Dorian Steinhoff – Das Licht der Flammen auf unseren Gesichtern (Buch)

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Dorian Steinhoff - Das Licht der Flammen auf unseren GesichternMan kann den Menschen auch kaputt beobachten

Authentizitätskritik ist so eine Sache. Vor allem, wenn sie aus der Kunst kommt. Dann kann man das nicht ernst nehmen. Weder Musiker noch Schriftsteller sind besonders authentische Menschen, wenn sie Musik machen oder schreiben. Was dem einen die Show (oder Nicht-Show-Show) ist dem anderen der Erzähler (oder Ich-Erzähler). So eine Sache ist es nämlich, wenn Kurt Cobain Kritik am Entertainer-Dasein performt, wenn Kreisky »Scheiße Schauspieler« singen oder die Goldenen Zitronen das „Gleiche Ambiente“ darstellen. Dass der Mensch sich selbst, seine Wahrhaftigkeit und seinen Seins-Bezug verloren hat, ist bei Kracht und Stuckrad-Barre nachzulesen wie der Ödipus-Komplex bei Freud. Eine beschwörende Prophezeiung ist das, deren Selbsterfüllung es nun zu behandeln gilt: Es gibt keinen authentischen Menschen mehr. Es gibt nur noch den rhetorischen Menschen und überhaupt habt ihr alle ein Problem.

Realistische Literatur, wie sie Dorian Steinhoff macht, hat das Problem nie richtig verstanden und demzufolge auch auf die schlechteste Art und Weise lösen wollen. Man hat den Menschen kaputt beobachtet. Dabei sind schon die Medien voll von Wiedergaben menschlicher Verhaltensweisen, voll kleiner Lügen, rhetorischer Kniffe, Selbstsabotage, voll feiger Gesten, arroganter Ängste und faschistoider Überheblichkeiten. Doch musste auch noch, von Hamburg bis nach New York,  jede dem Menschen mögliche Aktion und Reaktion psychologisiert, katalogisiert,  literarisiert, verallgemeinert, in einen negativen Kontext gesetzt und damit tabuisiert werden.Wenn die Kunst der Wissenschaft vorwirft, das Besondere zugunsten des Allgemeinen zu vernachlässigen und den Menschen zu einem entzauberten Faktenhäufchen zu zerschnibbeln, dann muss sich zumindest der harte Realismus selbst fragen, wie er das Besondere hinterlässt, nachdem er es assimiliert hat. Durch die ungebrochene, realistische Darstellung des Lebens wird unser Alltag zur Bühne und das Ich notwendig zum Schauspieler, weil nach und nach kein unbeobachteter, kein unbeschriebener Raum mehr übrig bleibt. Der rhetorische Mensch, wenn es ihn überhaupt gibt, ist hausgemacht.

Dorian Steinhoff beschreitet mit „Das Licht der Flammen auf unseren Gesichtern“ diese falsche Lösung und geht dabei so weit, dass sich die sieben Kurzgeschichten der Sammlung dem konstruierten, pseudo-authentischen Realismus des Reality-TVs annähern. Gleichzeitig hält er seine präzise Schriftstellerkamera immer auf die Stellen, die ihm falsch und geschauspielert erscheinen, führt seine Charaktere vor wie es Beiträge im Mittagsprogramm der Privaten tun und bricht das überschaubar Menschliche seiner Texte in einer fragwürdigen Ironie, die seine Geschichten überhaupt erst erzählbar macht. Dass die Menschen hier, wie es auf dem Buchrücken heißt, liebenswert erschienen, weil es Dorian Steinhoff gegeben sei, uns genau zu sehen und unsere Taten und Gespräche in Literatur zu übersetzen, stimmt nicht. Im Zentrum des Buchs steht die geheiligte Linse des Beobachters, der auch Regisseur und Raubbau-Betreiber auf der Suche nach Betroffenheit ist, der sich weigert, vor die Kamera zu treten, seine Illusion zu brechen.

Das Licht der Flammen auf unseren Gesichtern

Die Kurzgeschichten spielen tragische Stücke in unterschiedlichen Milieus. Die verschiedenen Ich-Erzähler beherrschen ihre Soziolekte glaubwürdig, wobei die Sprache ein hohes Maß an Klarheit, Direktheit und schnörkelloser Einfachheit besitzt. Der Inhalt ist breit gestreut. So handelt die erste Geschichte von einem angehenden Fußball-Spieler, einem jungen Deutsch-Türken, der sich, schutzlos der Gruppendynamik seiner Jugendfreunde ausgesetzt, in Schwierigkeiten bringt. In den anderen Erzählungen ist von coolen deutschen Backpackern, vom Durchschnittspaar, einem autistischen Jungen, einem sehr ehrlichen Mann und einem klassischen Versager zu lesen.

Alle stolpern mehr oder weniger zufällig in eine schwierige Situation und treffen eine Entscheidung, die den gesamten Verlauf ihrer tragischen Geschichte bestimmt. Die Erzähler sind, autistisch oder im Nachhinein erstaunlich reflektiert, dermaßen präzise Beobachter, dass ihre falschen Entscheidungen nur wie schmierige Regieanweisungen wirken und keinesfalls zu den Charakteren passen. Man könnte schnell interpretieren, dass hier der Reihe nach offenen Auges ins Messer gelaufen wird, dass psychologische Skripte zu erfüllen sind, dass es allzu menschlich ist, zu irren. Aber der Fokus aller Erzählungen liegt immer auf der Beobachtung als Selbstzweck und dem dramatischen Effekt. Am deutlichsten wird das in der Geschichte mit dem autistischen Jungen, wo bei dem Thema Geschlechtlichkeit und Sexualität plötzlich alle Personen mittelalterlich dumm werden, damit es auch zum tragischen Finale kommt.

Hierin liegt dann auch die fragwürdige Ironie und der Reality-TV-Charakter begründet. Die unglaublich realistischen Darstellungen Steinhoffs verlieren sich in ihren Konstruktionen. Sie bieten Drama, aber keine alternativen Handlungsmöglichkeiten. (Wenn es Texte für Jugendliche sein sollen, was manchmal passen würde, musst du Lösungen mitgeben.) Sie wollen an manchen Stellen Authentizität einklagen und verhindern sie damit. Sie wollen so sehr Leben sein und scheitern an der Ironie ihres Konflikts: Der Leser liest die wohlgeformten Stimmen mitten aus dem Leben und schaut tief in die effekterheischende Künstlichkeit. Wenn Steinhoff in seinen Texten die Fiktion deutlicher markiert hätte, hätte sie vielleicht als Gegengewicht zu seinen präzisen Beobachtungen inszeniert, wäre es ein gutes Buch, das nicht Raubbau an der Wirklichkeit betreibt. So, ohne Alternativen, ohne Brüche und nur mit der klagenden oder dramatischen Kamera draufhaltend,  kann es kein gutes Buch sein, wenn die Wirklichkeit, wie es die Geschichten selbst einfordern, noch etwas wert sein soll.

Cover © mairisch Verlag

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Über den Autor

Christian Bischopink


Christians Nerd-Schreibtisch

Aktuelle und ewige Lieblingszitate:

»I’ve seen things you people wouldn’t believe. Attack ships on fire off the shoulder of Orion. I watched C-beams glitter in the dark near the Tannhauser Gate. All those moments will be lost in time like tears in rain. Time to die.«
(Roy Batty, „Blade Runner“)

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von Christian Bischopink Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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