Joanne K. Rowling - Ein plötzlicher Todesfall (Hörbuch, gelesen von Christian Berkel)

Joanne K. Rowling – Ein plötzlicher Todesfall (Hörbuch, gelesen von Christian Berkel)

Joanne K. Rowling - Ein plötzlicher Todesfall (Hörbuch, gelesen von Christian Berkel)Dass „Ein plötzlicher Todesfall“, der erste Erwachsenenroman der britischen „Harry Potter“-Schöpferin Joanne K. Rowling, ziemlich anders sein würde, war durchaus bekannt, doch dass das Werk einen solch krassen Kontrast zum bisherigen Schaffen darstellt, war dann doch eine große Überraschung – eine, die die Leserschaft spaltete. Viele, die der Meinung waren, die Engländerin könne nur Potter, rührten das Buch voreingenommenheitsschwanger erst gar nicht an. Ebenso gab es jene, die völlig enttäuscht darüber waren, dass Rowling mit diesem Roman komplett der mystisch-magischen Phantasterei abgeschworen und stattdessen eine realistische Story, mitten aus dem Leben gegriffen, vorgelegt hat. Dann gab es solche, die von der teilweise doch sehr rohen, vulgären Sprache abgeschreckt wurden. Positive Stimmen halten sich auch rund acht Monate nach Veröffentlichung mit den negativen eher die Waage.

Nach dem riesigen Erfolg, den die Schriftstellerin durch die „Harry Potter“-Heptalogie einfahren konnte, waren es demnach vor allem die Erwartungen eines Großteils der Allgemeinheit, die diese Eindrücke geprägt haben, denn wer weiß, wie die Resonanz zu diesem Werk ausgefallen wäre, stünde die Autorin nicht derart im Rampenlicht? Der Verfasser dieser Zeilen ist der Meinung: Etwas besseres als dieser mutige und radikale Stilbruch hätte gar nicht passieren können, denn so vermied es Rowling, sowohl in ein Klischee abzudriften als auch ein Abziehbild ihrer Selbst zu werden. Der steinige Weg ist manchmal eben doch der einzig sinnvolle, um bei sich selbst zu bleiben.

„Ein plötzlicher Todesfall“ nimmt uns mit in die englische Kleinstadt Pagford. Ganz am Anfang des Buches erleben wir die letzten wenigen Momente im Leben des Barry Fairbrother. Jener ist Rudertrainer an einer Pagforder Schule, Gemeinderatsmitglied, setzt sich für eine lokale Drogenklinik im sozialen Brennpunkt The Fields ein und ist bei allen hoch angesehen – höchstens seine politischen Rivalen könnten in ihm einen Feind sehen. Unerwartet fällt Fairbrother – einfach so . auf einem Parkplatz einer Golfanlage zu Boden und stirbt. Todesursache: Aneurysma.

Der weitere Verlauf der aus sieben Teilen bestehenden Story beleuchtet nach jenem Ereignis größtenteils die Geschehnisse und das Leben verschiedener Personen aus Fairbrothers Bekanntenkreis und insbesondere deren einzelne Familien mit all ihren kleinen und großen Problemen und Eigenheiten. Die vorgeblich herrschende Harmonie Pagfords ist von nun an in ihren Grundfesten erschüttert, und unverhofft heftig kocht ein erbitterter Kampf um den überraschend frei gewordenen Posten auf. Ein Netz aus Intrigen, menschlichen Abgründen, hässlichen egoistischen Handlungen offenbart immer neue Fäden, verdichtet sich immer mehr und legt sich zunehmend schwerer über den Ort. Abneigungen einzelner Figuren gegeneinander bestanden schon seit jeher, wie das praktisch in Jeder-kennt-jeden-Gemeinden die Regel ist, aber durch den neu entstandenen Konkurrenzkampf der verschiedenen Kandidaten sehen sich obendrein manche Jugendliche aus den Familien dazu verleitet, mit unlauteren Mitteln im Internet gegen die jeweils unerwünschten Kandidaten und unbeliebten Ratsmitglieder Stimmung zu machen. Doch trotz der Frage, mit wem das politische Amt nun besetzt werden soll, darf der Ort und seine Problemgegend sowie die Bellchapel-Entzugsklinik auch während der Neuwahlen nicht aus den Augen verloren werden. Nichts in Pagford und The Fields ist mehr so wie zuvor, und Stück für Stück entpuppt sich fast jede Person zu einem Menschen, der irgendwie Dreck am Stecken, eine Leiche im Keller hat oder schlichtweg eine oder mehrere abgrundtief schlechte Eigenschaften besitzt. Was dem Hörer beziehungsweise Leser „bislang verschlossen blieb“, wird nun in all seinen schonungslos unschönen Details offengelegt. Auf die einzelnen Charaktere einzugehen, wäre nun wohl zu viel des Guten und würde eine ellenlange Liste zur Folge haben. Daher nur ein kurzer Einblick in die Familien, von denen die Fairbrothers in diesem Buch eine eher untergeordnete Rolle spielen.

Da wäre beispielsweise die Familie Mollison – Feinkostladenbesitzer Howard führt die Mehrheit des örtlichen Gemeinderats an und war schon seit jeher der Erzrivale des Verstorbenen, doch auch sein Sohn Miles, Anwalt, ist sehr an dem Posten interessiert und rechnet sich gute Chancen aus. Mit der Zeit entpuppt sich Howard immer mehr zu einem selbstherrlichen Stinkstiefel, und als sowohl die Familie als auch seine Ehe mit Frau Shirley und die seines Sohnes mit Gemahlin Samantha immer mehr in Schieflage geraten, wird die ganze Sache alles andere als lustig. Desweiteren lebt die sechzehnjährige Krystal Weedon, Ruderprofi in Fairbrothers Team, in den Fields und versucht, ihren sich noch im Kleinkindesalter befindlichen Brurer Robbie vom Einfluss ihrer gemeinsamen heroinsüchtigen prostituierten Mutter fernzuhalten, indem sie die Mutterrolle übernimmt – kein einfaches Unterfangen bei einer solch verkorksten Kindheit, zumal die Sozialarbeiterin Kay Bawden ein Auge auf die Familie wirft. Ebenso versucht Krystal, irgendwie ihren Platz im Leben zu finden und greift hierbei zu unkonventionellen und doch nachvollziehbaren Methoden. Dass Krystal in den etablierteren Kreisen eine persona non grata ist, muss dabei wohl kaum näher erörtert werden.

Der Druckereiangestellte Simon Price ist ein weiterer Kandidat mit extrem eigennützigen Motiven, doch auch innerhalb der Familie sind die Zustände äußerst hässlich – so bekommen sowohl seine Frau Ruth als auch die Söhne Paul Andrew nicht nur verbal heftige Tiefschläge verpasst, sondern sehen sich auch regelmäßig mit physischer Gewalt konfrontiert. Ebenfalls zur Auswahl steht für den offenen Posten noch Lehrer Colin Wall, verheiratet mit seiner Frau Tessa – wobei ihm der Adoptivsohn Stuart, von allen „Fats“ genannt, das Leben mehr als nur schwer macht. Ebenso würde sich die Ärztin Parminder Jawanda, Mutter der in der Schule gemobbten, sich selbst ritzenden Sukhvinder sowie Ehefrau des Chirurgen Vikram, gerne zur Wahl aufstellen lassen.

Einerseits sorgt die Eigendynamik der Familienvorkommnisse in- und untereinander für zahlreichen Gesprächsstoff, andererseits befeuern die anonymen Vorwürfe aus dem Cyberspace die heftigen Grabenkämpfe zusätzlich, und so wird auch so mancher Kandidat verbal mit Dreck beworfen, der dies nicht wirklich verdient hat. Oder vielleicht doch? Gute Frage, denn als „Zuschauer“ muss man sich von Szene zu Szene von Neuem fragen: »Wer ist hier denn eigentlich kein Kotzbrocken?« – unter all den Charakteren in dieser multiprotagonistischen Geschichte lässt sich kaum jemand ausmachen, der zu einhundert Prozent sympathisch erscheinen mag.

„Ein plötzlicher Todesfall“ ist perfektes Kopfkino für den Psychologen im Leser/Hörer, eine Fallstudie am Beispiel eines kleinen Orts, ein epischer Einblick in die menschlichen schwarzen Löcher der Moral, ein panoramischer Überblick über eine kaputte Gesellschaft, in welcher sich letztendlich doch jeder selbst der Nächste ist, koste es an Respekt oder generell menschlichem Wert, was es wolle. Und nicht nur deshalb passt die von Rowling gewählte, teilweise derbe, gossenhafte Sprache (»Schwuchtel«, »verfickt«, »verkackt«, »dieser verdammte Wichser«, »Hast du sie gefickt?« sowie eindeutige genital- und fäkallastige Ausdrücke) so perfekt in diese Geschichte, denn die emotional enorm ausufernden Situationen sind der perfekte Nährboden für das völlige Abhandenkommen jedweder Beherrschung. Hier wurde keinerlei Rücksicht auf Hollywood-Verfilmungen genommen, ebenso nicht auf die guten sprachlichen Sitten, denn das hätte inhaltlich und dramaturgisch zu viele Einbußen mit sich gezogen. Wenn Personen mit ihren Nerven völlig am Ende sind und ihre Augen aus dem hochroten Gesicht zu quellen drohen und der Speichel in Schaumform aus den Mundwinkeln rinnt, sagen sie nun mal nicht einfach nur »Mist!« oder »Halte endlich deinen Mund!«, sondern »Gottverdammte Scheiße!« oder »Halt endlich deine elende Fresse!« … sicherlich gibt es den ein oder anderen piekfeinen Normalbürger, der auch in extremsten Situationen dazu in der Lage ist, sich gewählt auszudrücken und die Contenance zu bewahren, doch sind wir ehrlich zu uns selbst: Wer hat sich denn noch nicht dabei erwischt, laut »Scheiße!« zu rufen, wenn morgens nach dem Anziehen der frischen Arbeitskleidung erst mal Kaffee oder Marmelade auf Hemd oder Hose landet? Wohlgemerkt: In diesem Roman sind keine Kleckerflecken die Steine des Anstoßes…

Die Autorin hat mit dem Roman letztendlich ein würdiges Debüt im Erwachsenensektor erschaffen, das durch seine ungehobelte Art und seine komplexen Verflechtungen besticht, ebenso durch seine Echtheit, seine Dramatik – und an manchen Stellen gar durch feinsinnige schwarzhumorige, jedoch niemals komödiantische Elemente. Momente eben, in denen man einerseits ganz schön schlucken, andererseits aber auch ein wenig schmunzeln muss. Wichtig bei alledem ist, dass man sich vor dem Genuss des Buches oder dessen Hörbuchvariante von sämtlichen Vorurteilen oder Erwartungshaltungen befreit und „Ein plötzlicher Todesfall“ als das absolut unabhängige Werk sieht, welches es ist.

Bei vorliegender Hörbuchversion handelt es sich obendrein um die vollständige, ungekürzte Lesung, und so bekommt der Freund der vorgelesenen Literatur hier satte neunzehn Stunden Hörspaß geboten, die es in haptischer Form wahlweise auf drei mp3-CDs oder auf achtzehn regulären Audio-CDs zu erwerben gibt. Vor einem der wenigen wirklich großartigen deutschen Schauspieler, nämlich Sprecher Christian Berkel, muss man diesbezüglich ehrfürchtig den Hut ziehen, denn der hat sich die knochenharte Arbeit auferlegt, dem Werk seine vielseitige, markante Stimme zu leihen. Man möchte wohl kaum wissen wollen, wie viele Stunden dieser Mann im Studio verbracht haben muss, um diese 1140 Minuten Hörmaterial fehlerfrei auf Konserve zu bannen. Der 1957er, langjähriger Lebensgefährte von Schauspielerin und Autorin Andrea Sawatzki sowie Vater zweier gemeinsamer Söhne, liest den Roman mit einer solchen Variabliität, Dynamik, Leidenschaft, Hingabe und Emotionalität, dass man sich die einzelnen Figuren leibhaftig vorstellen kann. Der selbstherrliche Arsch kommt genau so perfekt rüber wie die völlig von Drogen benebelte Mutter, die zickige Teenagerin ebenso glaubwürdig wie der cholerische, brutale Vater, der sich selbst überschätzende Schüler wird regelrecht plastisch wie auch die am Boden zerstörte Ehefrau, der psychisch angegriffene Lehrer oder die seelenverkrebste Außenseiterin. Wenn in diesem Hörbuch jemand vor Wut beinahe platzt, hat man durchaus das Gefühl, gleich komme derjenige aus den Lautsprechern gesprungen, Geschrei sorgt für eine schicke Sturmfrisur, und wenn einzelne Personen leise, schüchtern, verängstigt sprechen, muss man sich den Boxen regelrecht nähern, so als wolle man der hilfebedürftigen Person helfen und nahe sein.

Im Gesamtpaket wird dem hörbuchaffinen Literaturfan fürwahr ‚value for money‘ geboten – und er bekommt zusätzlich den Beweis geliefert, dass extremer Erfolg nicht immer mit Ausruhen auf den erarbeiteten Lorbeeren und dem oftmals damit verbundenen Qualitätsabsturz sowie dem Festhalten an Erfolgsmustern einhergehen muss.

Cover © der Hörverlag

 

  • Autor: Joanne K. Rowling
  • Titel: Ein plötzlicher Todesfall
  • Originaltitel: The Casual Vacancy
  • Übersetzer: Susanne Aeckerle, Marion Balkenhol
  • Verlag: der Hörverlag
  • Erschienen: 09/2012
  • Sprecher: Christian Berkel
  • Spielzeit:
    19 Stunden auf 3 mp3-CDs
    (auch erhältlich in Form von 18 Audio-CDs)
  • ISBN: 978-3-8445-1268-7
  • Sonstige Informationen: 
    Vollständige Lesung
    Erwerbsmöglichkeiten der Hörformate bei der Hörverlag
    Gebundenes Buch erschien beim Carlsen Verlag
    Taschenbuch wird beim Ullstein Verlag erscheinen.

 

Wertung: 13/15 dpt