Dieter Nuhr – Das Geheimnis des perfekten Tages (Hörbuch, Autorenlesung)

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Dieter Nuhr - Das Geheimnis des perfekten Tages (Hörbuch) Cover © Lübbe AudioDie geistigen Ergüsse eines Dieter Nuhr zu lesen oder in Hörbuchform als Autorenlesung zu genießen, besitzt stets einen klaren Mehrwert zu dem, was er auf der Mattscheibe verkörpert. Sicher, er ist der, der den Deutschen Comedypreis moderiert, über dessen Qualität der Beiträge man sich zu Recht streiten kann – und hier und dort sah man ihn auch schon in Sendungen, in welchen er keine allzu glückliche Figur machte. Man erinnere sich nur mal (mit Grauen) an die „Comedy Woche“, einen extrem lauen Aufguss der schon seinerzeit aus subjektiver Sicht nicht allzu prickelnden, aber damals immerhin halbwegs revolutionären Sendung „7 Tage 7 Köpfe“ – wo man ihn übrigens auch nicht selten zu sehen bekam.

Sein wahres Potenzial offenbart er in seinen Liveprogrammen, wobei besonders die, die in den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten ausgestrahlt werden, doch noch ein Quentchen mehr Anspruch besitzen. Auch als durch den rbb-„Satire-Gipfel“ und ähnliche höherwertige Sendungen Führender beweist er, dass er deutlich mehr kann als das, was der, der bei Comedy lediglich RTL einschaltet, so mitbekommt. Insgesamt kann man sagen, dass es kaum jemandem wie Nuhr gelingt, wirklich für jede Zielgruppe etwas bieten zu können – Teile seines Programms sind reine Comedy, andere wiederum pures Kabarett, und dann wieder herrscht hundsgemeine Satire vor. Schlichte wie anspruchsvolle Gemüter werden gleichermaßen bedient, und so entsteht aus den Stühlen, zwischen die sich Nuhr setzt, beinahe schon eine Art Stuhlkreis, in welchem man, ganz gleich, wie man gelagert ist, gerne auf einem der Sitzmöbel Platz nimmt.

Allerdings sind auch Liveauftritte begrenzt, nämlich hinsichtlich Zeit – statt einer neunzigminütigen bis zweistündigen Vorstellung bekommt der Hörer hier nämlich erneut über viereinhalb Stunden Qualitätsunterhaltung geboten. In „Das Geheimnis des perfekten Tages“ begleiten wir den heuer vor dreiundfünfzig Jahren geborenen Weseler einen ganzen Tag lang, vom morgendlichen Wachwerden und Wiedereindösen über den ganz normal-wahnsinnigen Tagesablauf bis hin zum abendlichen Abschalten, Wegdriften und Träumen. Die in viel Wortwitz gewandete und mit viel Selbstironie gefärbte Selbstdarstellung ist hierbei nur eine Komponente des amüsanten Werks, ebenso das, was er den einsamen, arbeitsfreien Tag über beobachtet. Denn das Herzstück seiner Redeschwälle sind letztendlich die Aus- und Abschweifungen seiner Gedanken, die philosophischen Anflüge, die teilweilse bitterbösen Gedanken – und dann, wenn man nich damit rechnet, kommt noch eine gehörige Portion wunderbaren Unfugs obendrauf.

Was den Hörspaß besonders groß werden lässt, ist, mit welcher Begeisterung und Faszination Nuhr seinen Gedanken nachgeht, die Gabelungen entlangschreitet, den Verschwurbelungen folgt – dieser Enthusiasmus wirkt wie ein Sog, und so hängt man einmal mehr sehr schnell an den Lippen des Nordrhein-Westfalen und möchte sich mittreiben lassen von den Strömen, die in seinen Gehirnwindungen zu verlaufen scheinen.Kurz: Sein Spaß an den eigenen Spinnereien steckt an.

Welchen Menschen sollte man lieber keine Rechenaufgaben stellen? Möchte man den übergewichtigen Nachbarn wirklich in seiner Leberwurst haben? Wie war das noch mal ohne Google, Smartphone und Laktoseintoleranz? Warum wird Jahr für Jahr der hässlichste Hund gewählt und nicht die hässlichste Katze oder gar der hässlichste Mensch? Welche Vorteile und Nachteile haben echter Kommunismus oder echte Demokratie? Wie sind denn nun die Ergebnisse der Prostatauntersuchung? Sollte man nun aufstehen oder doch lieber noch etwas liegen bleiben?

Wie gewohnt werden die Pointen ohne Vorwarnung detoniert, in der typisch nuhrschen Beiläufigkeit, mal mitten im gedankenerumpierenden Satz, dann wieder beim Senken der Stimme, oder aber nach einer kurzen Atempause, bei der man eigentlich erwartet hätte, nun ginge es mit den Ausführungen weiter. Diese Unberechenbarkeit hält das Sammelsurium oftmals absurdester Ideen zusammen und sorgt dafür, dass keinerlei Ermüdungserscheinungen einsetzen. Ab und an dürfte gar so mancher Philosoph, Soziologe/Verhaltensforscher und Psychologe neidisch sein auf die Beobachtungen, Verknüpfungen und Schlussfolgerungen, die Nuhr anstellt.

Sicher, wenn man ein paar Jährchen im Geschäft ist, kann es durchaus schon einmal vorkommen, dass sich das ein oder andere wiederholt oder in ähnlicher Form ereignet, doch da die Quantität und Qualität dessen, was ansonsten auf den Hörer losgelassen wird, diese wenigen Déjà-vus schlichtweg zu einem verschwindend geringen Teil des Ganzen werden lässt, lässt sich dies verschmerzen. Bei einer Band oder bei einer Lieblingsserie beschwert man sich schließlich auch nicht unbedingt, wenn man merkt: „Huch, das klingt ja wie…“ oder „Oh, so einen Fall der Woche gab’s doch schon mal in Staffel ölfundumpfzig, Folge öchzehn!“, und sich dies dann auch in Grenzen hält. Irgendwann bürgert sich eben auch bei den innovativsten Vertretern ihrer Zunft ein „typisch“ ein, und „Das Geheimnis des perfekten Tages“ ist eben „typisch Nuhr“, es überrascht eigentlich kaum und dann doch wieder. Und letzten Endes bekommt man genau das, was man von ihm erwartet: Vielseitige Unterhaltung, die ihre Antennen in vielerlei Richtungen ausfährt.

 Cover © Lübbe Audio

Wertung: 12/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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