Agnes Hammer - Dorfbeben (Buch)

Agnes Hammer – Dorfbeben (Buch)

Agnes Hammer - Dorfbeben (Buch)

Mattes besitzt eine Gabe, die zugleich seine Krankheit ist: Er hört alles, und das viel zu gut. Denn während ein Durchschnittsmensch in der Regel nur die Frequenzen zwischen 20 Hz und 20.000 Hz wahrnimmt, geht sein Hörvermögen weit darüber hinaus. Das ist an sich von Vorteil, doch in Stresssituationen erleidet er immer wieder Anfälle von Seelentaubheit und die kleinsten Geräusche werden in seinen Ohren zu unerträglichem Lärm – so als würden sich Echos potenzieren.

Bald zieht der vor nicht allzu langer Zeit dem Teenageralter entwachsene Mann zu seiner Großmutter aufs Land nach Auroth und unterstützt sie, wo auch immer er sie unterstützen kann. Um sich finanziell durchzuschlagen, spielt er in der Kirche des Dorfes immer mal wieder Orgel. In seiner Freizeit wiederum schreibt der große Fan der Band “Placebo” Songs für seine Band, mit der er auch regelmäßig probt – und in deren Bassistin Vane er schon seit sehr langer Zeit verliebt ist.

Eines Tages wird Jakob Bähner, ein angesehener Bürger, ermordet und der kleine Ort wird in seinen Grundfesten erschüttert. Die Polizei stößt mit ihren Ermittlungen früh an ihre Grenzen, doch Mattes’ nur wenige Jahre ältere Tante Lena, die forensische Linguistik studiert hat, eine Masterarbeit vorweisen kann und häufg mit der Kriminalpolizei zusammengearbeitet hat, ist besessen von der Idee, der Sache auf den Grund zu gehen.

Gemeinsam analysieren die beiden nun in vielen Gesprächen das Verhalten der Dorfbewohner – vor allem aber auch die akustischen Merkmale und Feinheiten, die durch genaues Hinhören ihre ganz eigene Sprache sprechen. Um die ganzen Leute und auch die Polizei zu besänftigen, behauptet Lena, sie sammle Material für ihre Dissertation.

Aufgrund ihrer Alleingänge flog sie bereits aus dem Institut, für welches sie zuletzt tätig war, und Mattes’ und Lenas Ermittlungen sorgen unweigerlich für einigen Ärger – auch Polizist Krämer platzt langsam aber sicher der Kragen wegen der beiden Eigensinnlinge. Wieso sollte sich das Neffe-Tante-Duo allerdings von seinem Vorhaben abhalten lassen? Lena mit ihrer Kombinatorik, Mattes mit seinem extrem feinen Gehör? Das muss doch irgendwann Ergebnisse bringen.

Immer weiter navigieren sich die zwei in noch größere Schwierigkeiten, und letztendlich gerät Lena in Lebensgefahr. Dennoch gelangt weiterhin – dank Mattes’ Mut und Sturköpfgkeit – Stück für Stück Licht in das dekadenlang totgeschwiegene Dickicht aus Intrigen und Doppelmoral, und fortan wird nichts mehr in Auroth je wieder so sein, wie es einmal war.

Autorin Agnes Hammer beweist einmal mehr sehr viel schreiberisches Talent, und es gelingt ihr überzeugend, die Figuren und Szenarien lesernah zu gestalten. Glaubwürdige Dialoge, geschriebene Bilder mit viel Liebe zum Detail, ein angenehmes Tempo im Storyverlauf, viele Gefühlsbeschreibungen; Hier ein kauziges, liebenswertes Dorf mit ebenso schrulligen Charakteren, dort ein Mord und ein selbstständiges “Ermittlerduo”, das agiert wie die Protagonisten von “CSI” und “Lie To Me”  – nur in einer realistischeren, eigenwilligeren und typisch dorfdeutschen Variante.

Letzten Endes ist es schön, dass “Dorfbeben” nicht einfach nur ein Thriller ist, sondern gleichermaßen die Entwicklung eines jungen Menschen ausleuchtet und eine beinahe schon sozialpsychologische Komponente in sich birgt – all das in einer sprachlich unkomplizierten Form. Viel Inhalt auf wenigen Seiten – so etwas gibt es leider viel zu selten.

Cover © script5

  • Autor: Agnes Hammer
  • Titel: Dorfbeben
  • Verlag: script5
  • Erschienen: 2010
  • Einband: Klappenbroschur
  • Seiten: 280
  • ISBN: 978-3-8390-0119-6

Wertung: 11/15 dpt

(Diese Rezension erschien ursprünglich in noisyNeighbours #34 und wurde vom Verfasser für booknerds.de überarbeitet. Vielen Dank an dieser Stelle für die Gestattung der Artikelübernahme!)