Volker Kutscher – Lunapark (Buch)

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Volker Kutscher - Lunapark (Buch) © Kiepenheuer & WitschEs beginnt mit dem ermordeten SA-Rottenführer Horst Kaczmarek, der brutal malträtiert unter einer Brücke liegt. Über ihm die unvollendete Parole “ARBEITER WEHRT EUCH! TOD DEN HITLERFASCHI“. Das können nur die Kommunisten gewesen sein, meint die (Ge)Stapo, der nun Reinhold Gräf, Raths ehemaliger Kriminalsekretär als Kommissar zur Anstellung, angehört. Er leitet die Ermittlungen und macht Jagd auf eine sogenannte  Gruppe Wolff, die schon vor Jahren derartige Parolen pinselte. Anscheinend hat sie ihr Exil in Moskau aufgegeben und ist nach Berlin zurückgekehrt. Rath muss sich zwar fügen, glaubt aber nicht wirklich an diese einfache Theorie. Als eine weitere Leiche, wieder ein SA-Mann, an der Volksbühne gefunden wird, ist von Wandschmierereien weit und breit nichts zu sehen. Vielmehr erinnert das Szenario zunehmend an einen Bandenkrieg, obwohl es die organisierten Verbrechergruppen der Ringvereine nicht mehr gibt. Bis auf eine vielleicht, die sich nun als SA-Sturm tarnt. Wie hingegen eine Karte aus einem Wahrsagerautomaten an den Tatort gekommen ist, kann sich Rath nicht erklären. Noch weniger, warum Ex-Gangsterboss Marlow mit seiner Limousine dort am Straßenrand steht.  

Rath in Angst

Zum beruflichen Ärger gesellt sich privater Unfrieden. Charlie arbeitet als Referendarin in einer Anwaltskanzlei und wird auf der Einweihungsfeier von der SA verhaftet. Als sie sich danach heimlich nach Friedrichshain aufmacht, folgt ihr Gereon. Hat sie in Verhältnis mit einem Mandanten? Oder schließt sie sich dem kommunistischen Widerstand an?

1934 hat Hitlers NS-Regime seine totalitären Machtstrukturen etabliert. Doch ein Teil der Deutschen, so wie Gereon Rath, will das immer noch nicht wahrhaben. Die SA vergeht sich an immer mehr deutschen Bürgern, nur weil sie politisch anders denken. Oder Juden sind. Vom Rechtsstaat existiert nur noch ein kärglicher Rest Unerschrockener, und die müssen jederzeit mit Verhaftungen rechnen. Der in die Handlung eingebaute Röhm-Putsch gehört zu den historischen Eckpunkten, die das Storyprofil vertiefen. Der differenzierte Blick auf jene Zeit gehört zu den großen Stärken der Krimi-Reihe um den Berliner Kommissar aus Köln (siehe auch Band 5 Märzgefallene). Er lädt dazu ein, den eigenen Standpunkt als Zurückschauender zu hinterfragen. Zum Beispiel die vermeintliche Ignoranz Gereon Raths, der das Verbrechen zu bekämpfen glaubt und sich doch immer wieder selbst in den Fallstricken des kriminellen Milieus verfängt. Dieses gilt ganz besonders für den nunmehr sechsten Rath-Krimi und die Reihe nimmt mit jedem Band mehr Züge des Noir-Genres an.

Gangster werden zu Ordnungshütern – und umgekehrt

So sehr „Lunapark“ von der Atmosphäre profitiert, die aus einer perfekten Ausgestaltung des historischen Hintergrunds entsteht, dieser Roman besticht vor allem durch Spannung. Dabei sind einige der Entwicklungen der Handlung vorhersehbar, was dem Nervenkitzel erstaunlich wenig abträglich ist. Man ahnt, wie es kommen muss, und es kommt noch viel schlimmer, gleich in mehrfacher Hinsicht. Moralische Dilemmata ist der geneigte Leser der Reihe gewohnt. Doch im Sommer 1934 scheint Rechtschaffenheit in Berlin ein extrem seltenes Gut zu sein. Allein der sogenannte Buddha, Raths Chef, ist ein Fels an moralischer Integrität und avanciert nicht nur deswegen zu einer meiner persönlichen Lieblingsfiguren.    

Der Endspurt der Handlung schlägt einige Haken zu viel. Ein oder zwei der eingestreuten Aktionen, sollten vielleicht überraschende Wendungen andeuten, bremsen jedoch nur unnötig das Tempo. Zudem mutet Volker Kutscher seinen Protagonisten Zwickmühlen zu, aus denen sie kaum jemals wieder entkommen können. In eine davon tappt die sonst so moralisch standhafte Ehefrau des Kommissars. Sie droht ihrem Gatten in den Abgrund des moralischen Jenseits zu folgen, der ihm längst zum dauerhaften Verhängnis geworden ist. Hier droht Wiederholungsgefahr. Doch allein um die Fortsetzung dieser Geschichte zu erfahren, ist der siebte Band für die Rezensentin Pflichtlektüre. Nach Angaben des Autors sollen es insgesamt neun Bände werden und man vermag momentan nicht zu prophezeien, ob Familie Rath die Ziellinie gemeinsam erreichen wird. Hier zeigt sich, dass Volker Kutscher die Rahmenhandlung genauso akribisch weiterentwickelt wie seine Fälle und den historischen Exkurs. Diese gelungene Kombination ist es, die diese Krimi-Reihe so besonders reizvoll macht.

Cover © Kiepenheuer & Witsch

Wertung: 12/15 Berliner Weiße mit Schuss

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Über den Autor

Eva Bergschneider

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Evas Nerd-Schreibtisch

Ich bin gebürtige Ostwestfälin und seit über 20 Jahren Wahlkölnerin. Verdiene mein täglich Brot im Labor eines Biotechnologie-Unternehmens, bin verheiratet und Mutter einer erwachsenen Tochter. Mich begeistern Kino, Musik, Sport und Internet, vor allem aber BÜCHER. Ich lese viele Phantastik- und Kriminalromane, halte aber eigentlich nicht viel von Genre-Einteilungen und bin in Bezug auf Literatur offen für (fast) alles. 

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Volker Kutscher – Lunapark (Buch)

von Eva Bergschneider Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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