Oliver Uschmann – Überleben beim Fußball – Expeditionen am Ball (Buch)


Oliver Uschmann - Überleben beim Fußball (Buch) Cover © Heyne Hardcore

Man könnte dem von seiner Frau Sylvia Witt mehr als nur kreativ unterstützten Autor Oliver Uschmann – die gemeinsame Bibliographie geht stramm auf die zwanzig Titel zu – Kalkül vorwerfen, genau im Jahre der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien ein thematisch passendes Buch auf den Markt zu bringen. Doch damit täte man gerade Uschmann unrecht. Denn der dritte “Überleben beim…”-Band widmet sich zwar zu einem großen Teil dem wohl beliebtesten Sport der Deutschen, doch es ist beileibe nicht so, dass hier einseitig gefachsimpelt und verklärt Rasenromantik betrieben wird. Dieses grüngewandete Werk dürfte zwar auch die Fachidioten (im positiven Sinn) ansprechen, doch selbst Fußballmuffel können durchaus eine Menge Spaß an diesem Buch haben – wie beispielsweise der diesen Artikel verfassende Rezensent, für den Events wie die kommende WM in etwa so aufregend sind wie eine neue DSDS-Staffel, Durchfalltablettenwerbung während des Sofaknutschens oder der allsamstägliche Rasenmäher- und Rasenkantenschneidemarathon auf dem Dorf.

Unterteilt ist das Buch in insgesamt sieben Bereiche. Im ersten Teil werden die Akteure, sprich unterschiedlichen Spielertypen unter die Lupe genommen – Uschmann erklärt uns, was Beaus, Bollwerke und Flöhe sowie die 6er und die 9er charakterisiert, während er in den neun Kapiteln des zweiten Teils beispielsweise die Ultras, die Alten, die Fachmänner oder die Couch-Potatoes etwas genauer unter die Lupe nimmt. In den weiteren Teilen werden dann noch Veranstaltungen (“Der Krimi”, “Das 0:0”, “Das Kreisligaspiel”) sowie Rituale und Phänomene (“Das Rotzen”, “Das Warten auf die Action”, “Das Ignorieren”) zerpflückt und mit unterhaltsamen Erzählungen garniert, sodass Kurzweil garantiert ist. Auch ulkig ist der Teil, in welchem die wichtigsten Phrasen und ihre Bedeutung thematisiert werden. Was ist mit »Es gibt keine Kleinen mehr.« und »Die Null muss stehen!« gemeint? Was bedeutet »Sie müssen die Räume eng machen« oder »Er dringt einfach nicht mehr zur Mannschaft durch!«?

Vor der “Verlängerung” inklusive Gastbeitrag seines guten Freundes Rüdiger Alke gibt es dann noch eine kleine Länderkunde zu begrinsen, und im Gegensatz zu Horst Evers’ enttäuschendem Neuwerk “Vom Mentalen her quasi Weltmeister” ergeht sich Uschmann keineswegs in stumpfer Abarbeitung bekannter und erfundener Klischees, sondern geht deutlich respektvoller, realistischer und zuweilen auch deutschlandironischer zu Werke – und wenn er dann doch mal die Stereotypen der Einwohner des jeweiligen Landes auf die Schippe nimmt, dann mit einem angenehmen Mix aus Frechheit und Feingefühl.

[pullquote]Ein Spaziergänger, der mich im Sommer im Garten beobachtet, muss denken, ich sei wahnsinnig. Oder aggressiv. Ein Münsterländer Heckenterrorist.
»Meint der mich?«, fragt sich der Spaziergänger, wenn ich grimmig mit der Hand in der Luft herumfuchtele, tiefe Furchen auf der Stirn und lautlos Kommentare schreiend.
»Will der, dass ich verschwinde?«
In Wirklichkeit dirigiere ich ausgedachte Mitspieler im Fantasiestadion. Sie stehen falsch vor dem Freistoß, und wer falsch steht, dem hilft auch keine Körpergröße. In meiner Innenverteidigung spielen nur Riesen. Jan Kirchhoff und Per Mertesacker, zusammen 3,93 Meter. Aber sie stehen falsch. Auf dem Gartentisch liegt der Block mit der Aufstellung.
»Hey!!!«, rufe ich Per und Jan nun auch laut zu, und die Stimmbänder rasseln.
»Hey!!!«
Der Spaziergänger zieht den Kopf ein und flüchtet.

(“Mit dem Kopf auf dem Rasen”, S. 380) [/pullquote]

“Überleben beim Fußball – Expeditionen am Ball” ist folglich kein Kickerlateinkompendium, sondern ebenso eine kleine Sammlung von Anekdoten, Erinnerungen und Gedankenspielen, die weit über den Sport hinausgehen und oftmals gar absurde Gestalt annehmen. Dabei gelingt es Uschmann praktisch durchgehend, treffsichere Pointen zu platzieren und es mit den Spielereien und der Wortakrobatik nie zu übertreiben – selbst die auffallend häufigen Alliterationen fügen sich letztendlich in dieses gelegentlich sehr überzeichnete Werk problemlos ein – und wo wir gerade den Terminus “zeichnen” aufgegriffen haben: Illustrator und Cartoonist Michael Holtschulte peppt das Buch visuell dezent mit ein paar thematisch passenden Zeichnungen auf – Uschmann liefert die Vorlage und Holtschulte verwandelt brillant, um es mal fußballaballa auszudrücken.

Besonders aber ist dieses fast vierhundertseitige Druckwerk eine Herzensangelegenheit Oliver Uschmanns, denn sein 2011 verstorbener Vater Jürgen Uschmann, eine Spieler- und Trainerlegende im Kickersport rund um Wesel, welche auch jenseits der 40 Jahre noch über das Spielfeld fegte, wusste seinen Filius für diesen Sport schon von jungen Jahren an zu begeistern und konnte ihm so manche Blickwinkel aufzeigen, die dem ein oder anderen gewöhnlichen Fußballfan wohl kaum in den Sinn kämen. “Überleben beim Fußball” ist demnach nicht nur das Buch eines Fußballfans, eines wunderbaren, humorvollen Geschichtenerzählers und eines zuweilen verschrobenen Querkopfes, sondern auch das eines seinen Vater liebenden Sohnes, welcher seinem Erzeuger mehrfach Ehre erweist, ihm mit bleibenden Worten – oft auch zwischen den Zeilen – von Herzen dankt. Für alles. Das verleiht dem Buch letztendlich zwischen all den Lachern eine melancholische, höchst liebevolle Stimmung, die einen einfängt.

“Überleben beim Fußball” ist erfrischend weit weg vom Fußballfan-Klischee der Sorte »Uga, grillen, Bier« ohne Sinn und Verschlaaand, sondern ein sympathischer, an Zwischentönen reicher Mix aus Humor, Melancholie, Hirngespinsten, Ironie und Herzlichkeit, der selbst den nicht fußballaffinen Zeitgenossen Spaß bereiten kann. Vorausgesetzt man ist open-minded genug und macht die Räume im Oberstübchen nicht allzu eng.

Cover © Heyne Hardcore

Wertung: 12/15 dpt


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