nur noch wahr, dass sie lebt. Das heißt, sie hofft es. Unsicherheit ist der Pfad, auf dem Bavas Film seine kurvigen Bahnen zieht.

Lisa trifft auf eine Mitfahrgelegenheit, ein betuchtes Ehepaar samt Chauffeur lässt die Ver(w)irrte zusteigen. Die Fahrt führt allerdings nicht weit. Vor einem mondänen, aber bereits von beginnendem Verfall gezeichneten Herrschaftshaus, hat die Limousine eine Panne. Man sieht sich gezwungen die Nacht in dem Gemäuer zu verbringen, das vom jungen Maximilian, seiner blinden Mutter und dem Diener Leandro bewohnt wird. Leandro ist niemand anders als „Der Teuflische“ (so der ehemalige deutsche Titel des Films) und spinnt im Hintergrund seine Fäden, in einem Spiel, bei dem es um blindwütige Liebe, Nekrophilie, ödipale- und Mutterkomplexe, Lebenslügen, Hass und schließlich Mord und Totschlag geht. Familie wie Liebe bestehen für Bava und seine Co-Autoren aus aufgestauten und offen ausgelebten Obsessionen, wobei beides einem friedlichen Zusammenleben nicht zuträglich ist. Eine herrschsüchtige Mutter, Vater und Sohn, die sich in Liebeshändeln in die Quere kommen, sexuelles und emotionales Verlangen über den Tod hinaus. Das Herz ist eine willfährige Mördergrube. Leandro lächelt diabolisch (wie auch sonst).

Dazwischen das Wiedergängermotiv und immer wieder Puppen als die blinden Zeugen eines surrealen Alptraums. Leandro lutscht vergnügt an einem Lolli. Telly Savalas bereitet sich scheinbar auf seine Rolle als Lieutenant Theo Kojak vor. Was man in der deutschen Synchronisation so klasse fand, dass man ihn einige Male, völlig sinnlos, „entzückend“ sagen lässt. Dabei wollte sich der amerikanische Schauspieler nur (und vergeblich) das Rauchen abgewöhnen und entwickelte dabei sein Markenzeichen für die nächsten Jahrzehnte.

Mit „Lisa und der Teufel“ läuft Mario Bava noch einmal zu großer Form auf. Der Film ist ein schillerndes Traumgespinst mit exzellenter Farbgestaltung und höchst atmosphärischen Settings, durch die sich die Darsteller bewegen wie Marionetten an seidenen Fäden. Die natürlich der Teufel führt, so wird es durch die vielen Verweise auf Großpuppen betont. Wobei Telly Savalas einen ungewöhnlichen Höllenfürsten abgibt. Nicht von dämonischer Bösartigkeit, eher ein Vertreter der süffisanten, heimtückischen Art, der die Handlung eher begleitet als in ihr vorkommt.

Im Mittelpunkt steht eindeutig Lisa, die wie weiland Alice in ein Loch fällt und verschwindet. Diesmal ist es kein Kaninchenbau, sondern ein Riss in der Zeit. Scheint die Stadtführung zu Beginn noch in der Gegenwart zu spielen, verweist schon der altertümliche Luxusschlitten, in den Lisa steigt, auf die Dreißigerjahre, bis die Protagonisten innerhalb der herrschaftlichen Gemächer augenscheinlich zurück ins 19. Jahrhundert driften. Um dort dem Wahnsinn als fette Beute zu dienen. Es wird besinnungslos geliebt, gehasst und gemordet. Blut fließt reichlich, wobei die Todesszenarien in ihrer rohen Künstlichkeit das Surreale des Geschehens betonen.

Elke Sommer wurde für die Darstellung der Lisa mangelnde Wandlungsfähigkeit vorgeworfen, doch macht genau dieses Manko den gehörigen Reiz der Rolle aus. Dieses somnambule Schweben, mit dem Lisa jedes Unbill, jede unerwartete Wendung hinnimmt, In eindrucksloser Passivität, so leer wie die Puppe, die irgendwann vermutlich ihre Position einnehmen wird.

„Lisa und der Teufel“ erzeugt einen Sog, der den Zuschauer gefangen nimmt, wenn er sich darauf einlässt. Das große Grauen stellt sich nicht ein, Bavas Metier ist eher die latente Beklemmung, die sich hinter farbenfrohen Bildern verbirgt. Unterstützt vom fabelhaften Soundtrack Carlo Savinas, der zwischen schwelgerischem Easy Listening, moderater Gruselstimmung und „Concierto de Aranjuez“-Zitaten pendelt, entfalten sich verzwickte Träume, die jederzeit zum Nachtmahr werden können. Auf ausgefeilte Dramaturgie und stetig wachsende Spannungsbögen wird dabei verzichtet. Bavas Figuren befinden sich in einer kreiselnden Spirale, nicht in einer Ellipse, deren Bogen erst ansteigt, um dann im Schlussakt sanft fallend zu enden.

Intentionen, denen in der aufgesetzten „House Of Exorcism“-Version der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Was zu keiner weiteren Irritation führt, sondern bloß zu der schlichten Erkenntnis, dass man keinen Zusammenhang erzeugen kann, wo keiner ist. Als ob derart profanes Getue Mario Bava je interessiert hätte.

Leider erschütterte der Misserfolg von „Lisa und der Teufel“ die späte Karriere des großen Regisseurs nachhaltig. Es folgten lediglich noch zwei eigene Filme, daneben arbeitete Bava unter anderem für Dario Argento, einen seiner gelehrigsten Schüler. „Wild Dogs“ („,Cani arrabbiati“ ), 1974 gedreht, erlangte geradezu Legendenstatus, da er sofort nach der Herstellung im Giftschrank verschwand, als verschollen galt und nach dem Auffinden erst 1995 seine Premiere erlebte. 2015 entstand unter dem Titel „Wilde Hunde – Rabid Dogs“, inszeniert von Éric Hannezo, ein vielbeachtetes, würdiges Remake.
„Shock“ wurde 1977 Mario Bavas letzte Regiearbeit fürs Kino.

„Ich will keinen Grabschmuck, dies ist eine Heiratszeremonie, verstehst du – eine Hochzeitsfeier!“

Cover & Szenenfotos  © Koch Media

  • Titel: Lisa und der Teufel
  • Originaltitel: Lisa e il diavolo
  • Produktionsland und -jahr: Italien, Spanien, Deutschland 1973
  • Genre: Horror, Drama, Grand Guignol
  • Erschienen: 24.11.2016
  • Label: Koch Media
  • Spielzeit:
     
    95:21 Minuten auf Blu-Ray
      
    91:27 Minuten auf DVD
  • Darsteller: 
    Telly Savalas
    Elke Sommer
    Silva Koscina
    Alessio Orano
    Alida Valli
    Eduardo Fajardo
  • Regie: Mario Bava
  • Musik: Carlo Savina
  • Kamera: Cecilio Paniagua
  • Drehbuch: Mario Bava, Alfredo Leone    
  • Extras:

    Disc 1 Blu-ray: Alternative Fassung „Das Haus des Exorzisten“ (HD, 91:26 Min., Englisch DTS-HD MA 2.0 (Mono), Italienisch DTS-HD MA 2.0 (Mono), optionale deutsche Untertitel)
    Bonusmaterial zu Lisa und der Teufel:
    – Audiokommentar mit Bava-Experte Tim Lucas (Englisch, ohne Untertitel)
    – Rekonstruierter Trailer (SD, 3:11 Min.)
    – Bildergalerie (HD, 28 Bilder)
    Bonusmaterial zu Das Haus des Exorzisten:
    – Audiokommentar mit Produzent Alfredo Leone und Elke Sommer (Englisch, ohne Untertitel)
    – Englischer Trailer #1 (SD, 3:10 Min.)
    – Englischer Trailer #2 (SD, 1:12 Min.)
    – Radio-Spot (0:59 Min.)

    Disc 2 DVD Lisa und der Teufel (.):
    Audiokommentar mit Bava-Experte Tim Lucas (Englisch, ohne Untertitel)
    Rekonstruierter Trailer (SD, 3:03 Min.)
    Bildergalerie (28 Bilder)

    Disc 3 Bonus-DVD Das Haus des Exorzisten (87:42 Min.):
    Audiokommentar mit Produzent Alfredo Leone und Elke Sommer (Englisch, ohne Untertitel)
    Entfallene Szene (2:24 Min.)
    Featurette „Bava und der Teufel“ (9:06 Min., Iitalienisch, optional mit deutschen Untertitel)
    Featurette „Lisa und der Teufel“ (31:01 Min., Deutsch, ohne Untertitel)
    Radio-Spot (0:59 Min.)
    Englischer Trailer #1 (3:10 Min.)
    Englischer Trailer #2 (1:12 Min.)
    16-seitiges Booklet von Filmwissenschaftler Dr. Marcus Stiglegger

  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    1.85:1 (16:9)
    Sprachen/Ton
    : DVD:DD 2.0 / BR:DTS-HD Master Audio 2.0
    Untertitel: 
    D
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Produktlink Blu-Ray/DVD
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 11/15 teuflische Lollis

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Über den Autor

Jochen König

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Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 7 min
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