Martin Schöne - Wolf hetzt die Meute (Buch) © Pendragon Verlag

Martin Schöne – Wolf hetzt die Meute (Buch)

Martin Schöne - Wolf hetzt die Meute (Buch) © Pendragon Verlag„Philip, Peter und der gute Wolf“

„Ein starkes Debüt“, prangt in großen Lettern auf der Rückseite des bereits im Februar bei Pendragon erschienenen Kriminalromans aus der Feder von Martin Schöne, Mitglied in der Jury des Deutschen Kurzkrimi-Preises, der bereits 2009 von sich Reden machte, als er für seine Dokumentation über Marek Krajewski den Deutsch-Polnischen Journalistenpreis erhielt. Nun ist eine derartige Art von Werbung für einen Erstling heutzutage zwar keine Seltenheit mehr und mit Sicherheit kein zwingendes Kaufkriterium – die Tatsache aber, dass der relativ kleine Bielefelder Verlag hierfür verantwortlich zeichnet, lässt jedoch die Krimi-Kenner unter den Lesern vielleicht aufhorchen. Seit Jahren gelingt es Günther Butkus und seinem Team bis dato unbekannte Talente zu entdecken beziehungsweise längst vergessene Autoren wieder auszugraben. Zuletzt hat die inzwischen zum Ullstein Verlag abgewanderte Schriftstellerin Mechtild Borrmann von sich Reden gemacht, wohingegen sich Freunde amerikanischer Spannungsromane schon über einen längeren Zeitraum an den Werkausgaben von Robert B. Parker erfreuen können. Ein gutes Pflaster also, um einen Erstling zu präsentieren. Und für die Leser meist eine sichere Bank. Doch trifft das auch auf Schönes „Wolf hetzt die Meute“ zu?

Wolf ist in diesem Fall kein rückkehrendes Raubtier aus dem Osten Europas, sondern ein ehemaliger Zielfahnder, der – dank eines üppigen Erbes – seit Dienstende sein Leben in der Sonne Maltas genießt. Zumindest bis zu dem Tag, an dem ihn ein Anruf aus Berlin erreicht und drei Worte der Mittelmeer-Idylle ein Ende setzen:. „Philip ist verschwunden“. Urplötzlich holt Wolf die Vergangenheit wieder ein, die sich zudem zu wiederholen scheint. Vor vierundzwanzig Jahren verschwand Philips Vater, sein bester Freund, spurlos während der Wirren des Mauerfalls. Und obwohl ihm schon damals alle Mittel der Nachforschung zur Verfügung standen, obwohl er sonst alle seine Ziele aufspüren konnte, hat er bis heute nicht herausfinden können, was mit ihm passiert ist. Eine Schuld, die schwer auf seinen Schultern lastet, weshalb er vor Anke, Peters Frau und Wolfs heimliche, aber unerfüllte Liebe, nach Malta geflohen ist. Doch nun hat nicht nur seinen Ziehsohn Philip dasselbe Schicksal ereilt – es bietet sich auch die Gelegenheit, die Schuld zu begleichen.

Ohne lange darüber nachzudenken, reist er zurück nach Berlin und beginnt sogleich mit seinen privaten Ermittlungen. Philip hat bis zum Tag seines Verschwindens als Wachmann in der Sicherheitsfirma „Heimat“ gearbeitet, welche für den Schutz des DDR („Dritter Deutscher Rundfunk“) verantwortlich ist. Der finanziell angeschlagene öffentlich-rechtliche Sender ist in einem ehemaligen, riesigen Stasi-Komplex samt Bunker und fünf Untergeschossen untergebracht, in dem viele Räume seit der Wiedervereinigung nicht mehr geöffnet worden sind. Unzählige Gänge ziehen sich durch die Gebäude, viele davon sind gänzlich ohne Beleuchtung. Irgendwo hier endet Philips Spur, weswegen Wolf sich selbst als Wachmann in der „Heimat“ einschleust, um bei seinen nächtlichen Runden Näheres herauszufinden. Und schon bald scheint die Suche Erfolge zu zeitigen.

Außer Philip werden auch noch einige andere Mitarbeiter des „DDR“ vermisst. Zumindest von ihren Angehörigen, denn niemand scheint über die Vorfälle berichtet zu haben. Und auch sein ehemaliger Kollege Altmann, inzwischen in den Rängen der Polizei aufgestiegen, gibt sich verschlossen und wortkarg. Soll hier etwas vertuscht werden? Und hat das Ganze vielleicht sogar mit dem Personalabbau des Senders zu tun? Für Wolf wird die Suche nach Antworten auf diese Fragen zu einer Tour de Force …

Es gibt wohl nur wenige Leser, die ohne jegliche Erwartungen an ihre Lektüre herangehen, sich vorher keine Vorstellung von dem machen, was sie zwischen den Buchdeckeln erwartet. Und ein Klappentext bietet, sofern keine Leseprobe zur Hand ist, die beste Möglichkeit, um den jeweiligen Roman vorab einzuschätzen, weswegen man im Fall von der „Wolf hetzt die Meute“ wohl den typischen „Hardboiled-Private-Eye“-Vertreter erwartet. Zumindest was die Handlung angeht, denn das Setting scheint dann doch sogar eher prädestiniert für eine Mischung aus dem Film „Nachtwache“, einer Prise „Nakatomi“-Plaza aus dem ersten „Stirb-Langsam“-Film und einem Schuss „Schimanski“-Tatort. Soll heißen: Martin Schöne bereitet hier eine Bühne, hinter dessen Vorhang durchaus einiges warten könnte, was letztlich für eine gute Dosis Spannung sorgen dürfte. Nachtschwarze Gänge, ein unübersichtliches Gewirr aus Luftschächten, verstaubte und verschlossene Räume, der einsame Wolf mit Taschenlampe und Pistole im Anschlag. Doch trotz dieser Zutaten hat es der Spannungsbogen schwer, will die wohl vom Autor beabsichtigte Atmosphäre gerade zu Beginn so überhaupt nicht aufkommen.

Martin Schöne, selbst Redakteur mit eigener Krimi-Kolumne bei 3Sat, weiß, worauf es ankommt,  welche Hebel er ansetzen muss – allein er scheint Probleme zu haben, sich für eine Richtung zu entscheiden, denn die auf dem Buchrücken ankündigte Konsequenz des privaten Ermittlers Wolf („Niemand wird mich dieses Mal aufhalten! Niemand!“) findet sich zwischen den Seiten letztlich nur bedingt wieder. Natürlich hat jeder Schnüffler anfangs mit denselben Problemen zu kämpfen. Das Schema „Ermittler stöbert herum, sticht ins Wespennest und bekommt eine handfeste Abreibung“ ist seit Chandlers Zeiten ein elementarer Bestandteil eines guten „Private-Eye“. Allerdings hat Schöne wohl vergessen, dass irgendwann auch der Punkt kommt, an welchem der Protagonist seine Fähigkeiten unter Beweis stellen beziehungsweise uns beweisen muss, dass er der Richtige für den Job ist. Im Fall von Wolf hat man damit so seine Probleme, denn trotz vieler guter, direkt an den Leser gerichteter Ratschläge zum Thema Verfolgungen, Knacken von Türen oder unbewaffnetem Nahkampf, wirkt der ehemals so erfolgreiche Zielfahnder stellenweise irgendwie – nun ja, hilflos.

Das allein schmälert zwar nicht das Lesevergnügen, da die spröde Art Wolfs durchaus zu gefallen weiß und auch der Humor zumeist sein Ziel erreicht, und den Roman zumindest bis zur Hälfte zu einer kurzweiligen und abwechslungsreichen Lektüre macht. Allerdings ahnt der regelmäßige Krimi-Leser schon zu diesem Zeitpunkt, welche Richtung die Nachforschungen im düsteren Gewölbe des „DDR“ nehmen könnten. Bei den meisten wohl mit der Hoffnung verbunden, ihre Vermutung würde sich doch bitte nicht bewahrheiten. Aber gerade so kommt es. Mit seiner „überraschenden“ Entdeckung torpediert Schöne die bis hierhin nachvollziehbare Handlung. Und auch wenn dadurch der Kahn zwar nicht gänzlich absäuft, so hat der Plot doch von nun an deftig Schlagseite.

An dieser Stelle liegt es nun am Leser und daran, wie er die Situation einschätzt. Hält er „Wolf hetzt die Meute“ für einen authentischen Kriminalroman, der sich ernsthaft mit den Verbrechen des DDR-Regimes auseinandersetzt? Oder wollte Schöne nur anhand eines geschichtsträchtigen Schauplatzes eben dieses Regime mit Hilfe der üblichen Genre-Mittel und einem guten Schuss künstlicher Übertreibung persiflieren?  Der Rezensent war der Auffassung, dass Schöne hier ein wenig die Zügel entglitten sind, da besonders die letzten hundert Seiten eine gute Dosis blutigen Slapstick bieten, welcher dem immer wieder tiefernsten Verhalten der Protagonisten komplett zuwiderläuft. Beim Versuch des Spagats zwischen Lee Child, Raymond Chandler und Thomas Harris wird wortwörtlich die Glaubwürdigkeit überdehnt, weswegen „Wolf hetzt die Meute“ leider viel Potenzial brach liegen lässt.

So bleibt leider am Ende eben kein „starkes Debüt“, sondern nur ein handwerklich solider, kurzweiliger, aber auch über längere Strecken unausgereifter Kriminalroman, der durch viele verschenkte Möglichkeiten und eine fehlende klare Richtung an Punkten einbüßt. Da das Ende eine Fortsetzung in Aussicht stellt, gebe ich Martin Schöne aber nicht auf und hoffe auf eine Steigerung beim nächsten Mal.

Cover © Pendragon Verlag

 

  • Autor: Martin Schöne
  • Titel: Wolf hetzt die Meute
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 28.02.2014
  • Einband: Paperback
  • Seiten: 368
  • ISBN: 978-3-86532-387-3
  • Sonstige Informationen:
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Wertung: 6/15 dpt