Andrea Sawatzki - Ein allzu braves Mädchen (Hörbuch)

Andrea Sawatzki – Ein allzu braves Mädchen (Hörbuch, Autorenlesung)

Andrea Sawatzki - Ein allzu braves Mädchen (Hörbuch)In Film und Fernsehen zeigt die 1963 geborene Andrea Sawatzki seit Jahrzehnten, dass sie zu einer der wenigen deutschen Schauspielerinnen gehört, die einerseits variabel und andererseits stets glaubwürdig ihre Arbeit ausüben, und auch in Hörbuchkreisen ist sie gerade in letzter Zeit zu einer begehrten Sprecherin geworden. Mit „Ein allzu braves Mädchen“ versucht sich Sawatzki nun auch in Schriftstellerei, und es lag bei dem Sprechtalent auch nicht allzu fern, den ersten Roman aus eigener Feder auch selbst zu lesen.

Eine junge Frau in einem grünen Pailettenkleid wird von der Polizei völlig verstört in einem Waldstück gefunden. Sie zittert am ganzen Leib, und sie weiß weder ihren Namen, noch kann sie sich erinnern, was passiert ist und wieso sie nun hier unter Tannenzweigen kauert. Zur selben Zeit findet man durch das auffällig langanhaltende Bellen seiner beiden Hunde den einundsiebzigjährigen Winfried Ott splitterfasernackt im Schlafzimmer seiner Villa im Münchner Vorort Grünwald. Der alte Mann, übel zugerichtet, wurde sehr wahrscheinlich mit einer scharfkantigen Waffe niedergestreckt.

Die Polizei ermittelt nun, und die bald als Manuela Scriba bekannte junge Frau wird in die Psychiatrie eingewiesen. Erst der Psychologin Dr. Minkowa öffnet sie sich nach anfänglicher Skepsis und Ablehnung, bis sie ihr letztendlich ihre ganze Geschichte erzählt – ja beinahe dankbar dafür ist, die Bürde, die sie in ihrem Innern trägt, endlich mit jemandem zu teilen. Doch es stellt sich sehr bald die Frage, ob das, was Scriba Minkowa erzählt, wirklich wahr, erfunden oder gar beides ist.

So geht sie bis in die Kindheit zurück und erzählt der Doktorin, dass sie sich bereits in noch sehr jungen Jahren um ihren dementen Vater kümmern musste. Ihren Vater, der durchaus mal nackt vor ihrem Bett stand, sie nicht erkannte und mitten im Haus gerne einfach auf den Teppich urinierte. Mit Hilfe konnte sie nicht rechnen, auch elterliche Liebe war ihr gänzlich fremd, und so war Manuela Scriba als kleines Mädchen mit ihrer Situation völlig überfordert – in ihr Gehirn hat sich frühzeitig eingebrannt, dass Männer nichts als eine Last sind. Dass sie böse, lieblose, misshandelnde und missbrauchende Gestalten sind. Welche, die man bestrafen muss. Manuela wählt Prostitution als Lebensweg, denn sie möchte die Männer fortan benutzen und Rache an ihnen üben – und macht sich selbst damit zum Opfer.

Andrea Sawatzkis Debüt ist hinsichtlich der Heftigkeit eine Eröffnung ihrer literarischen Karriere in Form eines Paukenschlags, denn die Autorin nimmt absolut kein Blatt vor den Mund. Die Ereignisse und Erlebnisse, die Sawatzki ihre Protagonistin erzählen  und noch einmal durchleben lässt, ziehen dem Zuhörer oftmals den Speichel aus dem gesamten Mundbereich, sodass man oftmals schon von einem auf psychischer, retrospektiver Ebene erzählten Roman noir der etwas anderen Art sprechen kann: Es wird kaum ein Detail hinsichtlich sexueller Handlungen, Perversionen, sexuellen Missbrauchs und seelischer Grausamkeit ausgelassen, sodass während des gesamten Hörens ein Gefühl der Unbehaglichkeit in der Luft bleibt, das noch lange nachwirkt. Denn positiv ist in diesem Roman inhaltlich rein gar nichts. Er ist rabenschwarz und erschütternd – und ist nicht gerade für diejenigen gemacht, die nur in ein dünnes Nervenkostüm gewandet sind.

Trotz einiger wirklich grandios formulierter, intensiver Gedankengänge bleibt Sawatzki in ihrer Sprache recht simpel, was die mehrsträngig erzählte, am Ende zusammenlaufende Story sehr direkt, sehr „in your face“ auf den Hörer beziehungsweise Leser zurauschen lässt. Das gelingt der Neuautorin eigentlich exzellent, nur wiederholen sich hier und dort ein paar zu viele Formulierungen, und bei einigen ebensolchen hätte sich die Frau mit dem markanten Feuerschopf vielleicht für eine elegantere Ausdrucksvariante als solche Floskeln wie „ein Lächeln umspielte ihre Lippen“ wählen dürfen, doch wer weiß, ob das (Hör-)Buch dann noch die Schonungslosigkeit in sich trüge, die es transportiert? 

An den Qualitäten als Autorin mag man also noch vorsichtig herummäkeln können, gerade wenn es noch der erste Roman ist, doch an ihren Qualitäten als Vorleserin muss man nicht wirklich zweifeln, denn Sawatzki weiß diesen Roman extrem hörernah zu erzählen und bringt die Verzweiflung, die emotionale Abgestumpftheit Manuela Scribas, die Sachlichkeit der Dr. Minkowa und vieles andere sehr ungefiltert rüber – man nimmt den Figuren ihre Rolle ohne weiteres ab, und das ist es schlussendlich, was ein gutes Hörbuch primär ausmacht.

 Cover © Osterwold/Hörbuch Hamburg

 

 

Wertung: 11/15 dpt