Der Mann, der den Regen träumt (Buch) Cover © script5

Ali Shaw – Der Mann, der den Regen träumt (Buch)

Der Mann, der den Regen träumt  (Buch) Cover © script5Das Debüt „Das Mädchen mit den gläsernen Füßen“ wusste zwar durch einen wunderschönen Sprachstil zu betören, allerdings haben die blumig-kreativen, langen Sätze nicht über die dünne, in die Länge konstruierte Geschichte hinwegtäuschen können. So war die Hoffnung groß, dass der britische Autor Ali Shaw in seinem Zweitwerk vielleicht etwas mehr Inhalt und weniger Ausschmückungen liefert.

Auch wenn die optisch einmal mehr wunderbare Aufmachung Anderes vermuten lassen könnte, hat „Der Mann, der den Regen träumt“ keinerlei Bezug zum Vorgängerwerk und ist eine zu hundert Prozent eigenständige Geschichte – anderer Ort, andere Protagonisten, anderes Setting, anderes Mysterium:

Elsa, mittlerweile neunundzwanzig Jahre alt, hat ihr altes Leben satt. Der Trigger, sämtliche Brücken hinter sich abzubrechen, war letztendlich der Tod ihres Vaters. Sie entsagt dem Großstadtleben und zieht in ein abgelegenes Städtchen namens Thunderstown, nahe den Bergen. Thunderstown wirkt, kaum verwunderlich, sonderbar auf sie , so beispielsweise der schwermütige, hünenhafte Daniel Fossiter, der eine mitunter grobe Art an sich hat, bei den Einwohnern allerdings hohes Ansehen genießt. Auch empfindet sie es als merkwürdig, als die Leute dort verschwörerisch munkeln, dass an diesem Ort das Wetter zum Leben erwache. Doch als sie in den Bergen unterwegs ist, erklärt sich, was damit gemeint ist: Sie begegnet Finn, einer Gestalt, die Mensch und Wetter in einem Körper vereint. Seine Andersartigkeit hat dazu geführt, dass er dort oben ein einsames Leben führt, denn die Dorfbewohner verachten ihn, weil er ist wie er ist. Man trägt Gerüchte über ihn durch den Ort, und Neuankömmlingen rät man vehement davon ab, mit ihm in Kontakt zu treten. Doch Elsa fühlt sich zu ihm hingezogen, verliebt sich in ihn und möchte gemeinsam mit ihm gegen die Vorurteile, Hürden und Widerstände ankämpfen. Schritt für Schritt bekommt der Leser obendrein einen Einblick in Daniel Fossiters Seele gewährt, wodurch sich auch bei ihm erklärt, weswegen er bestimmte Wesenszüge in sich trägt.

Während der Lektüre fällt auf, dass sich Shaw dieses Mal zwar noch immer ausgiebig in extrem bildhaften und ebenso extrem detailreichen Formulierungen verliert, der Schwurbelfaktor jedoch ein klein wenig reduziert wurde. Und insgesamt erscheint „Der Mann, der den Regen träumt“ ein ganzes Stück konsistenter und schlüssiger, zumal die Story nicht ganz so künstlich-dramatisch gestaltet wurde und schlichtweg weniger „herumgeeiert“ wird. Ganz im Gegenteil: Gerade im letzten Buchdrittel erscheinen die Handlungen und Wendungen zunehmend hastiger geschrieben worden zu sein, sodass das Ganze mitunter beinahe Fahrigkeit in sich birgt.

Doch auch einige andere Dinge trüben den Lesegenuss nicht unerheblich, denn an zahlreichen Stellen, bis hin zum Schluss, offenbart sich zuweilen so viel Kitsch, dass vor lauter Glitterglitzerherzenhüpf und plakativer, effekthaschender Darstellungen der Zuckerguss aus den Buchseiten trieft, sodass selbst der romantischste Romantiker mitunter genervte Seufzlaute von sich geben muss. Und während die wichtigsten Figuren (Finn, Fossiter und Elsa) noch möglichst vielschichtig präsentiert werden, macht sich bereits bei den nicht unwichtigen Nebenfiguren (Kenneth Olivier, der Elsa den Einzug ins Dorf überhaupt erst ermöglicht hat) eine einseitige Darstellung bemerkbar, die sich bei den weiteren Charakteren noch platter zeigt.

Neben Logikfehlern (»Mit einem erleichterten Seufzer eilte Elsa ins Badezimmer und gönnte sich eine lange Dusche. Dann zog sie sich an und putzte sich die Zähne. Zahncreme rann ihr übers Kinn und tropfte ins Waschbecken. Sie knöpfte ihre Jacke zu und vergewisserte sich noch einmal, dass sie ihre Schlüssel eingesteckt hatte.« – hat sich Elsa zuerst die Jacke angezogen, bevor sie sich der Zahnpflege gewidmet hat), die man eindeutig dem Autoren ankreiden kann, offenbaren sich fatale Übersetzungsfehler, die den Inhalt entscheidend verfälschen: »Dort hing die Gewitterwolke wie eine furchterregende Arche über der Stadt.« – in einem Vokabeltest kann man die Verwechslung von ‚arc‘ und ‚ark‘ noch als Flüchtigkeitsfehler verbuchen, doch wenn man wenigstens halbwegs in die gerade bearbeitete Geschichte eintaucht, sollte einem so etwas auffallen. Den Vogel schießt allerdings der Buchtitel ab, denn hier „träumt“ kein Mann den Regen. Hier „ist“ jener Mann das Wetter.

Somit kann der Rezensent die euphorischen Stimmen im Literaturkritikwald auch beim zweiten Shaw-Titel nicht so recht nachvollziehen, denn wenngleich sich ein wenig Besserung in seinem Schaffen zeigt, so ist auch dieser Roman weit davon entfernt, auf irgend eine Weise ein Ausrufezeichen im Bücherregal darzustellen. Das ist insofern schade, weil einerseits der Schriftsteller vor Kreativität nur so überzusprudeln scheint und weiß, wie man schöne Worte erschafft, ihm diese Gebilde allerdings oftmals unkontrolliert entgleiten, und andererseits, weil sowohl bei der Übersetzung als auch beim Lektorat inakzeptable Schnitzer zu verzeichnen sind.

Cover © script5

 

  • Autor: Ali Shaw
  • Titel: Der Mann, der den Regen träumt
  • Originaltitel: The Man Who Rained
  • Übersetzer:
    Sandra Knuffinke
    Jessika Komina
  • Verlag: script5
  • Erschienen: 2013
  • Einband: Gebunden mit Schutzumschlag
  • Seiten: 336
  • ISBN: 978-3-8390-0146-2
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag

 

Wertung: 8/15 dpt