Gavin Extence - Das unerhörte Leben des Alex Woods Hörbuch - Cover © Random House Audio

Gavin Extence – Das unerhörte Leben des Alex Woods (Hörbuch, gelesen von Florian Lukas)

Gavin Extence - Das unerhörte Leben des Alex Woods Hörbuch - Cover © Random House AudioDie Story des Alex Woods beginnt damit, dass er siebzehnjährig auf dem Rückweg von der Schweiz gen England an der Grenze von Dover vom Zoll angehalten wird – In seinem Auto befinden sich eine Urne voller Asche, reichlich Geld sowie einhundertdreizehn Gramm Marihuana. Alex ist sich sicher, dass er absolut nichts verkehrt gemacht hat, denn all das, was er nach England mitnehmen wollte, nahm er aus gutem Grund mit. Und dann holt Woods aus und erzählt die Geschichte von Anfang an – oder genauer gesagt: beginnend mit seinem zehnten Lebensjahr.

Er hatte es bereits als Schulkind nicht einfach, denn seine Mitschüler hänselten ihn. Seine hellseherisch begabte Mutter brachte ihn immer wieder in peinliche Situationen, und das sorgte in der Schule und in seinem Umkreis ein ums andere Mal für unangenehme Lacher. Doch schon allein die Tatsache, dass auch er selbst eben nicht mit dem Strom schwamm und ein wenig anders tickte als all die anderen, sorgte dafür, dass er gemieden wurde und kaum soziale Kontakte pflegte. Eines Tages sauste ein Meteorit auf Alex zu und verletzte ihn am Kopf, wodurch er Epileptiker wurde. Das ließ ihn in den Augen seiner Schulfreunde noch sonderbarer erscheinen, was spätestens klar war, als man ihn aus dem Krankenhaus entließ.

Als er merkte, dass die Aussicht, Anschluss zu finden, keinerlei Hoffnung feilbot, zog er sich in seine eigene Welt zurück, eine Welt, in der Wissenschaft, insbesondere Astronomie sowie  Literatur (besonders die des Kurt Vonnegut) bis heute eine große Rolle spielen. Und der Meteorit, den er aus dem Krankenhaus mitgegeben bekommen hatte und seitdem behütet wie einen Schatz, bedeutete ihm ebenfalls ungeahnt viel.

Wieder einmal wird Alex gepiesackt und flieht vor einer Gruppe Halbstarker, die ihn quer durch den Ort treiben. Auf der Flucht vor den Intelligenzallergikern und der Suche nach einem Versteck vor ihnen trifft er unverhofft auf den alten, schrulligen, gewöhnungsbedürftigen und anfangs brummigen Mr. Peterson, dem Alex einen gehörigen Schrecken einjagt. Was bricht der kleine Pimpf denn ausgerechnet bei ihm ein?

Doch zu dem isoliert lebenden Witwer entwickelt sich bald ein zutiefst freundschaftliches Verhältnis – und das Leben dieses ungleichen Duos, bei dem sich Stück für Stück aufklärt, weshalb sie beide so sind wie sie sind,  nimmt eine sonderbare, aufregende Wendung, die die beiden immer enger zusammenschweißt. Mr. Peterson äußert ihm gegenüber nach einiger verstrichener Zeit einen besonderen Wunsch, und Alex soll ihm diesen erfüllen. Ein Wunsch, bei dem Menschenrechte, Gesetz und Humanität mit voller Wucht aufeinanderprallen – ähnlich wie das kosmische Gesteinsstück auf Alex‘ Kopf. Aber für den  junge Woods ist es eine Selbstverständlichkeit, Petersons Wunsch nachzukommen.

Ganz abgesehen davon, dass der britische Autor Gavin Extence mit dieser Geschichte einen grandiosen Spagat zwischen Ruhe und Turbulenz zustande bringt, lässt er den Leser ohne Umwege in die Gedankenwelt des Jungen eintauchen und ihn durch dessen Augen die Welt sehen, in ihrer Gesamtheit, mit Alex‘ Lebensgefühl und Wahrnehmung, wobei dies in der vorliegenden Hörbuchversion vor allem dem begnadeten Hörbuchsprecher und Schauspieler Florian Lukas zu verdanken ist, der durch seine jugendlich-warme Stimme einen direkten Draht zwischen Hörer und Protagonist zu spannen weiß.

Zwischen all den Schilderungen bekommt der Hörer ein klein wenig den Unterschied zwischen Meteoriten, Meteoren und Meteoroiden erklärt, doch inmitten all der Astronomie und Literaturfachsimpelei spielt vor allem der menschliche Faktor eine bedeutende Rolle, besonders aber stimuliert Extence durch unzählige Gedanken und Denkansätze die philosophische Ader des Hörenden respektive Lesenden. Nicht auf eine eloquente oder andersartig hochtrabende Art, sondern mit der Klugheit eines cleveren, talentierten Kindes, welches nach seiner ganz eigenen Logik das Leben begreift.

Eine besondere Stärke dieses Werkes ist allerdings dessen Kontrastreichtum, denn einerseits birst „Das unerhörte Leben des Alex Woods“ vor Zynismus, unterhaltsamer Naivität und Flapsigkeit und birgt seinen ganz eigenen, besonderen Humor in sich, andererseits geht einem die allzeitig durchschimmernde Tragik sehr nahe, sodass man – so abgedroschen es klingen mag – ein wahres Wechselbad der Gefühle durchlebt. Manche Passagen sind gleichzeitig so traurig und schön, dass die Äuglein von einem feuchten Tränenfilm benetzt werden, andere Passagen wiederum sind derart komisch, dass man erst mal lachend die Pause-Taste drücken muss, bevor man sich wieder auf das weitere Geschehen konzentrieren kann.

„Das unerhörte Leben des Alex Woods“ ist – zumindest aus rein subjektiver Sicht – einer der schönsten und bewegendsten Debütromane des Jahres 2014, da er auf eine reichhaltige und dennoch nüchterne Art zu bezaubern weiß – womit sich der Kreis der Dualität schließt, denn die Zwei findet sich hier überall wieder. In der Freundschaft zwischen Alex und Mr. Peterson. In den zahlreichen Gegensätzen, die in diesem Werk mit- und gegeneinander wirken. Im „richtig gegen falsch“.  Im „ein kleiner, britischer Junge und das Universum, das ihn einhüllt“.

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Wertung: 14/15 dpt